Es passiert nicht oft, dass man von einem Buchtitel angesprochen wird und sich nur auf Grund dessen, und vielleicht wegen eines knappen Buchrückentextes zum Kauf eines Buches entscheidet. In diesem Falle war es die einzig richtige Wahl, die ich in meinem Leben hätte treffen können.
Das Buch vertritt eine neue biologische Sicht des Lebendigen, unserer Welt und des ganzen Universums, denn die Gedanken dieses Buches erschöpfen sich nicht bloß in der Naturwissenschaft Biologie, sie sind nicht nur für Studenten und Laien interessant. Andreas Weber führt den Leser Stück für Stück einer Leiter gleich höher hinauf, bis man erkennt, dass die Einsicht und Bedeutung einer schöpferischen Ökologie, denn darum geht es in diesem Buch, für uns alle zweierlei bedeutet: 1. Wir sind Natur, schlicht und einfach. Kein Teil derselben, kein ihr gegenüberstehender, überlegener Schöpfungswille, sondern Fleisch gewordene Natur, Begierde, zu leben und zu erschaffen. 2. Alles ist verschränkt. Wir sind Natur und jedes Lebewesen ist ein Teil von uns, weil auch es selbst Natur ist. Mit jeder aussterbenden Rasse verlieren wir eine Möglichkeit der Ausdruckskraft für uns selbst und ein Stück Seele, in der wir uns nicht mehr erkennen können. Webers Ansatz geht über die bloße Forderung der Erhaltung der Natur hinaus, weil wir die anderen Tierarten aus Nützlichkeit bräuchten. Sein Ansatz, bzw. natürlich der Ansatz der "schöpferischen Ökologie", die viele andere vorbereitet und gelehrt haben und die er versucht der Öffentlichkeit näher zu bringen, ist ungleich auf einer höheren Ebene: Wir brauchen die Natur und alle Lebewesen, weil sie symbolisch darstellen, was wir versuchen mit Sprache auszudrücken. Fehlt uns das lebendige Gegenüber und begreifen wir es nur als Maschine, dann werden wir niemals das Leben begreifen und wir werden schlussendlich uns selbst nicht mehr verstehen, weil uns unser eigenes Gegenüber fehlt.
Dabei stört es mich nicht, dass dieses Buch angeblich keinem wissenschaftlichen Standard entspricht, denn was ist denn dieser wissenschaftliche Standard? Gilt eine Aussage nur als sicher und veröffentlichungswürdig, wenn ich sie mit einem Experiment bestätigt habe? Ist es also erst erlaubt zu sagen, dass eine Amöbe, ein Hase, ein Affe, eine Seele besitzt, wenn ich ihm das Leben genommen, seinen Schädel geöffnet und Experimente mit ihm angestellt habe? Ich hoffe doch nicht...Gilt sie erst als gesichert, wenn sie über zahlreiche Zitate und viele Publikationen verfügt? Auch dass erscheint mir bei den meisten richtigen, aber leider nicht der Norm und dem Zeitgeist entsprechenden Aussagen für sinnlos. Für mich ist eine Aussage ernstzunehmen und nachvollziehbar, wenn sie einzig und allein gute Argumente vorbringen kann, und die hat Andreas Weber en mass zu bieten. Er selbst hat Biologie studiert und berichtet in einem ergreifenden Kapitel über den Irrtum der Wissenschaft, indem er gemeinsam mit seinem damaligen Professer an einem kleinen Kaninchen das Leben verstehen wollte, indem dem Tier eine Elektrode ins Gehirn gepflanzt wurde. Er beschreibt auf eindrückliche Art, wie dieses Lebewesen als leblos behandelt und präpariert wird, als wäre das Zucken seiner Gliedmaßen, das hecktische Bewegen des Kopfes und das erstickte Röcheln nicht ein deutliches Zeichen dafür, dass der Hase mehr um sein Leben kämpft, als die meisten Menschen. Nur weil er keine Sprache besitzt, soll er nicht auf der gleichen Stufe stehen wie wir?
Mich hat das Buch zutiefst bewegt. Ich möchte Biologie oder Biochemie studieren und habe vielfach schon von der modernen Wissenschaft, ihrem Glauben an Reduktionismus und Kausalität gelesen und bin zutiefst erschrocken über die heutige Herangehensweise an das Lebendige. Wie kann es sein, dass Romantiker wie Novalis, Schriftsteller wie Goethe oder Biologen aus Estland wie Varela der Wahrheit Näher gekommen sind als Menschen, die ihr Leben lang dieses Fach studieren und am Ende bei der Untersuchung von einzelnen Atomen in einer Nervenzelle angelangt sind, aber nicht wissen, dass das, was sie untersuchen, eine Seele besitzt, oder zumindest, um ein anderes Wort zu besitzen, Bedürfnisse und den Wunsch, weiterzuleben? Wer würde einem Einzeller, der sich mit seiner Geißel dem Licht nähert und schwerelos durch das Wasser gleitet, absprechen wollen, dass er weiterleben will? Und wer dies nicht kann, muss der nicht auch in nächster Konsequenz bejahen, dass dieser Einzeller damit das wichtigste Kriterium des Lebendigen erfüllt? Nämlich weiterzusein, was man ist, fortzubestehen? Ich denke ja. Ich möchte nicht mehr hören, dass Tiere keine Seele besitzen, keine Gefühle verspüren und nicht in der Lage sind, zu denken sondern nur ihren Trieben gehorchen (müssen).
Andreas Weber ist für mich ein großartiger und poetischer Autor, der uns behutsam an die Materie und die neuen Gedankengänge eranführt. Am Anfang steht eine Betrachtung des Begriffes "Lebendig" und eine Erörterung dessen, was die gemeine Biologie darunter versteht und was wir vielleicht darunter verstehen sollten. Dann folgt das Buch konsequent der Erarbeitung der schöpferischen Ökologie. Wir lernen die bedeutenden Begründer dieser Denkrichtung kennen, wir lernen Gedankengänge und umfangreiche Konzepte kennen, die uns aber meistens keinerlei große Anstrengung abverlangen, sondern die wir fast dankbar intuitiv mit einem Nicken bestätigen können. Für mic hist dies das Zeichen einer richtigen Idee. Andreas Weber verstrickt dabei immer persönliche Erfahrung und einen umfangreichen Erfahrungssschatz, vermischt mit Zitaten und Aussagen mannigfaltiger Persönlichkeiten, von Romantikern, Schriftstellern über Physiker und schließlich auch Künstlern oder Psychlogon. Er zeigt uns nicht nur eine Sichtweise, sondern eine breit angelegte Perspektive dessen, wovon er überzeugt ist: Dass die schöpferische Ökologie eineen Ausweg aus der Sackgasse der Biologie weisen kann, ein neues Verständis für das Lebendige. Wer sich näher mit dem Thema beschäftigen will, findet im Anhang eine umfangreiche Literaturangabe mit Buchtipps für fast alle Richtungen.
Für mich war das Buch eine wahre Wohltat und ein Genuss. Der Schreibstil ist weit entfernt von einer nüchternen Theorieerklärung, ebensowenig wie es sich um ein populärwissenschaftliches Buch handelt. Das Buch ist in höchstem Grade poetisch und eingängig, niemals belehrend und erst recht nicht zwingend. Immer lässt Weber einem selbst überlassen, ob man den Gedanken akzeptieren oder das Kapitel lesen möchte. Man kann gerne ein Kapitel überspringen und z.B. die Quantentheorie mit der Idee der Verschränktheit auslassen und hat trotzdem ein paar tolle und denkwürdige Ansätze für eine neue Betrachtung des Lebendigen gewonnen.
Ich wünschte es gäbe eine deutsche Universität, die diese Ökologie lehrte.