Sie räumt auf mit einem Tabu und unterstreicht damit ihr Selbtverständnis als Frau, die immer eine ganz feine Antenne für den Zeitgeist besitzt ohne sich ihm zu unter werfen. Im Gegenteil: Juliane Werding will die kreative Auseinandersetzung und ist so zum Vorbild der modernen Frau geworden. Über 20 Millionen Schallplatten von ihr - mehr als von jeder anderen deutschen Künstlerin - mögen als ein Beleg dafür dienen In einer jüngst durchgeführten Forsa-Untersuchung wurde nach dem größten deutschen Hit gefragt. Juliane Werdings "Am Tag, als Comy Kramer starb" landete mit überwältigendem Vorsprung auf Platz 1. Das Bild von dem romantischen Mädchen mit der Gitarre und den sanften Balladen ist unvergessen, es hat sich aber von Album zu Album kontinuierlich vervollständigt zum Profil einer Künstlerpersönlichkeit, die mit musikalischen Traumreisen und unmißverständlichen Positionen gleichsam überzeugt.
Nicht zufällig sind alle Songs ihres jüngster Album "Alles Okay" auf der Gitarre entstanden, ihre Texte brillant. Eine unheimliche Geschichte, die sie vor Jahren gelesen hat, führt zum Titelsong. Sie beginnt auf einer normalen Straße und endet scheinbar übergangslos auf der Himmelsautobahn. "Man geht freiwillig einen neuen Weg und befindet sich plötzlich in einer Zwischenwelt, die für uns nicht sichtbar ist aber meines Wissens existiert .. zwischen Leben und Tod, zwischen Himmel und Erde." Hier ist auch ihr neues Album angesiedelt: Zwischen greifen, spüren und begreifen. Längst sind ihre außergewöhnlichen Texte ihr Markenzeichen geworden. Wieder geben sie dem Zuhörer die Freiheit zum Träumen, ihrem liebsten Hobby "Träume können uns eine ganze Menge sagen über unsere Situation, unseren Lebensweg." Von sich selbst kennt sie freilich auch die andere Seite, den Versuch, sie in eine Rolle zu drängen: "Manchmal finden Menschen mich sehr lieb, schieben mir so eine artige Vorbildfunktion zu, die ich nicht haben möchte ... ich will REIBUNG - ich bin nicht die heilige Juliane! " Nein, das ist sie wirklich nicht. Gäbe es sonst Songs, so kritisch wie "Heute und hier", ihre Abrechnung mit der Kirche? Sie weiß ganz genau, wovon sie singt, ist sie doch nach langer innerer Auseinandersetzung aus der Kirche ausgetreten "Wir waren in bezug auf die Kirche eine ganz traditionsreiche Familie. Väterlicherseits gab es immer einen der Priester wurde. Mein Vater ist heute noch sehr engagiert in kirchlichen Fragen - Mit ihrer sensiblen, für eine Krebsfrau so typischen Art - auch ihr Aszendent ist Krebs - ist sie den ungewöhnlichsten und doch realen Geschichten auf der Spur. In 'Ich schlaf heut Nacht nicht ein' etwa schlüpft sie in die Rolle der Patientin nach einer Herztransplantation.
Oder in Vollmondnacht" wo sie die Gefühle einer Psychopathin in einer Klinik beschreibt, Empfindungen, die normalerweise jeden erschrecken "Es ist ein Lied über jemanden, der sich stufenweise von 'der' Realität trennt und irgendwann aufhört zu kommunizieren. Im Grunde hat jeder eine andere Realität, aber der kleinste gemeinsame Nenner ist eben die Sprache."
Bei aller Ernsthaftigkeit vergißt Juliane Werding nie das notwendige Augenzwinkern für die Kleinigkeiten des Lebens. In "Mein Bett ist tabu für..." etwa zeigt sie deutschtümelnden Feinrippträgem in ihrem Schlafzimmer die rote Karte. Und in "Ganz Deutschland im Fieber" erhalten die Bataillonen von Freizeitsportlern einen kräftigen Seitenhieb. Der Text " ... entspricht hundertprozentig Julianes Natur", so Andreas Bärtels, ihr Lebensgefährte, der mit Juliane gemeinsam die Texte schrieb und die Musik komponierte. "Wir haben konsequent den Grundgedanken durchgezogen, nur mit natürlichen Instrumenten zu arbeiten, einfach ungeschminkt einen etwas kräftigeren und erdigeren Klang zu erzeugen, hier erläutert Andreas Bärtels die musikalische Grundidee. Die Umsetzung gelang unter anderem mit der Unterstützung so international renommierten Musikern wie Curt Cress (dr), Frank Ditz (gtr), Matz Björklund (gtr), Nils Tuxen (gtr) und Pino Paladino (bs). In klassischem Songwritermanier entstehen so baladeske Titel, die durch ihre Ehrlichkeit die Stufen aus der Sphäre zur Erde einladend breit werden lassen. Dabei darf die Seele ruhig ein wenig baumeln, sanfte Streicheinsätze lassen die Gedanken fliegen, vor allem wenn das Thema Liebe in "Zeitmaschine" oder "Ich vergeß Dich" berührt wird.