Mit einer Chinesin verheirat lebte Christian Y. Schmidt zwei Jahre lang in Peking, bewegte sich in komischen ausländischen Möchtegernkünstlerkreisen, ehe er einen Beschluss fasst: Er möchte Land und Sprache besser kennenlernen und überhaupt ... Chinese werden. Dazu reist er von Shanghai über 5000 Kilometer die Straße 318 entlang bis nach Nepal, testet Gebräuche, Speisen und Religionen (Buddhismus vs. Daoismus), um an Ende, als ehemals leidenschaftlicher Anhänger, die weltweit letzten Maoisten in Kathmandu zu treffen. Es ist eine oft surreal anmutende Reise der Kuriositäten, begleitet von ungezählten Menschen, für die Schmidt selbst die größte Kuriosität ist: Man behandelt ihn wie einen Popstar, wie einen Außerirdischen oder einfach wie Luft. Die fremde Kultur bringt Millionenstädten hervor, die in einer handvoll Jahren aus dem Nichts entstanden sind und eine Sprache, in der aus einem harmlosen Wort, etwas höher gesprochen, eine schlimme Beleidigung wird. Menschen kommen in existentielle Not, wenn sie Schmidt den Weg nicht erklären können. Einem, der ihn herzlich mit "Heil Hitler" (oder wie das bei den Chinesen klingt) grüßt, zeigt er den Vogel, womit er ihm scharfen Verstand attestiert.
Falls "Ich bin dann mal weg"-Fans mitlesen: Im Unterschied dazu ist "Allein unter 1,3 Milliarden" richtig gut, ja formidabel geschrieben und die Handlung dicht erzählt. Handwerklich hat Schmidt einiges zu bieten: indirekte Schilderung, Handlungsstränge, die an überraschender Stelle wieder auftauchen, raffiniertes Spiel mit den Erwartungen des Lesers und wundervoll dadaistische Zusammenfassungen am Anfang der Kapitel. Dazu kommt, dass diese 300 Seiten humoristisch um Klassen besser sind als der Millionenseller. Das liegt neben Schmidts souveränem Umgang mit den Nuancen der Sprache an seinem präzisen und feinen Einsatz der Ironie, wobei er niemals und höchstens selbstironisch auf billige Gags setzt und immer einen Schritt weiter denkt als man erwarten würde. Beispielsweise demonstriert er, dass der Westen in seiner Chinakritik immer danebengelegen habe, und so geht er davon aus, dass das heute nicht anders sei. Er erkennt skurrile Querverbindungen mit deutschen Phänomenen und Orten und bindet ganz nebenbei wunderbar flüssig Hintergrundsinformationen ein. Allein die Tibet- und Dalai Lama-Kritik am Ende wirkt ein wenig deplaziert.
Christian Y. Schmidt verschreibt sich ganz dem Abenteuer, Chinese zu werden. Wenn man "Allein unter 1,3 Milliarden" liest, möchte man fast selbst einer werden. Zumindest aber etwas abhaben von Schmidts Beobachtungsgabe und ganz eigener kluger, komischer, selbstironischer Weltsicht. Das lustigste Buch, das ich seit langem gelesen habe.