|
|
47 von 48 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Entdeckungsreise im Wunderland, 15. Mai 2004
Wer kennt sie nicht, die Geschichte von der kleinen Alice, die eines Sommernachmittags in einen Kaninchenbau klettert, und unvermittels in einem bizarren Wunderland endet. Doch hält sich der Bekantheitsgrad von Lewis Carrolls Märchen heutzutage fast nur noch durch den berühmten Disney-Zeichentrickfilm - die literarische Vorlage indes haben nur noch die wenigstens gelesen. Aber wie auch? Die einzige, halbwegs vernünftige Alice-Fassung gab es bislang nur als eher praktisches denn schönes Reclam-Heftchen, und ältere Fassungen verlieren den gekonnten Wortwitz des Originals durch unangemessene Übersetzungen und das Fehlen erklärender Hilfestellungen. Alice ist mehr als ein leicht veraltetes Kinderbuch. Alice, die sarkastische Parodie auf die englische Oberschicht des neunzehnten Jahrhunderts. Alice, das sprach-verworrenste, wort-verspielteste Werk der gesamten englischen Literaturgeschichte. Alice, die verschlüsselte Lebensbeichte eines psychisch Anormalen, eines Verrückten inmitten einer von Konventionen geprägten Gesellschaft. Freilich Aspekte, die der Leser des reinen Primärtextes niemals ohne Hilfestellung entdecken wird.Hier schafft der Europa Verlag Abhilfe: Alles über Alice ist das definitive Alice-Kompendium, und glänzt nicht nur durch die hervorragend originalgetreue Übersetzung durch Günther Flemming, und eine Fülle von Hintergrundinformationen, sondern auch durch die wunderschöne Aufmachung, in einer Linie mit den anderen Alice-Veröffentlichungen des Verlags. Alles über Alice enthält die beiden grossen Romane des Charles Lutwidge Dodgson, genannte Lewis Carroll. In Alices Abenteuer im Wunderland gerät die kleine Alice in das Wunderland, wo die fiese Herzkönigin herrscht, jedem den Kopf abschlagen will, und wo Märzhasen und Hutmacher eine endlose Teeparty feiern. In der Fortsetzung, Durch den Spiegel, oder: Was Alice dort fand, geht Carroll noch einen Schritt weiter: Er spinnt die verrückten Episoden um sprechende Eier, Walross und Zimmermann und die Brüder Dideldum und Dideldei in ein gigantisches (und regelgerecht logisches) Schachspiel ein. Carroll, der Mathematiker - präzise Logik und durchgedrehte Fantasterei treffen sich zu einer unvergleichlichen Tour durch zwei bizarre Welten kindlichen Vorstellungsvermögens. Die vorliegende Ausgabe enthält die beiden Romane in so originalgetreuer Form wie möglich, und enthält darüberhinaus sogar noch Der Wesperich mit Perücke, ein ‚verlorenes' Kapitel, dass erst vor kurzem wieder aufgetaucht ist. Lediglich das Fehlen des wesentlich kürzeren, unveröffentlichen Original-Manuskripts Alices Abenteuer unter der Erde, kann man dieser Ausgabe noch vorwerfen. Unter den dutzenden, bekannten Übersetzungen ist Günther Flemmings nicht nur aus heutiger Lesersicht am angenehmsten zu lesen, sondern auch bis auf wenige ungeschickte Formulierungen die sprachlich genaueste. Fast alle Wortspiele aus dem Englischen wurden ins Deutsche übertragen, und gleichzeitig kommentiert, um den Übersetzungsprozess auch selbst mitverfolgen zu können. So liest der Leser fast so, wie er es als englischer Muttersprachler tun würde. Es versteht sich von selbst, dass auch die 92 liebevollen Illustrationen von John Tenniel enthalten sind, ebenso wie diverse dazu passende Skizzen. Doch die Alice hat schon ein paar Jahre auf dem Buckel: Das im neunzehnten Jahrhundert erschienene Werk ist voll von Anspielungen, die wir heutzutage nicht mehr verstehen können. Zumeist würde man dies einfach überlesen, doch die zahllosen Anmerkungen machen die Europa-Ausgabe zu mehr als einer Zusammenstellung der beiden Romane. Paralell zum Primärtext erhält der Leser Informationen über fast alles. Ausführliche Erläuterungen zur Entstehung des Werkes, Erläuterungen zu der Bedeutung komplexerer Passagen und Vergleichstexte aus anderen Veröffentlichungen, zusammengetragen von Carroll-Experte Martin Gardner und Übersetzer Günther Flemming, wecken in jedem die Neugier und ziehen ihn tiefer in die komplexe Welt, die die beiden Romane umgibt. Lewis Carrolls Alice-Romane sind ein Feuerwerk an Fantasie. Kinder werden über die komplexen Sprachverdreher und Anspielungen hinweglesen (oder hören, ist dies doch das perfekte Buch zum Vorlesen und Leben-Einhauchen), und sich den unzähligen liebenswert-schrägen Figuren anvertrauen. Ältere Leser werden über das linguistische Geschick sowohl Carrolls als auch Flemmings lächeln und die ganze Tragweite dieser vermeintlich harmlosen Geschichte verstehen, wenn sie sich genauer mit der ungewöhnlichen, mitunter verstörend-grotesken Biographie des Autors auseinandersetzen. Uneingeschränkt empfehlenswert als familiäres Vorlesebuch, für Sprachwissenschaftler, Freunde englischer Literatur und alle mit einem Faible für liebenswerte Fantasie-Geschichten.
|