Dieses Lebensmotto ist ein treffendes Selbsturteil eines der populärsten Philosophen des 20. Jahrhunderts: Karl Raimund Popper. Den falschen Propheten, die uns einreden, die Welt sei eine Hölle, setzt er beherzt sein Credo entgegen: "Wir im Westen leben im Himmel ... Wir dürfen unsere Welt nicht länger beschimpfen und schlecht machen. Sie ist bei weitem die beste, die es je auf Erden, und besonders in Europa, gegeben hat." Woher nimmt ein Mann, der in seiner Jugend Faschismus und Diktatur erlebt hat, der Verwandte und Freunde in der Todesmaschinerie Hitlers verloren hat, diesen Optimismus? "Optimismus ist Pflicht", sagt Popper. Obwohl diesen Optimismus ausdrücklich nicht auf die Zukunft ausdehnt, fordert er ein engagiertes und verantwortungsbewusstes Handeln der Menschen für ein Leben in Frieden. "Et in terra pax hominibus bonae voluntatis - Und Friede auf Erden für alle Menschen, die guten Willens", lautet ein Bibelzitat Poppers. In einem Interview, das Popper 1992 dem Magazin Spiegel gab, vertrat er die Auffassung, dass für den Erhalt des Friedens auch Kriege geführt werden müssen. Ein sicher nicht nur in heutiger Zeit umstrittener Satz.
"Demokratie im Sinne von Volksherrschaft hat es so gut wie nie gegeben", schreibt Popper. Demzufolge gibt dem angelsächsischen Mehrheitsparteisystem mit seinen stabilen Mehrheiten den Vorzug, auch wenn Minderheiten oft nur unzureichend im Parlament vertreten sind. Von einer Regierung fordert er vor allem eins: es muss möglich sein, "die Regierung ohne Blutvergießen durch eine Abstimmung loszuwerden ... Demokratien sind also keine Volksherrschaften, sondern sie sind in erster Linie gegen Diktatur gerüstete Institutionen." Den Staat würde liebend gerne auf die Größe eines "Ministaates" ohne Paternalismus und autoritäre Ansprüche beschränken. Doch Popper ist sich bewusst, dass dies die reale Welt nur begrenzt zulässt. Welcher Staat kann schon auf die Landesverteidigung - zweifellos ein Paternalismus - verzichten? Aber mit den ersten Schritten in Richtung Privatisierung der Sozialversicherungen gibt der Staat Verantwortung ab.
Eben so sehr wie Popper jede Zukunftsvorhersage und Fortschrittsgesetze ablehnt, hat er sein ganzes Leben lang sie marxistische Doktrin bekämpft. "Der Marxismus ist am Marxismus gestorben". Popper ist der festen Überzeugung, dass die prognostizierte Verelendungstheorie sowie die "heimliche Diktatur der Kapitalisten" ausgemachter Humbug seien. Zumindest über den letzten Punkt würde ich gerne mit ihm diskutieren. Nicht nur den Marxismus, auch dessen Wurzeln, den Deutschen Idealismus kritisiert Popper als "die größte intellektuelle und moralische Katastrophe, von der die deutsche und die europäische Intelligenz jemals heimgesucht wurden." Hegel und den Hegelianern wirft er Sprachverschmutzung vor. Die romantischen Ideale unterstützen ein Moralsystem, "das im Grunde auf Anbetung der Macht beruht." Immer wenn der Mensch von der Geschichte der Menschheit redet, spricht er von der Geschichte der Macht.
Besser als bei allen Handlungen die "Galerie im Auge zu behalten" sollten wir alle, und Popper nennt insbesondere die Intellektuellen, bescheidener sein. "Wir wissen nichts " das ist das Erste. "Deshalb sollten wir sehr bescheiden sein" das ist das Zweite. "Dass wir nicht behaupten zu wissen, wenn wir nicht wissen" das ist das Dritte.
Die Naturwissenschaften basieren nicht auf Wissen, sondern auf Vermutungen und Hypothesen, die es zu überprüfen oder besser noch zu widerlegen gilt. Popper stellt ein dreistufiges Schema auf: Problemstellung, Lösungsversuche, Elimination. Er ermutigt die Wissenschaftler, ihre Thesen selbst in Frage zu stellen und auch anderen, bei der Falsifikation zu unterstützen. Wissenschaft bedeutet, Theorien durch andere Theorien zu ersetzen. Deshalb ist die wissenschaftliche Methode nicht kumulativ. Dieses Verfahren, das auf Versuch und Irrtum aufbaut, ist prägend für Poppers wissenschaftliches Verständnis und Ausgangspunkt für seinen Optimismus, dass es für (fast) alle menschlichen Probleme Lösungen gäbe: "Alles Leben ist Problemlösen". Den Darwinismus fasst er nicht negativ als Kampf ums Dasein auf, sondern bewundert die Anpassungsfähigkeit des Lebens an die oft feindliche Umgebung: "Ich vermute, dass das Leben millionenfach entstehen musste, bevor es eine Umgebung gefunden hat, an die es angepasst war."
Das Leib-Seele Problem enthält für Popper "große Rätsel, die vielleicht niemals lösbar sein werden. Es ist eben das schwierigste und tiefste Problem der Philosophie, das zentrale Problem der Metaphysik der Neuzeit." Er nähert sich dem Thema, indem er folgende Kategorisierung der Welt vornimmt. Welt 1 beinhaltet die physische Welt, Welt 2 die Bewusstseinsvorgänge und Welt 3 die Produkte des menschlichen Geistes, z.B. Sprache, Theorien. In seinem Ansatz sind alle Welten offen für Wechselwirkungen. Unser Bewusstsein bestimmt die Theorien und wird von diesen bestimmt. Natürlich haben architektonische Theorien direkten Einfluss auf die Welt 1, aber die Natur ist eben auch Lehrmeister für die Wissenschaft.
Fazit: Karl Popper schreibt einfach und verständlich ohne zu verflachen. Er ist ein Gegner jeder Sophisterei. Beeindruckend ist seine umfassende Kenntnis unterschiedlicher Wissenschaften, wie man sie nur selten findet. Ich wünsche mir für mich und meine Mitmenschen ein wenig vom Optimismus und der Lebensbejahung dieses Menschen, den von sich selbst behauptet: "Ich bin ... der glücklichste Mensch, den ich kenne. Ich finde das Leben unbeschreiblich wundervoll."