Katja Behrens beschreibt nachvollziehbar, wie Anne Sullivan das taubblinde Kind Helen Keller aus seiner Isolation befreit, und macht eine kaum vorstellbare Leistung auch einem Laien verständlich. Besonders anschaulich wird geschildert, wie Helen ihre verbliebenen Sinne nutzt. Helen war ein WUnderkind und ANnie eine "Wunderlehrerin", aber sie waren keine Pioniere - das waren Laura Bridgman und ihr Lehrer Dr. Howe, dessen Methode ANnie angewendet hat. Ich wüßte gern mehr über Laura Bridgman, ihre Geschichte ist über der von Helen in Vergessenheit geraten, aber sicher mindestens ebenso faszinierend.
Auch das Bildmaterial fand ich sehr schön, habe mich vor allem über das Foto von Laura Bridgman gefreut, von der ich bis dahin noch kein Bild gesehen hatte. Eine interessante Zugabe ist das Lorm-Alphabet, mit dem Taubblinde kommunizieren, es war jedoch nicht das Alphabet, das Helen benutzt hat - sie verwendete das Fingeralphabet für Gehörlose.
Warum Helen in den Augen ihrer Mutter keinen Mann haben durfte, habe ich nicht kapiert - die Autorin schreibt, daß Kate Keller noch in der Denkweise des 19. Jahrhunderts befangen war - nun gut, aber was heißt das? Durften Blinde oder Taube im 19. Jahrhundert nicht heiraten? Helens väterlicher Freund Bell hatte doch auch eine taube Frau.
Ein Minuspunkt ist die stellenweise monotone Sprache des Buches ("Glaubt sie. Redet sie sich ein."), die mir den Eindruck gab, die Autorin habe besonders "cool" klingen wollen.
Von "Political Correctness" ist die Autorin weit entfernt und verwendet durchgängig mittlerweile verpönte Ausdrücke wie "Neger" oder "taubstumm".
Ich habe das in der ersten Version dieser Rezi kritisiert, bin jetzt aber nicht mehr ganz so sicher... Die Autorin verteidigt die Bezeichnung "taubstumm" - wer Laute nicht höre, könne sie auch nicht nachbilden, nicht umsonst verbinde die Sprache "taub" und "stumm" zu einem einzigen Begriff. Die gehörlose Bonnie Poitras Tucker dagegen stellt in ihrer Autobiographie beleidigt fest: "Mit meinen Stimmbändern ist auch alles in Ordnung, im Gegensatz zu dem abfälligen Begriff taubstumm!" Gehörlose lehnen diese Bezeichnung inzwischen ab, und wer die Biographie einer tauben Frau schreibt, sollte das zumindest wissen. Eine Formulierung wie "Die schaurigen Schreie (!) des taubstummen (!) Kindes" klingt für mich wirklich außerordentlich komisch. Andererseits, wie soll man jemanden nennen, der keine Lautsprache produzieren kann? Und ich bin auch - nach viel Nachdenken - gegen eine Überreglementierung der Sprache, durch die man nicht mehr unbefangen reden kann - finde es z. B. oberpeinlich, wenn Leute krampfhaft von "Sinti und Roma" sprechen und dabei immer wieder stolpern, weil ihnen eigentlich "Zigeuner" auf der Zunge liegt. Tja, was macht man da...? Habe leider keine Lösung.
Ich fand es oft bedrückend, daß Helens große Leistungen einen hohen Preis hatten, nämlich den, daß Anne Sullivan ihr eigenes Leben quasi völlig geopfert hat. Aber Katja Behrends erzählt eine interessante Geschichte: Kurz vor ihrem Tod hört Annie, mittlerweile alt und gebrechlich, von einem taubblinden Baby und will es unbedingt zu sich nehmen und von vorn anfangen: "So steht am Ende des Lebens nicht die Reue darüber, für einen anderen Menschen gelebt zu haben, sondern das Verlangen, es wieder zu tun." Dann war es wohl doch das Richtige für sie.
Ein Stern Abzug für den Schreibstil, ansonsten eine sehr lebendige und gelungene Darstellung.