20 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen
Sehr gewollte Gesellschafts- und Zeitkritik, 4. August 2006
Rezension bezieht sich auf: Alles auf dem Rasen (Gebundene Ausgabe)
Juli Zeh zählt gewiss zu den wenigen viel versprechenden Persönlichkeiten hohen Ranges, die derzeit auf dem deutschen Buchmarkt - zwischen allfälliger Pop-Literatur und der x-ten Biographie von sonstwem - selten genug sind. Zehs Talent ist ein ausgesprochen gewitzter, frecher, ja, schonungsloser Umgang mit der deutschen Sprache. "Schonungslos" ist dabei in der gesamten breiten Palette der Konnotate dieses Wortes zu verstehen. An mancher Stelle entzündet Zeh ein wahres Feuerwerk an Sprachkunst, das - wenn man inhaltlich auch nicht immer zustimmen mag - allein um der Sprachkunst Willen als à la bonne heure zu bezeichnen ist.
Doch was als freche, schonungslose Bestandsaufnahme daherkommt, ist schon ein bisschen zu sehr mit diesen Attributen in der Verpackung angepriesen. Und das stört. Zwar versteht man in den prosaischen Beiträgen durchweg, anders als in "Spieltrieb", worum es der Autorin geht, aber in "Alles auf dem Rasen" dringt diese bewusst zu erzielende Wirkung ein bisschen zu stark hervor. In manchen Fällen wird der Leser nicht mehr zum Nachdenken angeregt, wird entweder seiner Autonomie, einen eigenen Zugang zu den Themen zu entwickeln, beraubt oder steht etwas neben dem ganzen inhaltlichen Geschehen, weil Zeh an der ein oder anderen Stelle leider doch mehr frech-frivole Worthülsen als tiefer greifende Auseinandersetzung liefert. An diesen Stellen scheint Zeh das Banale sprachartistisch als beutungsvoll verkaufen zu wollen - Prädikat "made by Zeh".
Fazit: In vielen "Essays" (Kurzgeschichten wäre hier und da eine bessere Bezeichnung) erweist sich das Ganze als sprachlich beeindruckend, intellektuell spitzfindig und somit überaus lesenswert. In anderen Fällen ist das Produkt einfach nur metaphernreich, aber inhaltsleer. Oder intellektuell, aber ohne Seele.
Viele der Essays/Kurzgeschichten sind bereits veröffentlicht worden - das ein oder andere wird man kennen. Das qualitative Leistungsgefälle erschöpft dabei die Skala von 1-10.
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4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen
Amüsant, aber vieles ziemlich banal, 24. Februar 2010
Sie sind leicht und gut zu lesen, diese Artikel. Essays möchte ich nicht sagen, dafür werden die Themen zu kurz (und zu oberflächlich?) abgehandelt. Es sind amüsante Geschichten, die einem jedoch nur eine Welt zeigen, die man schon kennt. Man schmunzelt machmal und man erkennt sich auch oft wieder, aber was ist eigentlich der Sinn? Mir fiel beim Lesen immer wieder Horst Evers ein. Und der macht das dann doch besser.
Angetan von ihrer Literatur hatte ich mir hier mehr erwartet. 3 Sterne für den amüsant-Faktor.
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18 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Kritische Bestandsaufnahme, 18. April 2006
Rezension bezieht sich auf: Alles auf dem Rasen (Gebundene Ausgabe)
Juli Zeh ist eine der erfolgreichsten jungen Schriftstellerinnen ihrer Generationund ein wahrer Star der Literaturszene. Sie ist Juristin und diplomierte Literatin am Literaturinstitut in Leipzig. Sie ist als Meinungsmacherin gefragt, weil sie einen hohen Lesedrang und ein hohes Sendebewusstsein hat.
"Alles auf dem Rasen" hat mit Fußball und der bevorstehenden WM nichts zu tun, sondern es ist eine Sammlung ihrer Artikel und Essays zu Politik, Literatur und Gesellschaft.
Juli Zeh berichtet über die Gefühlslage im wachsenden Europa, von den einstigen Kriegsschauplätzen in Kosovo, weiter Themen sind Beiträge zu Recht, Literatur, Politik, Pornografie, Liebe, Globalisierung, Kapital, Generationenvertrag, Kanzlerinnenfrage und Beziehungsmodelle.
Das sind die interessante n Themen über die sie humorvoll, hintergründig, hintersinnig und gescheit schreibt. Nehmen wir die Kanzlerfrage. Juli Zeh findet die Frage ob Mann oder Frau eine extrem verwaltete Auffassung, so macht sie die Kanzlerin zum Neutrum, sagt das Merkel. Sachthemen sind nach ihrer Meinung wesentlich wichtiger als das biologische Geschlecht.
Sieht sie sich in ihrem Bekannten- und Freundeskreis um, dann muss sie feststellen, dass Frauen in ihrem Alter mit akademischem Abschluss unverheiratet und kinderlos sind. Die Kinderlosigkeit sieht sie in diesem Zusammenhang in dem Wunsch begründet, sich beruflich in vollem Umfang verwirklichen zu können, gepaart mit der enormen Angst, das eigenen Leben nicht unter Kontrolle zu bringen.
Partei- und Politikverdrossenheit sieht sie bei ihrer Generation generell auch nicht. Die Menschen sind nicht unpolitisch, sondern sie bilden sich sehr dezidierte Meinungen. Ihre Auffassungen finden sie jedoch nicht nur in einer Partei, sondern verteilt über alle Parteien wieder. Ihre Wählerstimme würden sie so am liebsten geviertelt abgeben.
Schließlich geht sie in einem interessanten Beitrag auf das Thema Partnerschaft ein. Viele Freunde und Freundinnen in ihrem Umkreis pochen in der Partnerschaft vordergründig auf Unabhängigkeit. Ich lebe mein Leben", diese Einstellung findet die Autorin gar nicht erstrebenswert. Sie spricht sich bewusst für die symbiotische Liebe aus, dass es nicht Schöneres gibt als den anderen zu brauchen. Der extreme Freiheitsdrang in den Beziehungen ist die Gegenreaktion auf ein stark verregeltes, institutionalisiertes Beziehungsmodell, aus dem man aus gesellschaftlichen Gründen nicht ausbrechen". Eine Ehe auf Lebenszeit war out, die Gegenbewegung ist die Lebensabschnittspartnerschaft. Die Menschen, die dieses Modell praktizieren sind überhaupt nicht so glücklich, wie sie vorgeben. Diese sehr freiheitlichen Beziehungen werden auch von Verlustängsten geplagt, denn so unabhängig man selber ist, will auch der andere sein. Und wenn Angst in der Beziehung eine Rolle spielt, das zerbröselt die Fundation.
Für Juli Zeh gibt es allerdings nichts Besseres als eine solide gegenseitige Abhängigkeit. Ihr romantisches Modell ist eine längerfristige Beziehung, wo sich zwei Menschen zwar unabhängig voneinander verwirklichen können, wo beziehungsintern Strukturen aufgebaut werden, wo man sich aufeinander verlasen kann. Die Sicherheit, dass der Partner auch morgen noch da ist, gibt Freiheit und Stärke. Die Autorin fühlt sich ganz wohl mit dem Gefühl, jemand zu brauchen und von jemand gebraucht zu werden.
Diese und viele weitere interessante Beiträge finden sich in dieser zeitgenössischen Bestandsaufnahme. Es gibt unwahrscheinlich viele Reflexionsebenen in diesem Brevier. Eine klare Sprache. Viel Philosophie, keine Langeweile, immer ereignisvoll. Ein Buch das ich mit Nachdruck und Leidenschaft empfehlen kann.
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