Pressestimmen
"Da hat sich einer mal was vorgenommen, "alles über die Welt" zwischen zwei Buchdeckel zu pressen. Geht das überhaupt? Natürlich nicht. Dennoch ist Klaus Ungerers erstes Buch keine Mogelpackung, sondern um einiges ehrlicher als die Werke, von denen in einer globalisierten Welt der Wissensexplosion behauptet wird, sie enthielten wirklich Wissenswertes. ... Klaus Ungerer macht aus seinem zwangsläufigen Scheitern beim Versuch, alles über die Welt aufzulisten, keinen Hehl. Lieber nimmt er das aus jedem Winkel der Erde unablässig gefütterte, unbeherrschbare Wissens-Monster auf die Schippe ... Wer bereit ist, die eine oder andere Episode im Internet nachzuschlagen, der wird seinen globalen Erkenntnisschatz um mal lustige, mal traurige Anekdoten aus den verschiedensten Winkeln der Erde erweitern. Doch selbst wenn man es ohne Entschlüsselungsversuche auf sich wirken lässt, sind die kurzen, gerade zwei Seiten umfassenden Geschichten spannend geschrieben - es ist die wohl größte Stärke dieses Buches." (Christian Duyf, WAZ )
"An Erfindungsreichtum, grotesker Phantasie und Sprachwitz ist Ungerers Weltroman schwer zu übertreffen." (Martin Halter, Frankfurter Allgemeine Zeitung )
Kurzbeschreibung
Einhunderteinundfünfzig Schauplätze, Geschichten und Schicksale, die die Welt kaum spürbar und doch entscheidend verändert haben. Der weit gereiste Erzähler präsentiert sich und die Welt in einem großen literarischen Bericht voller unvergesslicher Kürzestromane, Portraits und Bilder, aus denen sich ein eigenwilliger, komischer und bestürzender Blick auf die Menschheit ergibt. Dies ist die ungewöhnlichste Weltreise, die man zwischen zwei Buchdeckeln unternehmen kann.
Ein junger Mann aus Zschopau hängt sein bürgerliches Leben an den Nagel und macht sich auf die Reise. Um nichts Geringeres zu versuchen, als der Welt die ihr gemäße Ordnung zurückzugeben. Denn die Welt, wie sie sich uns heute darstellt, hat eine Geschichte, die von Politikern geschrieben und ihren braven Vasallen hinausposaunt wurde; Napoleon, Hitler, Bush – helau, alaaf und tschüss! Welche vergessenen Taten, welche überraschenden Erkenntnisse wirklich von Wert gewesen sind, wird oft erst nach Jahrtausenden erkannt oder nie:
Wie Randy, der jüngste Sohn der Familie Kendall, beim großen Erdbeben an Karfreitag 1964 in Anchorage beinahe im Schlafanzug vor Gott trat.
Wie der Weltumsegler Captain James Cook in einem Moment der Unachtsamkeit eine Insel im Südpazifik Osnabrück taufte.
Wie Aleksandr Aleksandrowitsch Schinenkij in einer durchsoffenen Nacht eine ganze Stadt beim Kartenspiel verlor.
Wie in Tunguska an einem einzigen Junitag 60 Millionen Bäume umfielen, ohne dass jemand etwas merkte.
Wie ein Mammut 10.000 Jahre nach seinem Tod das Fliegen lernte.
Hier ist endlich »Alles über die Welt«. Bühne frei und gute Reise.
Die außergewöhnlichste Weltreise, die man zwischen zwei Buchdeckeln unternehmen kann.
Klappentext
Alexander Kissler, Süddeutsche Zeitung
"Da hat sich einer mal was vorgenommen, "alles über die Welt" zwischen zwei Buchdeckel zu pressen. Geht das überhaupt? Natürlich nicht. Dennoch ist Klaus Ungerers erstes Buch keine Mogelpackung, sondern um einiges ehrlicher als die Werke, von denen in einer globalisierten Welt der Wissensexplosion behauptet wird, sie enthielten wirklich Wissenswertes. ... Klaus Ungerer macht aus seinem zwangsläufigen Scheitern beim Versuch, alles über die Welt aufzulisten, keinen Hehl. Lieber nimmt er das aus jedem Winkel der Erde unablässig gefütterte, unbeherrschbare Wissens-Monster auf die Schippe ... Wer bereit ist, die eine oder andere Episode im Internet nachzuschlagen, der wird seinen globalen Erkenntnisschatz um mal lustige, mal traurige Anekdoten aus den verschiedensten Winkeln der Erde erweitern. Doch selbst wenn man es ohne Entschlüsselungsversuche auf sich wirken lässt, sind die kurzen, gerade zwei Seiten umfassenden Geschichten spannend geschrieben - es ist die wohl größte Stärke dieses Buches."
Christian Duyf, WAZ
"An Erfindungsreichtum, grotesker Phantasie und Sprachwitz ist Ungerers Weltroman schwer zu übertreffen."
Martin Halter, Frankfurter Allgemeine Zeitung
Über den Autor
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Über die Welt zu schreiben, wie sie sich uns heute darstellt, ist eine ebenso leichte wie unlösbare Aufgabe. Leicht einerseits: Es gibt viel Wissenswertes zu berichten. Unlösbar: So viel sinnlose Zeit hat die Menschheit bislang vergeudet, hat Atlanten und Geschichtsbücher vollgedruckt und auswerfen lassen, hat die Erde geflutet mit Wissen, das bei näherer Betrachtung unnütz ist: Fürsten tauchen da immer auf, Völker und Nationen, unter Pomp und Getöse betreten sie die Bühne, die ihnen erst unermesslich zu sein scheint, stolz erobern sie die morschen Bretter - und sind doch schon wieder in den Graben gepoltert, ehe man ihrer so recht ansichtig geworden ist, ehe man sich ihre Gesichter, ihre Kostüme und Rangabzeichen so richtig einprägen konnte. Da kommen von der anderen Bühnenseite schon wieder neue Würdenträger, neue Bösewichter hereingepoltert und nehmen denselben Weg. Eines ist ihnen allen gemein: Nie waren sie so wichtig, wie es ihre Herolde verkünden wollten, stets verwehte ihre Bedeutung, verschwand ihr Werk und wurde von Giganten überrollt, die als stille, kleine Unternehmungen in Hinterzimmern begonnen hatten und die nie als Bedrohung erkannt worden waren, ehe es längst zu spät, ehe längst der Despot schon in der Schwebe über dem Graben war, noch zappelnd und strampelnd mit den kleinen Beinchen kurz - plumps. Und tschüss.
Die Welt, wie sie sich uns heute darstellt, ist eine Geschichte, die von Politikern geschrieben worden ist, von ihren braven Vasallen hinausposaunt in die Wissbegierde ihrer Zeit; Napoleon, Galilei, Gagarin - helau, alaaf und tschüss! Echnaton, Hitler, Bush - plumps und goodbye. Welche Taten, welche Erkenntnisse wirklich von Wert gewesen sind, wird oft erst nach Jahrtausenden erkannt oder nie. Ein bescheidener Versuch, der Welt die ihr gemäße Ordnung zu finden, soll dieses Verzeichnis sein, das erst auf der Grundlage intensiver Erwägungen und Debatten ins Leben gerufen wird, und das, weitab von Perfektion oder Vollständigkeit, doch einen ersten Schritt zu tun unternimmt, auf den wir uns lange genug vorbereitet haben.
Ist dies auch schwer, so ist aller Anfang leicht. Wo beginnen mit der Welt? Sortiert man sie alphabetisch, sortiert man sie geographisch - jeweils ist jene Insel ein guter Ort, die im gültigen Verzeichnis unter E2 läuft, die ganz oben rechts an der Welt hängt, und die auch am Anfang des Alphabets steht. Weil sie immer noch keinen Namen hat. Viele hat man ihr anzuhängen versucht über die Jahre, mal hieß sie Kotelny, dann Faddejevski und später Anjou, man hat es mit schlichten Zahlen versucht - 61 und 374 in konkurrierenden kartographischen Systemen -, es hat alles nichts genutzt. Alles ist abgeglitten von der Insel, kein Name wollte an ihr halten, kein Wort dem fest verschlossenen Volksmund entschlüpfen - dies ist ein guter Ort. Man weiß so gut wie nichts über ihn. Die Stürme der sogenannten Geschichte, sie tobten stets viel weiter unten, kaum kam mal das Periskop eines U-Boots vorbei oder eine versprengte Truppe, kaum einmal schleppten sich Nordpolforscher sterbend über sie hin. Sie blieb den Möwen, den Alken vorbehalten. Wer je das Glück hatte, diese Insel kennenzulernen, ist dennoch überrascht von ihr: In einem warmen Grün leuchten die Flechten und Moose, viel lebenskräftiger, als man sich das vorgestellt hat, belebend dringt frische Meerluft ein in die Lungen, keck hält man einen bloßen Fuß ins Wasser und staunt: Viel weniger kalt ist es hier, als man dachte, ein warmer Strom aus Süden sorgt dafür. Neugierig streckt man die Zunge aus dem Mund, Gischt spritzt drauf, etwas salzig. Einen vernünftigen Neoprenanzug vorausgesetzt, so denkt man, könnte man sich durchaus hier ins Wasser begeben, könnte man durchaus die wenigen Kilometer durchstoßen zum Festland, an einen Ort, der Tiksi heißt, und der weithin zu hören ist, weil das Land so weit ist, weil alljährlich das Akkordeonfestival grüßt. Und so steht man und sieht die Alke im Sinkflug, die Hose durchfeuchtet sich allmählich, und nimmt sich fest vor: Nächstes Mal.
[Äthiopien, D9]
HUSTEN
Von Äthiopien kommt Jolina nicht mehr los. In Addis Abeba hat sie ihre zweite Tochter bekommen, die kleine Zahara, und Pat war mit dabei, als sie die Kleine aus dem Waisenheim abholte. Pat fragte das kleine Mädchen, wie ihm denn seine neuen Eltern gefielen, Jolina musste sich eine Träne von der Backe wischen, und man konnte sehen, wie verliebt und glücklich die beiden waren. Zahara - der Name lässt sich notdürftig als "Die Blühende" oder "Die Leuchtende" übersetzen. Folgt man allerdings ihrer leiblichen Mutter, der Schülerin Mentewab D., so heißt das Mädchen Setota, was dann wiederum "Das Geschenk" heißen würde. Setota sei aus einer Vergewaltigung entstanden, und Mentewab habe sich entschieden, das Kind ins Waisenheim abzugeben, da es bei ihr immer magerer wurde. Ob allerdings Mentewab tatsächlich die Mutter des Mädchens ist, ist noch nicht raus. Bis sie von britischen Reportern in Addis Abeba aufgespürt wurde, nahm man an, die Eltern des kleinen Sonnenscheins seien an Aids gestorben, und rein zeitlich wäre es auch denkbar, sie ließen ihr Leben anlässlich letzthin blutig niedergeschlagener Proteste - weiß man aber alles nicht.
Prolog. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Die Welt, wie sie sich uns heute darstellt, ist eine Geschichte, die von Politikern geschrieben worden ist, von ihren braven Vasallen hinausposaunt in die Wissbegierde ihrer Zeit; Napoleon, Galilei, Gagarin - helau, alaaf und tschüss! Echnaton, Hitler, Bush - plumps und goodbye. Welche Taten, welche Erkenntnisse wirklich von Wert gewesen sind, wird oft erst nach Jahrtausenden erkannt oder nie. Ein bescheidener Versuch, der Welt die ihr gemäße Ordnung zu finden, soll dieses Verzeichnis sein, das erst auf der Grundlage intensiver Erwägungen und Debatten ins Leben gerufen wird, und das, weitab von Perfektion oder Vollständigkeit, doch einen ersten Schritt zu tun unternimmt, auf den wir uns lange genug vorbereitet haben.
Ist dies auch schwer, so ist aller Anfang leicht. Wo beginnen mit der Welt? Sortiert man sie alphabetisch, sortiert man sie geographisch - jeweils ist jene Insel ein guter Ort, die im gültigen Verzeichnis unter E2 läuft, die ganz oben rechts an der Welt hängt, und die auch am Anfang des Alphabets steht. Weil sie immer noch keinen Namen hat. Viele hat man ihr anzuhängen versucht über die Jahre, mal hieß sie Kotelny, dann Faddejevski und später Anjou, man hat es mit schlichten Zahlen versucht - 61 und 374 in konkurrierenden kartographischen Systemen -, es hat alles nichts genutzt. Alles ist abgeglitten von der Insel, kein Name wollte an ihr halten, kein Wort dem fest verschlossenen Volksmund entschlüpfen - dies ist ein guter Ort. Man weiß so gut wie nichts über ihn. Die Stürme der sogenannten Geschichte, sie tobten stets viel weiter unten, kaum kam mal das Periskop eines U-Boots vorbei oder eine versprengte Truppe, kaum einmal schleppten sich Nordpolforscher sterbend über sie hin. Sie blieb den Möwen, den Alken vorbehalten. Wer je das Glück hatte, diese Insel kennenzulernen, ist dennoch überrascht von ihr: In einem warmen Grün leuchten die Flechten und Moose, viel lebenskräftiger, als man sich das vorgestellt hat, belebend dringt frische Meerluft ein in die Lungen, keck hält man einen bloßen Fuß ins Wasser und staunt: Viel weniger kalt ist es hier, als man dachte, ein warmer Strom aus Süden sorgt dafür. Neugierig streckt man die Zunge aus dem Mund, Gischt spritzt drauf, etwas salzig. Einen vernünftigen Neoprenanzug vorausgesetzt, so denkt man, könnte man sich durchaus hier ins Wasser begeben, könnte man durchaus die wenigen Kilometer durchstoßen zum Festland, an einen Ort, der Tiksi heißt, und der weithin zu hören ist, weil das Land so weit ist, weil alljährlich das Akkordeonfestival grüßt. Und so steht man und sieht die Alke im Sinkflug, die Hose durchfeuchtet sich allmählich, und nimmt sich fest vor: Nächstes Mal.
[Äthiopien, D9]
HUSTEN
Von Äthiopien kommt Jolina nicht mehr los. In Addis Abeba hat sie ihre zweite Tochter bekommen, die kleine Zahara, und Pat war mit dabei, als sie die Kleine aus dem Waisenheim abholte. Pat fragte das kleine Mädchen, wie ihm denn seine neuen Eltern gefielen, Jolina musste sich eine Träne von der Backe wischen, und man konnte sehen, wie verliebt und glücklich die beiden waren. Zahara - der Name lässt sich notdürftig als »Die Blühende« oder »Die Leuchtende« übersetzen. Folgt man allerdings ihrer leiblichen Mutter, der Schülerin Mentewab D., so heißt das Mädchen Setota, was dann wiederum »Das Geschenk« heißen würde. Setota sei aus einer Vergewaltigung entstanden, und Mentewab habe sich entschieden, das Kind ins Waisenheim abzugeben, da es bei ihr immer magerer wurde. Ob allerdings Mentewab tatsächlich die Mutter des Mädchens ist, ist noch nicht raus. Bis sie von britischen Reportern in Addis Abeba aufgespürt wurde, nahm man an, die Eltern des kleinen Sonnenscheins seien an Aids gestorben, und rein zeitlich wäre es auch denkbar, sie ließen ihr Leben anlässlich letzthin blutig niedergeschlagener Proteste - weiß man aber alles nicht.
Sicher hingegen ist, dass Jolina sich eine Insel gekauft hat, die dem Land Äthiopien nachempfunden ist: im Ferienparadies »The World«, das derzeit ins Meer vor Dubai hineingebaut wird; einer Welt aus aufgeschütteten Inseln.
Äthiopien, so hat Jolina verlauten lassen, soll ein Freihandelsparadies für Afrikaner werden, ein Ort, an dem eine bessere Zukunft gelebt werden kann. Die Reaktionen sind gespalten: »Jolina, just buy the real Ethiopia and get it over with«, empfiehlt dTab im Forum, wohingegen ousman »very glad« ist, neg round hingegen zur Aktion rät: »let's cough once every time we see jolina on the movie screens, and twice every time pat is on the screen.«
[Algerien, D2]
SCHMUTZWASSER
Also, Algerien geht überhaupt nicht. Meines Erachtens. Wie soll man das aufschreiben? In Algerien handeln alle Geschichten von Putzlappen, von Schmutzwasser, elektrischen Kabeln, von Leitern. Tausende sind betroffen. Wenn alles so stimmt, dann hat sich der Haushaltswarenmissbrauch zu einer regelrechten Epidemie ausgewachsen: Erst trifft es einen beliebigen Siebzehnjährigen im Dorf - großes Rätselraten, wie das und warum das passieren konnte. Und was überhaupt passiert ist. Schwupps, hat es am nächsten Tag auch den Bruder erwischt. Und den Vater gleich mit. Dann geht das Rätselraten von vorne los, das Lamentieren, Petitieren. Dann ist ein paar Wochen Ruhe. Dann muss, oft mitten in der Nacht, die Gendarmerie schon wieder kommen: selbes Dorf, selbe Straße, unbescholtene Leute, alles egal. Jeden kann's erwischen. Arbeiter, Ärzte, Bauern. Die Verwandten bleiben ratlos zurück: Warum er? Warum wir? Die Behörden wissen von nichts oder sagen nichts: Zu laufenden Ermittlungen könne man sich ja nicht äußern. Da bestreitet man doch besser erst mal die Zuständigkeit. Außerdem, wieso sollten die Verwandten recht haben? So viele Vorfälle? Dreht da nicht die Fantasie ein bisschen am Rad, die Armut, die Sonne, der religiöse Fanatismus? So viele Menschen sollen mittlerweile betroffen sein vom Putzmittelmissbrauch, doch in den allermeisten Fällen gibt es kaum Beweise. Junge Männer gehen zum Einkaufen und kommen nicht wieder. Junge Männer verschwinden spurlos aus dem Polizeirevier. Da kann so viel passiert sein. Da kann so ein Heißsporn doch auch einfach untergetaucht sein, will Ärger machen, will Suren skandieren oder Schlimmeres anstellen. Da muss ja nicht immer gleich ein Haushaltswarenmissbrauch dahinter stehen.