Roland Kaiser, ein Sänger, der zu Recht den Musikmarkt der 80er Jahre beherrschte,
präsentiert ein neues Album, das jeden Freund dieses Künstlers verstören muss - legt es doch beredtes Zeugnis über den Ruin einer Stimme ab, den ich in diesem Ausmaß nicht erwartet hätte.
Nun ist es ja keinesfalls so, dass ich Roland Kaiser nicht als herausragenden Sänger im Schlagersegment empfände. Er hatte eine Vielzahl großer Hits, eine Vielzahl wunderbarer Balladen auf hohem Niveau sowie eine Equipe, die stets und mit Erfolg bemüht war, dieser außergewöhnlich guten Schlagerstimme mittels entsprechendem Songmaterial gerecht zu werden. Er ist auch heute noch auf gewissem Level - vornehmlich im Osten, auf den sich seine kommende Tournee fast ausschließlich konzentriert - erfolgreich und weiß sich bescheiden und überdies sehr sympathisch zu präsentieren, wie er es jüngst wieder einmal im TV unter Beweis stellte. Des weiteren zeichnete er sich stets durch eine ganz besonders gute Stimme aus, die auch schwächere Stücke veredelte, einen hohen Wiedererkennungswert besaß und sich in Volumen, Ausdruck wie auch spezifischem Timbre überdeutlich von denen seiner Kollegen abhob.
Hier insbesondere habe ich meine beinahe grenzenlose Enttäuschung festzumachen. Von der oben skizzierten ausdrucksstarken Stimme, die auf faszinierende Weise in ihren Bann zu ziehen vermochte, ist kaum noch etwas übrig geblieben: Das einzigartige Timbre ist perdu. Gewiss mag dies zu einem marginalen Teil der Erkrankung des Sängers geschuldet sein, dürfte jedoch überwiegend an Faktoren liegen, deren exakte Beurteilung sich naturgemäß einer genauen Beurteilung entzieht. Hinzu kommt, dass das hervorragende Songschreiber- wie auch Produzententeam vor allem der 80er Jahre durch Jack White ersetzt wurde, der überwiegend beliebig-nichtssagende Mitklatschsongs auf Bierzeltniveau zimmert und den Künstler auf ebendieses Niveau hievt, um ihn so massenkompatibel wie irgend möglich zu machen. Unabhängig davon: Roland Kaiser, diese einstige Ausnahmeerscheinung am deutschen Schlagerfirmament, hat die charakteristischen Facetten seiner vokalen Brillanz nahezu völlig eingebüßt, d.h. der unübersehbare optische Alterungsprozess (dem ihm kein ernstzunehmender Mensch vorwerfen wird) hat auch die Stimme keineswegs verschont - im Gegenteil. Zwar lenkt der Jack White-typische Mitklatschsound ein wenig ab, doch kann er diese Tatsache gerade angesichts einer Ballade wie "Du Wunderbare", die vollen stimmlichen Einsatz erfordert und die verlorenen Nuancen gnadenlos zu Tage fördert, nicht verbergen. Das Stück offenbart einen Sänger, dessen stimmlicher Zenit gnadenlos überschritten ist und der das ganze Füllhorn studiotechnischen Schnicknacks benötigt, um noch einigermaßen "über die Runden" zu kommen.
Nahezu unerträglich jedoch gerät der Gesang insbesondere in tiefen Tonlagen wie im unfreiwillig doppelsinnigen Titel "Ich hab genug", der angesichts des Stimmverfalls von einer Peinlichkeit ist, die geradezu erschüttert, die ihresgleichen sucht und wohl auch technisch nicht mehr korrigierbar war. Für mich ist es völlig unverständlich, dass ein derartig erfahrener, intelligenter Profi wie dieser Künstler Lieder akzeptiert, die den vokalen Verfall derart ungeschminkt ans harte Tageslicht befördern m ü s s e n.
Man vergleiche einmal vorbehaltlos "Lange Schatten" im Original und im Remake. Selbst hartnäckige Fans dürften, sofern sie sich eine gewisse Portion unverblendeter Objektivität bewahren konnten, diesen traurigen Stimmverfall nicht länger leugnen können. Die Sprechstimme alleine genügt bereits, um eine Leugnung dieser traurigen Tatsache mit Vehemenz zu vereiteln.
Dass sie - die eisernen Fans - es dennoch können, demonstrieren die zu erwartenden "Nicht hilfreich" - Stimmen zu dieser Kritik, die für Enthusiasten einer nicht hinnehmbaren Majestätbeleidigung gleichkommen dürfte; es kann nun einmal nicht sein, was nicht sein darf...