... verderben den Brei. Anders als in der Wikipedia, deren zehnjähriges Bestehen heuer gefeiert wird und die von der Intelligenz des Schwarms profitierte, kommt diesem Buch die Mitwirkung vieler Wikipedia-Protagonisten nicht zugute.
"Ein Buch voller Informationen und Geschichten, das Hintergründe ausleuchtet." Diesen Klappentext hat sich der Verlag Hoffmann und Campe, der auch bei Titelwahl nicht kleckert, sondern klotzt, für das Werk ausgedacht und greift damit zielsicher daneben. Denn das Buch ist über weite Strecken eine Anekdotensammlung: Was mich bewegte, Wiki-Autor zu werden. Welche geheimen Fehler ich in meine Artikel einstreue. Warum Wikipedia ganz toll ist und Fachbücher gar nicht mehr benötigt werden. Wie ich mich einmal ganz schlimm über Wikipedia und meine Autorenkollegen ärgerte. Warum auch ich die Flinte ins Korn geworfen habe. Und so weiter. Das ist dann doch mehr die - streckenweise selbstbeweihräuchernde - Innensicht der Autorenschaft und auf Dauer ziemlich ermüdend. Und es ist schon gar kein Ratgeber für potentielle Autoren.
Das Buch ist also zu dick. Die Hälfte hätte genügt, dann könnte sich der Leser nämlich auf die lesenswerten Essays aus der Feder der Benutzer Schlesinger, Tobias Lutzi und Magnus Manske konzentrieren, die uns wirklich etwas über die Wikipedia mitzuteilen haben, was über persönliche Empfindungen hinaus geht.
Zurück zur Kritik: Was dieser Festschrift fehlt, ist die Außensicht auf Wikipedia, also: eine Erläuterung seiner Organisationsstrukturen in Form der Wikimedia Foundation (oder in Deutschland: Wikimedia e.V.), eine in Kapiteln geordnete Darstellung einzelner Themenkreise (Entstehung; Technik; Arbeitsweise; Kritik - oder so ähnlich) anstatt des jetzt vorzufindenden Durcheinanders (die vom Verlag vorgenommene Gliederung ist völlig nichtssagend), eine stärkere Bezugnahme auf wissenschaftliche Studien über die Online-Enzyklopädie (die z.B. etwas über Herkunft, Ausbildung und Motivation der Autoren sagen, was aussagekräftiger wäre als die zufälligen Erlebnisberichte einzelner Autoren im Buch). Das OMA-Prinzip, also der Grundsatz, dass "Otto Normalverbraucher" die Texte verstehen kann (ein wesentliches Prinzip der Wikipedia), kommt leider zu kurz: Etwa wenn es um die spannenden internen Richtungsstreits zwischen Exklusionisten und Inklusionisten (also die Frage, was alles in Wikipedia reingehört) geht. Hier war bei der Lektüre der Rezensent überfordert. Und eine Frage hat den Rezensenten schließlich auch beschäftigt: Warum im Autorenverzeichnis Namen auftauchen, die offenbar überhaupt nichts zum Buch beigetragen haben, wie etwa die Berliner Copy-und Paste-Expertin Debora Weber-Wulff.
Wikipedia ist nach zehnjährigem Bestehen eine Erfolgsgeschichte. Niemand kann das leugnen. Verlage gingen in die Knie. Aber es werden auch deutliche Schwächen offenbar, deren Beseitigung noch nicht absehbar sind: Insbesondere was die Akquise neuer Mitarbeiter angeht. Wie schwächelnde Themenfelder besser besetzt werden sollen: So sind Rechtsthemen ganz, ganz schwach in Wikipedia vertreten. Wie auf Dauer Qualität gesichert werden soll: Viele Artikel werden kaum noch bearbeitet (sind verwaist), was bisher noch nicht allzu sehr auffällt, in ein paar Jahren dann aber doch sichtbar werden wird.
Ein paar gute Artikel - mehr leider nicht. Anders als die Enyklopädie selbst kann das Buch über die Enzyklopädie nicht überzeugen.