Juli Zeh ist eine der erfolgreichsten jungen Schriftstellerinnen ihrer Generationund ein wahrer Star der Literaturszene. Sie ist Juristin und diplomierte Literatin am Literaturinstitut in Leipzig. Sie ist als Meinungsmacherin gefragt, weil sie einen hohen Lesedrang und ein hohes Sendebewusstsein hat.
"Alles auf dem Rasen" hat mit Fußball und der bevorstehenden WM nichts zu tun, sondern es ist eine Sammlung ihrer Artikel und Essays zu Politik, Literatur und Gesellschaft.
Juli Zeh berichtet über die Gefühlslage im wachsenden Europa, von den einstigen Kriegsschauplätzen in Kosovo, weiter Themen sind Beiträge zu Recht, Literatur, Politik, Pornografie, Liebe, Globalisierung, Kapital, Generationenvertrag, Kanzlerinnenfrage und Beziehungsmodelle.
Das sind die interessante n Themen über die sie humorvoll, hintergründig, hintersinnig und gescheit schreibt. Nehmen wir die Kanzlerfrage. Juli Zeh findet die Frage ob Mann oder Frau eine extrem verwaltete Auffassung, so macht sie die Kanzlerin zum Neutrum, sagt das Merkel. Sachthemen sind nach ihrer Meinung wesentlich wichtiger als das biologische Geschlecht.
Sieht sie sich in ihrem Bekannten- und Freundeskreis um, dann muss sie feststellen, dass Frauen in ihrem Alter mit akademischem Abschluss unverheiratet und kinderlos sind. Die Kinderlosigkeit sieht sie in diesem Zusammenhang in dem Wunsch begründet, sich beruflich in vollem Umfang verwirklichen zu können, gepaart mit der enormen Angst, das eigenen Leben nicht unter Kontrolle zu bringen.
Partei- und Politikverdrossenheit sieht sie bei ihrer Generation generell auch nicht. Die Menschen sind nicht unpolitisch, sondern sie bilden sich sehr dezidierte Meinungen. Ihre Auffassungen finden sie jedoch nicht nur in einer Partei, sondern verteilt über alle Parteien wieder. Ihre Wählerstimme würden sie so am liebsten geviertelt abgeben.
Schließlich geht sie in einem interessanten Beitrag auf das Thema Partnerschaft ein. Viele Freunde und Freundinnen in ihrem Umkreis pochen in der Partnerschaft vordergründig auf Unabhängigkeit. Ich lebe mein Leben", diese Einstellung findet die Autorin gar nicht erstrebenswert. Sie spricht sich bewusst für die symbiotische Liebe aus, dass es nicht Schöneres gibt als den anderen zu brauchen. Der extreme Freiheitsdrang in den Beziehungen ist die Gegenreaktion auf ein stark verregeltes, institutionalisiertes Beziehungsmodell, aus dem man aus gesellschaftlichen Gründen nicht ausbrechen". Eine Ehe auf Lebenszeit war out, die Gegenbewegung ist die Lebensabschnittspartnerschaft. Die Menschen, die dieses Modell praktizieren sind überhaupt nicht so glücklich, wie sie vorgeben. Diese sehr freiheitlichen Beziehungen werden auch von Verlustängsten geplagt, denn so unabhängig man selber ist, will auch der andere sein. Und wenn Angst in der Beziehung eine Rolle spielt, das zerbröselt die Fundation.
Für Juli Zeh gibt es allerdings nichts Besseres als eine solide gegenseitige Abhängigkeit. Ihr romantisches Modell ist eine längerfristige Beziehung, wo sich zwei Menschen zwar unabhängig voneinander verwirklichen können, wo beziehungsintern Strukturen aufgebaut werden, wo man sich aufeinander verlasen kann. Die Sicherheit, dass der Partner auch morgen noch da ist, gibt Freiheit und Stärke. Die Autorin fühlt sich ganz wohl mit dem Gefühl, jemand zu brauchen und von jemand gebraucht zu werden.
Diese und viele weitere interessante Beiträge finden sich in dieser zeitgenössischen Bestandsaufnahme. Es gibt unwahrscheinlich viele Reflexionsebenen in diesem Brevier. Eine klare Sprache. Viel Philosophie, keine Langeweile, immer ereignisvoll. Ein Buch das ich mit Nachdruck und Leidenschaft empfehlen kann.