Pressestimmen
»So schön wie ein Kostümfilm: Judith Lennox verleiht dem englischen Gesellschaftsroman neues Leben.« Freundin • »Judith Lennox verbindet große Gefühle und Historie zu einem mitreißenden Gesellschaftsporträt. Wundervoll!« Freundin • »Bei der Lektüre stellt sich Rosamunde-Pilcher-Stimmung ein: Man bangt und hofft mit den Protagonisten, während sich im fernen Nirgendwo das Schicksal immer neue dramatische Wendungen ausdenkt.« Schweizer Illustrierte • »Viele Stunden bester Unterhaltung!« Luzerner Woche
Kurzbeschreibung
Ceylon, das Rascheln der Teeplantagen in der stickigen Nachtluft: Wenn Marianne nicht schlafen konnte, dachte sie an die Grafschaften Englands und an die Shakespeare-Aufführungen. Sie erinnerte sich an die Tage am Meer, an die salzige Seebrise und daran, wie sie und ihre Schwestern in Badekostümen im kalten Wasser der Nordsee standen. Sie vermisste sie schrecklich, und manchmal fragte sie sich, ob sie sie jemals wiedersehen würde – Iris, die sie mit ihrer Eitelkeit manchmal zur Weißglut gebracht und als Krankenschwester ihren Weg gefunden hatte; Eva, deren künstlerische Ambitionen sie nach London an die Akademie geführt hatten und die erst bei Kriegsausbruch 1914 heimkehrte, um im väterlichen Betrieb zu helfen; und Clemency, das Nesthäkchen. Und sie dachte an den Salon in Summerleigh, wo Marianne zum ersten Mal Arthur begegnet war, ihrer großen Liebe, den sie so schnell wieder verloren hatte, noch ehe sie schwanger werden konnte …
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Über den Autor
Judith Lennox, geboren 1953 in Salisbury, wuchs in Hampshire auf. Mit ihrem Roman »Das Winterhaus« gelang ihr ein großer Erfolg, an den sie unter anderem mit »Zeit der Freundschaft«, »Das Erbe des Vaters«, »Alle meine Schwestern«, »Der einzige Brief« und zuletzt »Das Haus in den Wolken« anknüpfte. Judith Lennox liebt Gärten, ausgedehnte Wanderungen, alte Häuser und historische Stätten. Sie lebt mit ihrem Mann in Cambridge und Derbyshire. Die beiden sind Eltern dreier erwachsener Söhne.
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Auszug aus Alle meine Schwestern von Judith Lennox, Mechtild Sandberg-Ciletti, Mechthild Sandberg- Ciletti. Copyright © 2006. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
1
Dicht an die Wand gedrückt, zog Marianne ihre einsame Bahn rund um den Ballsaal, als sie zufällig die Bemerkung einer der Anstandsdamen Mrs. Catherwood gegenüber hörte, die ihre eigene Tochter Charlotte und die Maclise-Mädchen hierher mitgenommen hatte. Die Anstandsdamen saßen alle in einem Raum neben dem Ballsaal, bei offener Tür, damit sie ihre Schützlinge im Auge behalten konnten. Die tricoteuses nannte Iris sie auf ihre freundlich sarkastische Art. Mrs. Palmer sagte: »Die zweite Maclise ist eine schreckliche Bohnenstange«, worauf die liebenswürdige Mrs. Catherwood entgegnete: »Marianne wird sich in spätestens ein, zwei Jahren zu einer bezaubernden jungen Frau mausern.« Marianne jedoch blieb nur der erste Satz im Kopf, als sie sich in den Schatten einer schweren dunkelroten Samtportiere zurückzog. Eine schreckliche Bohnenstange... eine schreckliche Bohnenstange... Die alten Zweifel über?elen sie. Es war schwer, nicht mit gekrümmten Schultern herumzulaufen, wie manche hochgewachsene Frauen das taten, um kleiner zu wirken. Es war schwer, das Bändchen ihrer Tanzkarte nicht um das leere Blatt zu wickeln.
Sie wünschte, sie wäre daheim bei Eva und Clemency. Was für ein Glück die beiden hatten, daß sie diesem fürchterlichen Ball fernbleiben durften, die eine erkältet, die andere noch nicht in die Gesellschaft eingeführt. Wie herrlich wäre es, jetzt gemütlich auf der Fensterbank in dem Zimmer zu sitzen, das sie sich mit Iris teilte, und zu lesen, Three Weeks von Elinor Glyn, das sie in ihrer Kommode unter den Strümpfen versteckt hatte. Wie im Fieber p?egte sie beim Lesen die Seiten umzuschlagen. Manchmal war Paul Verdayne, der seine geheimnisvolle Schöne in ein Schweizer Hotel verfolgte, realer und lebendiger als ihr Zuhause und ihre Familie.
Sie wünschte sich Geheimnis und Romantik, neue Anblicke und neue Gesichter, irgend etwas - irgend jemanden -, bei dem ihr Herz schneller schlagen würde. Aber was, dachte sie, während sie den Blick geringschätzig durch den Saal schweifen ließ, gab es in Shef?eld schon Geheimnisvolles? Da tanzte Ellen Hutchinson in einem absolut häßlichen rosaroten Satinkleid mit James. Erbärmliche Aussichten, wenn der eigene Bruder der bestaussehende Mann im Saal war. Und dort wurde Iris reichlich tolpatschig von Ronnie Catherwood herumgeschwenkt. Marianne seufzte. Sie kannte jedes Gesicht. Nie im Leben könnte sie einen dieser pickeligen Jungen mit den ?aumigen Schnurrbärtchen heiraten, die ihr seit ihrer Kindheit vertraut waren. Sie wirkten irgendwie unfertig, irgendwie ein bißchen lächerlich. Die Vorstellung, ihre Familie zu verlassen, um den Rest ihres Lebens mit einem dieser täppischen, durchschnittlichen jungen Männer zu verbringen, stieß sie ab.
Doch heiraten mußte sie. Wenn nicht, was dann? Ihr Leben würde wahrscheinlich weitergehen wie bisher. Da ihre Mutter es anscheinend nicht fertigbrachte, ein Hausmädchen länger als ein Jahr zu halten, klappte die Hausarbeit nicht so reibungslos, wie sie sollte. Und da ihre Mutter eine zarte Gesundheit hatte und Iris ein Talent dafür, sich vor allem Unangenehmen zu drücken, blieb die Verantwortung für den Haushalt größtenteils an Marianne hängen. Vielleicht würde sie einmal enden wie Großtante Hannah - als alte Jungfer. Sie würde ein unförmiges Korsett tragen und vielleicht eine Perücke. Bei der Vorstellung von sich selbst in schwarzem Bombassin mit Barthaaren am Kinn mußte sie lachen.
Und merkte plötzlich, daß jemand sie beobachtete. Sie konnte später nicht sagen, woher sie es wußte. Man konnte doch nicht spüren, aus welcher Richtung ein Blick kam?
Er stand auf der anderen Seite des Saals. Als ihre Blicke sich trafen, lächelte er und neigte leicht den Kopf. Es war wie ein Wiedererkennen. Sie mußte ihm schon einmal begegnet sein, wahrscheinlich auf irgendeinem öden Empfang oder bei einem langweiligen Konzert. Aber wenn das stimmte, dann würde sie sich doch an ihn erinnern!
Sein Blick war so intensiv, daß sie den plötzlichen Wunsch zu ?iehen verspürte. Zwischen stattlichen Frauen mit Straußenfedern im Haar und älteren Herren mit Schnurrbärten und lüsternen Blicken hindurch lief sie aus dem Saal bis in einen schlechtbeleuchteten Korridor mit Türen zu beiden Seiten. Sie hörte das Klappern und Zischen aus den Küchenräumen. Dienstmädchen mit Tabletts voller Gläser eilten geschäftig durch den Gang; weiter hinten steckte sich ein Diener in Schürze und Hemdsärmeln eine Zigarette an.
Wahllos öffnete sie eine Tür. In dem kleinen Raum dahinter standen zwei durchgesessene Sessel mit abgewetzten Bezügen, ein Notenständer und ein recht zerschrammtes Klavier. Marianne knöpfte ihre Handschuhe auf und strich mit den Fingern über die Tasten. Dann sah sie die Noten durch. Schließlich setzte sie sich und begann zu spielen, leise zuerst, um nicht entdeckt zu werden. Dann aber ergriff die Musik von ihr Besitz, und sie gab sich ihr ganz hin.
Die Tür ging auf, sie erkannte den Mann aus dem Saal. Sie hob die Hände vom Instrument. Zitternd hingen sie über den Tasten.
»Verzeihen Sie«, sagte er. »Ich wollte Sie nicht erschrecken.«
Schnell klappte sie die Noten zu. »Ich sollte wieder hinübergehen.«
»Warum sind Sie weggelaufen? Macht Ihnen Klavierspielen mehr Spaß als Tanzen?«
»Aber ich habe ja nicht getanzt.«
»Hätten Sie denn gern getanzt?«
Sie schüttelte den Kopf. »Ich wäre am liebsten zu Hause bei meinen Schwestern.«
Sein volles hellbraunes Haar war leicht gewellt und kurz, das Blau seiner Augen einige Nuancen heller als das ihrer eigenen. Die ebenmäßig geschnittenen Züge und das kräftig ausgebildete Kinn vermittelten einen Eindruck von Zuverlässigkeit und Stärke. Er war wahrscheinlich einige Jahre älter als sie, und er war größer. Neben ihm würde sie nicht die Schultern krümmen oder den Kopf einziehen müssen.
»Wie viele Schwestern haben Sie?« fragte er.
»Drei.«
»Brüder auch?«
»Drei.«
»Sie sind sieben Geschwister! Ich bin allein. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es ist, in einer so großen Familie aufzuwachsen.«
»Einzelkinder sind da anscheinend oft neidisch.«
»Ja? Also, ich war immer ganz froh, der einzige zu sein. Bei so vielen muß man doch ständig Angst haben, übersehen zu werden!« Er sah sie offen an. »Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, daß man Sie übersieht.«
»Ich hätte überhaupt nichts dagegen, übersehen zu werden. Ich kann es nicht ertragen, wenn die Leute mich anstarren - mich bewerten.« Sie brach ab, erschrocken über ihre Freimütigkeit.
»Vielleicht bewerten sie Sie gar nicht. Vielleicht bewundern sie Sie.«
Die zweite Maclise ist eine schreckliche Bohnenstange. Marianne stand vom Klavierschemel auf. »Ich muß wieder in den Saal.«
»Warum? Sie tanzen doch nicht. Sie ?nden die Leute langweilig. Warum wollen Sie zurück? Oder ?nden Sie mich vielleicht noch langweiliger?«
Sie mußte zurück, weil seine Nähe hier, in diesem kleinen Raum, sie um ihre Ruhe brachte. Aber das konnte sie ihm natürlich nicht sagen, und so setzte sie sich nur wortlos wieder hin.
»Das ist doch wunderbar, Miss -?«
»Maclise«, murmelte sie. »Marianne Maclise.«
»Arthur Leighton.« Er gab ihr die Hand. »Erzählen Sie mir von Ihrer Familie. Von Ihren drei Brüdern und Ihren drei Schwestern. Wo stehen Sie in der Reihe?«
»James ist der älteste. Dann kommt Iris. Sie ist heute abend auch hier. Sie haben sie sicher gesehen. Sie hat blonde Haare, goldblond, blaue Augen und ist sehr schön.«
»Trägt sie ein weißes Kleid? Diamanten in den Ohren und eine weiße Gardenie im Haar?«
»Aha, sie ist Ihnen also aufgefallen.« Sie spürte Neid. Immer war Iris die Bewunderte.
Aber er sagte: »Ich beobachte gern. Es ist oft interessanter, die Leute zu beobachten, als mit ihnen zu sprechen.«
»Oh, ?nden Sie das auch? Gespräche sind oft so - gezwungen. So verlogen«, rief sie, beglückt über die Übereinstimmung.
»Aber nicht immer«, widersprach er freundlich. »Unser Gespräch hat doch nichts Verlogenes, oder?« Er kam auf das ursprüngliche Thema zurück. »Also, James und Iris sind die beiden ältesten. Und dann?«
»Dann komme ich und nach mir Eva. Sie ist dunkel wie ich. Aber sonst ist sie ganz anders. Sie ist längst nicht so groß, und sie ist - sicherer, entschiedener.« Mariane strich über ihren seidenen Rock. »Ich sehe irgendwie immer alles von zwei Seiten.«
»So mancher würde sagen, das ist gut - ein Zeichen von Reife.«
»Aber es macht die Entscheidung so schwer. Woher weiß man, welche die richtige ist?«
»Manchmal muß man eben etwas riskieren. Die Erfahrung habe ich jedenfalls gemacht.«
»Die Entscheidungen, die Sie treffen müssen, sind vermutlich etwas schwerwiegender als meine«, sagte sie bitter. »Bei mir geht es eigentlich immer nur darum, ob ich lieber das rosa Kleid oder das weiße anziehen oder ob ich bei der Köchin lieber Pudding oder Biskuitrolle mit Marmelade bestellen soll.«
»Oh, Biskuitrolle«, erwiderte er ernsthaft. »Viel leckerer als Pudding. Und Sie sollten lieber Weiß als Rosa tragen. Lassen Sie das Rosa den hübschen Blondinen wie Ihrer Schwester Iris. Aber kräftigere Farben ständen Ihnen sicher auch gut. Veilchenblau vielleicht, wie die Blumen, die Sie tragen - sie haben die gleiche Farbe wie Ihre Augen.«
Marianne war sprachlos. Kein Mann, weder ihr Vater noch ihre Brüder oder die Brüder ihrer Freundinnen, hatte sich je in dieser Art über ihr Aussehen und ihre Kleidung geäußert. Es kam ihr irgendwie ungehörig vor.
»Und wer kommt dann?« fuhr er fort. »Ein Bruder oder eine Schwester?«
»Clemency. Meine Schwester Clemency ist die nächste. Danach folgen Aidan und Philip. Aidan ist dreizehn, Phil ist gerade elf geworden. Ich weiß nicht, ob ich sie wirklich kenne. Es sind eben Jungs, die zwei jüngsten in der Familie, sie laufen so mit. Außer Clemency hat niemand viel Zeit für sie.«
»In Ihrer Familie ist sicher immer eine Menge los. Einsam sind Sie bestimmt nie.«
Sie sollte in den Saal zurückkehren. Ein junges Mädchen und ein Mann ganz allein, das schickte sich nicht. Aber sie blieb. Ihre verborgene rebellische Seite, der sie so selten eine Stimme erlaubte, drängte sie, auf Vorsicht und Konvention zu pfeifen. Gerade jetzt fühlte sie sich ungeheuer lebendig, spürte beinahe, wie das Blut durch ihre Adern pulste. Ausnahmsweise einmal hatte sie nicht den Wunsch, woanders oder bei jemand anderem zu sein.
Sie schüttelte sich ein wenig, als müßte sie solche aufmüp?gen Ideen vertreiben, und sagte: »Jetzt müssen Sie mir aber auch etwas von Ihrer Familie erzählen, Mr. Leighton.«
»Mit Familie ist es bei mir leider nicht weit her. Meine Mutter ist bald nach meiner Geburt von uns gegangen, und ich war Mitte Zwanzig, als mein Vater starb. Ich habe einen Onkel und ein paar Cousins und Cousinen, das ist alles. Aber bedauern Sie mich jetzt nicht, ich habe einen großen Freundeskreis.«
»Hier, in Shef?eld, haben Sie auch Freunde?«
»O ja, ich wohne seit einer Woche bei den Palmers. Mir gefällt die Stadt. Sie hat einige wirklich bemerkenswerte Sehenswürdigkeiten.« Er lächelte.
Wäre sie Iris gewesen, so hätte sie jetzt mit kokettem Augenaufschlag eine Bemerkung gemacht, die wie eine Zurechtweisung geklungen hätte, in Wirklichkeit jedoch eine Aufforderung zu weiteren Komplimenten gewesen wäre. Zum erstenmal kam ihr der Gedanke, daß er ihr vielleicht nur schmeichelte, und sie war enttäuscht, tiefer enttäuscht, als sie nach so kurzer Bekanntschaft für möglich gehalten hätte.
»Ich habe Sie vorhin im Saal lachen sehen«, sagte er unvermittelt. »Erst waren Sie so ernst, und dann haben Sie plötzlich gelacht. Ich hätte liebend gern gewußt, worüber.«
»Ach, ich habe mir vorgestellt, ich wäre eine dicke alte Jungfer.«
Seine Mundwinkel zuckten. »Ich glaube kaum, daß Ihnen so ein Schicksal blüht.«
»Wieso? Das kann leicht passieren.«
»Das glauben Sie doch nicht im Ernst!«
»Ich weiß, daß ich andere schockiere. Sie sagen natürlich nichts, aber ich merke es. Ich sage oft das Falsche.« Sie schaute ihn an. »Unser ganzes Gespräch war falsch, Mr. Leighton. Wir haben über lauter Dinge geredet, über die man eigentlich nicht spricht.«
»Und worüber spricht man?«
»Na ja - über das Wetter zum Beispiel - oder über das Fest, wie gelungen es ist.«
»Aha.«
»Wie gut die Kapelle spielt.«
»Der Geiger war daneben. Darf ich das sagen?«
»Völlig daneben, ja.« Sie lachte. »Es klang furchtbar.«
Nach einer Pause sagte er: »Darf ich dann vielleicht auch sagen, daß Sie sich vorhin geirrt haben?«
»Geirrt?«
»Als Sie sagten, Ihre Schwester Iris sei schön.«
»Aber alle ?nden Iris schön«, entgegnete sie verblüfft.
»Iris ist sehr hübsch, ja. Aber sie ist nicht schön. Sie sind schön, Miss Maclise.«
Sie errötete nie, wenn sie verlegen war, sie wurde immer blaß. Auch jetzt verlor ihr Gesicht die Farbe, und sie spürte, wie ihre Haut kalt wurde.
Er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und beobachtete sie. »Tja« sagte er dann, »ich ?nde, Sie sollten die Wahrheit wissen.« -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Dicht an die Wand gedrückt, zog Marianne ihre einsame Bahn rund um den Ballsaal, als sie zufällig die Bemerkung einer der Anstandsdamen Mrs. Catherwood gegenüber hörte, die ihre eigene Tochter Charlotte und die Maclise-Mädchen hierher mitgenommen hatte. Die Anstandsdamen saßen alle in einem Raum neben dem Ballsaal, bei offener Tür, damit sie ihre Schützlinge im Auge behalten konnten. Die tricoteuses nannte Iris sie auf ihre freundlich sarkastische Art. Mrs. Palmer sagte: »Die zweite Maclise ist eine schreckliche Bohnenstange«, worauf die liebenswürdige Mrs. Catherwood entgegnete: »Marianne wird sich in spätestens ein, zwei Jahren zu einer bezaubernden jungen Frau mausern.« Marianne jedoch blieb nur der erste Satz im Kopf, als sie sich in den Schatten einer schweren dunkelroten Samtportiere zurückzog. Eine schreckliche Bohnenstange... eine schreckliche Bohnenstange... Die alten Zweifel über?elen sie. Es war schwer, nicht mit gekrümmten Schultern herumzulaufen, wie manche hochgewachsene Frauen das taten, um kleiner zu wirken. Es war schwer, das Bändchen ihrer Tanzkarte nicht um das leere Blatt zu wickeln.
Sie wünschte, sie wäre daheim bei Eva und Clemency. Was für ein Glück die beiden hatten, daß sie diesem fürchterlichen Ball fernbleiben durften, die eine erkältet, die andere noch nicht in die Gesellschaft eingeführt. Wie herrlich wäre es, jetzt gemütlich auf der Fensterbank in dem Zimmer zu sitzen, das sie sich mit Iris teilte, und zu lesen, Three Weeks von Elinor Glyn, das sie in ihrer Kommode unter den Strümpfen versteckt hatte. Wie im Fieber p?egte sie beim Lesen die Seiten umzuschlagen. Manchmal war Paul Verdayne, der seine geheimnisvolle Schöne in ein Schweizer Hotel verfolgte, realer und lebendiger als ihr Zuhause und ihre Familie.
Sie wünschte sich Geheimnis und Romantik, neue Anblicke und neue Gesichter, irgend etwas - irgend jemanden -, bei dem ihr Herz schneller schlagen würde. Aber was, dachte sie, während sie den Blick geringschätzig durch den Saal schweifen ließ, gab es in Shef?eld schon Geheimnisvolles? Da tanzte Ellen Hutchinson in einem absolut häßlichen rosaroten Satinkleid mit James. Erbärmliche Aussichten, wenn der eigene Bruder der bestaussehende Mann im Saal war. Und dort wurde Iris reichlich tolpatschig von Ronnie Catherwood herumgeschwenkt. Marianne seufzte. Sie kannte jedes Gesicht. Nie im Leben könnte sie einen dieser pickeligen Jungen mit den ?aumigen Schnurrbärtchen heiraten, die ihr seit ihrer Kindheit vertraut waren. Sie wirkten irgendwie unfertig, irgendwie ein bißchen lächerlich. Die Vorstellung, ihre Familie zu verlassen, um den Rest ihres Lebens mit einem dieser täppischen, durchschnittlichen jungen Männer zu verbringen, stieß sie ab.
Doch heiraten mußte sie. Wenn nicht, was dann? Ihr Leben würde wahrscheinlich weitergehen wie bisher. Da ihre Mutter es anscheinend nicht fertigbrachte, ein Hausmädchen länger als ein Jahr zu halten, klappte die Hausarbeit nicht so reibungslos, wie sie sollte. Und da ihre Mutter eine zarte Gesundheit hatte und Iris ein Talent dafür, sich vor allem Unangenehmen zu drücken, blieb die Verantwortung für den Haushalt größtenteils an Marianne hängen. Vielleicht würde sie einmal enden wie Großtante Hannah - als alte Jungfer. Sie würde ein unförmiges Korsett tragen und vielleicht eine Perücke. Bei der Vorstellung von sich selbst in schwarzem Bombassin mit Barthaaren am Kinn mußte sie lachen.
Und merkte plötzlich, daß jemand sie beobachtete. Sie konnte später nicht sagen, woher sie es wußte. Man konnte doch nicht spüren, aus welcher Richtung ein Blick kam?
Er stand auf der anderen Seite des Saals. Als ihre Blicke sich trafen, lächelte er und neigte leicht den Kopf. Es war wie ein Wiedererkennen. Sie mußte ihm schon einmal begegnet sein, wahrscheinlich auf irgendeinem öden Empfang oder bei einem langweiligen Konzert. Aber wenn das stimmte, dann würde sie sich doch an ihn erinnern!
Sein Blick war so intensiv, daß sie den plötzlichen Wunsch zu ?iehen verspürte. Zwischen stattlichen Frauen mit Straußenfedern im Haar und älteren Herren mit Schnurrbärten und lüsternen Blicken hindurch lief sie aus dem Saal bis in einen schlechtbeleuchteten Korridor mit Türen zu beiden Seiten. Sie hörte das Klappern und Zischen aus den Küchenräumen. Dienstmädchen mit Tabletts voller Gläser eilten geschäftig durch den Gang; weiter hinten steckte sich ein Diener in Schürze und Hemdsärmeln eine Zigarette an.
Wahllos öffnete sie eine Tür. In dem kleinen Raum dahinter standen zwei durchgesessene Sessel mit abgewetzten Bezügen, ein Notenständer und ein recht zerschrammtes Klavier. Marianne knöpfte ihre Handschuhe auf und strich mit den Fingern über die Tasten. Dann sah sie die Noten durch. Schließlich setzte sie sich und begann zu spielen, leise zuerst, um nicht entdeckt zu werden. Dann aber ergriff die Musik von ihr Besitz, und sie gab sich ihr ganz hin.
Die Tür ging auf, sie erkannte den Mann aus dem Saal. Sie hob die Hände vom Instrument. Zitternd hingen sie über den Tasten.
»Verzeihen Sie«, sagte er. »Ich wollte Sie nicht erschrecken.«
Schnell klappte sie die Noten zu. »Ich sollte wieder hinübergehen.«
»Warum sind Sie weggelaufen? Macht Ihnen Klavierspielen mehr Spaß als Tanzen?«
»Aber ich habe ja nicht getanzt.«
»Hätten Sie denn gern getanzt?«
Sie schüttelte den Kopf. »Ich wäre am liebsten zu Hause bei meinen Schwestern.«
Sein volles hellbraunes Haar war leicht gewellt und kurz, das Blau seiner Augen einige Nuancen heller als das ihrer eigenen. Die ebenmäßig geschnittenen Züge und das kräftig ausgebildete Kinn vermittelten einen Eindruck von Zuverlässigkeit und Stärke. Er war wahrscheinlich einige Jahre älter als sie, und er war größer. Neben ihm würde sie nicht die Schultern krümmen oder den Kopf einziehen müssen.
»Wie viele Schwestern haben Sie?« fragte er.
»Drei.«
»Brüder auch?«
»Drei.«
»Sie sind sieben Geschwister! Ich bin allein. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es ist, in einer so großen Familie aufzuwachsen.«
»Einzelkinder sind da anscheinend oft neidisch.«
»Ja? Also, ich war immer ganz froh, der einzige zu sein. Bei so vielen muß man doch ständig Angst haben, übersehen zu werden!« Er sah sie offen an. »Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, daß man Sie übersieht.«
»Ich hätte überhaupt nichts dagegen, übersehen zu werden. Ich kann es nicht ertragen, wenn die Leute mich anstarren - mich bewerten.« Sie brach ab, erschrocken über ihre Freimütigkeit.
»Vielleicht bewerten sie Sie gar nicht. Vielleicht bewundern sie Sie.«
Die zweite Maclise ist eine schreckliche Bohnenstange. Marianne stand vom Klavierschemel auf. »Ich muß wieder in den Saal.«
»Warum? Sie tanzen doch nicht. Sie ?nden die Leute langweilig. Warum wollen Sie zurück? Oder ?nden Sie mich vielleicht noch langweiliger?«
Sie mußte zurück, weil seine Nähe hier, in diesem kleinen Raum, sie um ihre Ruhe brachte. Aber das konnte sie ihm natürlich nicht sagen, und so setzte sie sich nur wortlos wieder hin.
»Das ist doch wunderbar, Miss -?«
»Maclise«, murmelte sie. »Marianne Maclise.«
»Arthur Leighton.« Er gab ihr die Hand. »Erzählen Sie mir von Ihrer Familie. Von Ihren drei Brüdern und Ihren drei Schwestern. Wo stehen Sie in der Reihe?«
»James ist der älteste. Dann kommt Iris. Sie ist heute abend auch hier. Sie haben sie sicher gesehen. Sie hat blonde Haare, goldblond, blaue Augen und ist sehr schön.«
»Trägt sie ein weißes Kleid? Diamanten in den Ohren und eine weiße Gardenie im Haar?«
»Aha, sie ist Ihnen also aufgefallen.« Sie spürte Neid. Immer war Iris die Bewunderte.
Aber er sagte: »Ich beobachte gern. Es ist oft interessanter, die Leute zu beobachten, als mit ihnen zu sprechen.«
»Oh, ?nden Sie das auch? Gespräche sind oft so - gezwungen. So verlogen«, rief sie, beglückt über die Übereinstimmung.
»Aber nicht immer«, widersprach er freundlich. »Unser Gespräch hat doch nichts Verlogenes, oder?« Er kam auf das ursprüngliche Thema zurück. »Also, James und Iris sind die beiden ältesten. Und dann?«
»Dann komme ich und nach mir Eva. Sie ist dunkel wie ich. Aber sonst ist sie ganz anders. Sie ist längst nicht so groß, und sie ist - sicherer, entschiedener.« Mariane strich über ihren seidenen Rock. »Ich sehe irgendwie immer alles von zwei Seiten.«
»So mancher würde sagen, das ist gut - ein Zeichen von Reife.«
»Aber es macht die Entscheidung so schwer. Woher weiß man, welche die richtige ist?«
»Manchmal muß man eben etwas riskieren. Die Erfahrung habe ich jedenfalls gemacht.«
»Die Entscheidungen, die Sie treffen müssen, sind vermutlich etwas schwerwiegender als meine«, sagte sie bitter. »Bei mir geht es eigentlich immer nur darum, ob ich lieber das rosa Kleid oder das weiße anziehen oder ob ich bei der Köchin lieber Pudding oder Biskuitrolle mit Marmelade bestellen soll.«
»Oh, Biskuitrolle«, erwiderte er ernsthaft. »Viel leckerer als Pudding. Und Sie sollten lieber Weiß als Rosa tragen. Lassen Sie das Rosa den hübschen Blondinen wie Ihrer Schwester Iris. Aber kräftigere Farben ständen Ihnen sicher auch gut. Veilchenblau vielleicht, wie die Blumen, die Sie tragen - sie haben die gleiche Farbe wie Ihre Augen.«
Marianne war sprachlos. Kein Mann, weder ihr Vater noch ihre Brüder oder die Brüder ihrer Freundinnen, hatte sich je in dieser Art über ihr Aussehen und ihre Kleidung geäußert. Es kam ihr irgendwie ungehörig vor.
»Und wer kommt dann?« fuhr er fort. »Ein Bruder oder eine Schwester?«
»Clemency. Meine Schwester Clemency ist die nächste. Danach folgen Aidan und Philip. Aidan ist dreizehn, Phil ist gerade elf geworden. Ich weiß nicht, ob ich sie wirklich kenne. Es sind eben Jungs, die zwei jüngsten in der Familie, sie laufen so mit. Außer Clemency hat niemand viel Zeit für sie.«
»In Ihrer Familie ist sicher immer eine Menge los. Einsam sind Sie bestimmt nie.«
Sie sollte in den Saal zurückkehren. Ein junges Mädchen und ein Mann ganz allein, das schickte sich nicht. Aber sie blieb. Ihre verborgene rebellische Seite, der sie so selten eine Stimme erlaubte, drängte sie, auf Vorsicht und Konvention zu pfeifen. Gerade jetzt fühlte sie sich ungeheuer lebendig, spürte beinahe, wie das Blut durch ihre Adern pulste. Ausnahmsweise einmal hatte sie nicht den Wunsch, woanders oder bei jemand anderem zu sein.
Sie schüttelte sich ein wenig, als müßte sie solche aufmüp?gen Ideen vertreiben, und sagte: »Jetzt müssen Sie mir aber auch etwas von Ihrer Familie erzählen, Mr. Leighton.«
»Mit Familie ist es bei mir leider nicht weit her. Meine Mutter ist bald nach meiner Geburt von uns gegangen, und ich war Mitte Zwanzig, als mein Vater starb. Ich habe einen Onkel und ein paar Cousins und Cousinen, das ist alles. Aber bedauern Sie mich jetzt nicht, ich habe einen großen Freundeskreis.«
»Hier, in Shef?eld, haben Sie auch Freunde?«
»O ja, ich wohne seit einer Woche bei den Palmers. Mir gefällt die Stadt. Sie hat einige wirklich bemerkenswerte Sehenswürdigkeiten.« Er lächelte.
Wäre sie Iris gewesen, so hätte sie jetzt mit kokettem Augenaufschlag eine Bemerkung gemacht, die wie eine Zurechtweisung geklungen hätte, in Wirklichkeit jedoch eine Aufforderung zu weiteren Komplimenten gewesen wäre. Zum erstenmal kam ihr der Gedanke, daß er ihr vielleicht nur schmeichelte, und sie war enttäuscht, tiefer enttäuscht, als sie nach so kurzer Bekanntschaft für möglich gehalten hätte.
»Ich habe Sie vorhin im Saal lachen sehen«, sagte er unvermittelt. »Erst waren Sie so ernst, und dann haben Sie plötzlich gelacht. Ich hätte liebend gern gewußt, worüber.«
»Ach, ich habe mir vorgestellt, ich wäre eine dicke alte Jungfer.«
Seine Mundwinkel zuckten. »Ich glaube kaum, daß Ihnen so ein Schicksal blüht.«
»Wieso? Das kann leicht passieren.«
»Das glauben Sie doch nicht im Ernst!«
»Ich weiß, daß ich andere schockiere. Sie sagen natürlich nichts, aber ich merke es. Ich sage oft das Falsche.« Sie schaute ihn an. »Unser ganzes Gespräch war falsch, Mr. Leighton. Wir haben über lauter Dinge geredet, über die man eigentlich nicht spricht.«
»Und worüber spricht man?«
»Na ja - über das Wetter zum Beispiel - oder über das Fest, wie gelungen es ist.«
»Aha.«
»Wie gut die Kapelle spielt.«
»Der Geiger war daneben. Darf ich das sagen?«
»Völlig daneben, ja.« Sie lachte. »Es klang furchtbar.«
Nach einer Pause sagte er: »Darf ich dann vielleicht auch sagen, daß Sie sich vorhin geirrt haben?«
»Geirrt?«
»Als Sie sagten, Ihre Schwester Iris sei schön.«
»Aber alle ?nden Iris schön«, entgegnete sie verblüfft.
»Iris ist sehr hübsch, ja. Aber sie ist nicht schön. Sie sind schön, Miss Maclise.«
Sie errötete nie, wenn sie verlegen war, sie wurde immer blaß. Auch jetzt verlor ihr Gesicht die Farbe, und sie spürte, wie ihre Haut kalt wurde.
Er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und beobachtete sie. »Tja« sagte er dann, »ich ?nde, Sie sollten die Wahrheit wissen.« -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.