Wenn es eine Gedächtnisprosa gibt, die Zeichen setzt gegen das Vergessen und Verfälschen und für ein Erinnern an die Juden in Deutschland vor allem, dann die von Elazar Benyoëtz. Mag eine Rezension sein wie sie will, legitimiert sie sich - wenn überhaupt - durch ein Wort Benyoëtz: "In seiner Individualität kann man bejaht werden oder verneint, nicht bestätigt".
Aber nicht der gute Wille tut es. Wenn es nach dem ging, könnte jeder wohlmeinende Mensch Diener am Werk Benyoëtz sein. Verstehen aber ist wichtiger als dienen, geht es doch rein um die geistigen Voraussetzungen, nicht das Können, das Wollen, sondern das Sein.
Für Elazar Benyoëtz ein bündiges Attribut zu finden, fällt nicht leicht. "Allerwegsdahin", hier unbegreiflicherweise noch nicht besprochen und für ein paar Cent verschiedentlich feilgeboten, halte ich für eins der wichtigsten Bücher von ihm. Seit mehr als 30 Jahren mit seinem Werk vertraut, zeichnet sich auch "Allerwegsdahin" durch die Kraft der einfachen Worte aus, vertraut auf sie, auf die Wahrheit in der Sprache, denn sie setzt einen bestimmten Leser voraus, der nicht schnell und gehässig aburteilt, sondern - naiv und tollkühn - sich die Zeit nimmt, Aussagen mehrmals und nachhaltig zu überdenken. Der Leserkreis dürfte klein und scharf umrissen sein wie Benyoëtz' Vokabular, das mitunter an das einer christlichen Zeitschrift erinnert, klein ist gegenüber den Bedeutungen, die es herausfordert. "Die Sprache sucht sich ihre Fürsprecher aus und bestimmt sie", ist nur eine von vielen Aphorismen, die dem Wort "bestimmen" nachgehen. Weitere Worte, die einem immer wieder begegnen und die Benyoëtz immer wieder variiert, sind "Glaube", "Erinnerung" und die scheinbaren Synonyme "Sinn" und "Bedeutung".
"Allerwegsdahin" sind - bezeichnend für Benyoëtz - Überlegungen intellektuellen Denkens in einer nichtintellektuellen Sprache und - klassisch für Benyoëtz - frei von aphoristischem Ehrgeiz, denn, so Benyoëtz, sei Aphoristik eine Geistesart, nicht Zungenschlag. Die meisten Verfasser von Aphorismen seien zur Aphoristik nicht berufen, gab er in einer Erinnerung an die Verleihung des Chamisso-Preises zu bedenken.
Ja, es geht - auch und wieder - in "Allerwegsdahin" um die Frage der Möglichkeit eines Glaubens nach der Shoah. Die Antwort ist dann doch älter. Wie Heinrich Heine verweist in "Allerwegsdahin" Benyoëtz auf das portative Vaterland der Juden. Für Benyoëtz ist der gesamte Horizont erweitert um seinen jüdische-deutschen Talmud, die jüdische Literatur deutscher Sprache. Freilich ohne jedes Askese- und Opfer-Pathos. Anzuführen ist vor allem eine Auslegung Chaim Vogt-Moykopfs, der Benyoëtz als den israelischen Autor begreift, der gerade gegen die Rolle des ausgestellten Opfers anschreibt, hinter dem Schrecken den Glanz des Deutschen entdecke und dabei das Deutsche degermanisiere. Mit der für mich persönlich bezwingendsten Aussage Benyoëtz "Über die Liebe" gegen Ende von "Allerwegsdahin" möchte ich schließen. Sie vollendet zugleich über 700 Jahre jüdische Kultur in Deutschland. Wenn es eine deutsche Identität gab, dann war die jüdische ihr wertvollster Bestandteil und Besitz. Ihr Verlust war und bleibt verhängnisvoll. Für die Gegenwart und Zukunft Deutschlands gilt daher: Nicht im Glauben, sondern im sittlichen Handeln liegt das Wesen der Religion. Mit diesem Ausspruch Gotthold Ephraim Lessings ist auch eine tragende Maxime des Judentums gemeint. Ohne 700 Jahre deutsch-jüdische Kulturgeschichte wäre Deutschland nicht erwachsen.
Über die Liebe (ein Zwischenruf)
"Man hat die Deutschen gefürchtet und bewundert, selten geliebt; kein Volk zum Lieben, auch keins, das Liebe gut vertragen kann. An dem einzigen Volk, das ihm uneingeschränkt Liebe entgegenbrachte, hat es sich schändlich und tödlich gerächt. Hass wird mordserfinderisch, Liebe macht scharfsinnig und erweckt noch die Toten. In keiner Literatur manifestierte sich eine so große Liebe zu den Deutschen wie in der jüdischen. Wer diese Liebe verdiente, verdient auch heute noch Dank".