Aus der Amazon.de-Redaktion
Ausschlachtung der Kampfzone. "Halten Sie mich für zurechnungsfähig?" Auf die Frage, die der Held in Ralph Hammerthalers erstem Roman an einen ICE-Minibarkeeper richtet, möchte der Leser anstelle des geplagten Dienstmanns mit einem lauten "Nein!" antworten. Dabei befindet sich der Mitdreißiger gleichsam auf der Überholspur des Lebens: Egal, ob er im Volvo von Berlin zur fahl-blonden Geliebten ins triste Jena braust, aus den Boxen dröhnt Groove Armadas "I love you Baby", ob als Verleger eines Edelfeder-Wissenschaftsmagazins: "Es lief in der Liebe und im Verlagsgeschäft so gut, dass ich den Systemkitzel, ob Liebe, ob Geschäft, nicht mehr allzustark spürte." Der Überflieger, der sich gern cool gibt, leidet an zunehmendem Weltekel; der Ärmste hat Angst vor dem Nichts und sucht nach einem Kitzel. Ein Revolver muss her, doch russsisches Roulette im Luxushotel wird auf die Dauer auch fad -- also betreibt unser Held die Vernichtung seines einzigen Freundes Lorenzo, indem er dessen Freundin Anne nach allen Regeln der Kunst verführt, ein letzter Kick -- der Schmerz soll ihn seiner Existenz versichern: "Ich werde erschüttert sein."
Nicht nur der präpotente Icherzähler bleibt in diesem wirren Aussteigerdrama aus den besseren Kreisen auf der Strecke: Westprofessor Schulz greift zum Strick, weil er es nicht ertragen kann, auf dem Lehrstuhl eines abgewickelten Ostkollegen zu sitzen; einem Berliner Baustadtrat sprengen Dunkelmänner via Briefbombe drei Finger weg, Klavier wird er nicht mehr spielen können. Der Autor, so entnehmen wir dem Waschzettel, "lebt heute in Berlin und schreibt als Journalist über kulturelle Themen". Warum also nicht ein paar dieser -- mitunter sogar amüsanten -- Feuilletons zur Baupolitik der neuen Mitte, zum öden Leben in der zu Tode regulierten sozialen Marktwirtschaft, zur grauen Ex-DDR mit gepflegten Houellebecq-Gemeinheiten zu Liebe und Sex aufbrezeln? Das Ganze gut abgeschmeckt mit einer Prise philosophischer Weltbetrachtung -- die Danksagungen gehen an Luhmann, Kierkegaard und Barthes: fertig ist die "Geschichte eines Verführers, der die Welt ausschließlich als Aufforderung zum Konsum begreift und daran zugrunde geht". Alles klar? Danke, bestens. --Niklas Feldtkamp
Kurzbeschreibung
Je skrupelloser, desto erfolgreicher - ist das nicht die Maxime der urban professionals, die den Ton angeben in Wirtschaft und Gesellschaft? Ralph Hammerthaler zeichnet in seinem Roman das Bild eines Mannes, der in frühen Jahren alles erreicht hat: "Es lief alles bestens." Es läuft so gut, dass alles schal zu werden beginnt. Einzig die Gespräche mit seinem Freund Lorenzo wecken noch sein Interesse, ihr ausschließliches Thema: die Liebe. Gelten hier die gleichen Gesetze wie in der Geschäftswelt? Gibt es einen heimlichen Liebescode, der einem alle Türen öffnet? Ist Liebe überhaupt dauerhaft möglich? Hammerthaler erzählt die moderne Geschichte eines Verführers, der die Welt ausschließlich als Aufforderung zum Konsum begreift und daran zugrunde geht. Fantasie und Realität geraten ihm zunehmend durcheinander, was seinen Blick auf Berlin, auf die Veränderungen in der Stadt und auf soziale Brüche zwischen Ost und West nur noch schärfer macht. Ein besonders perfider Plan soll ihm einen letzten Kick verschaffen: nach allen Regeln der Kunst macht er sich an Lorenzos Freundin heran... Ralph Hammerthalers Roman liest sich wie das literarische Porträt einer Generation, die die Ökonomie als Lebensgefühl verinnerlicht hat. Ihr Motto: Alles bestens.