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Ein junges Mädchen verschwindet spurlos - eben noch war sie mit ihren Freunden beim Baden, ein paar Stunden später schon wird sie vermisst. So beginnt "Alle, alle lieben dich", und was auf den nächsten 400 Seiten folgt, ist die Chronologie einer verzweifelten Suche. Statt sich auf die Ermittlungsarbeiten der Polizei zu stürzen oder dem vermissten Mädchen Kim durch die Qualen einer Entführung zu folgen, konzentriert sich Stewart O'Nan in seinem Roman voll und ganz auf die Zurückgebliebenen. Während Kims Mutter Fran sich mit jedem weiteren Tag des Wartens und Suchens zu einer Expertin im Eintreiben von Spendengeldern und dem Umgang mit der Presse entwickelt, zieht sich Vater Ed immer mehr zurück; Kims jüngere Schwester Lindsay handelt derweil mit sich selbst Versprechen aus, was sie alles tun wird, wenn die große Schwester wieder zurückkommt. Als allwissender Erzähler nimmt O'Nan abwechselnd die Blickwinkel aller beteiligten Personen ein und zeigt die vielfältigen Gefühle und Reaktionen, die das Verschwinden einer Tochter, einer Freundin, einer Schwester auslösen kann. Spannend im Sinne eines Krimis ist das nicht - eher quälend und zäh. Doch genau das ist das Grandiose an "Alle, alle lieben dich": Die Geschichte trifft, sie nagt an den Emotionen des Lesers. Und während man in einer Sekunde Kims Mutter für ihren betroffenen Blick in die Fernsehkameras tierisch doof findet, fragt man sich in der nächsten: Wie würde ich eigentlich reagieren? (jul)
Kurzbeschreibung
Es ist ihr letzter Sommer vor dem College, der beste Sommer seit der achten Klasse. Kim badet im Fluss, steigt in ihren alten Chevy und macht sich auf den Weg zum Schnellrestaurant, wo sie arbeitet. Dann verliert sich ihre Spur. Familie, Freunde, Polizei – plötzlich sind alle betroffen. Kims Verschwinden rührt an den Grundfesten der mittelständischen Ordnung. Aus Menschen, die sie kannten, werden solche, die sie bloß zu kennen glaubten. Sie werden sich selbst und einander verdächtig. Und halten nach Kräften an dem fest, was ihnen zu entgleiten droht: Kim oder die Erinnerung an sie, die kleinstädtische Ruhe - und die eigenen Geheimnisse. Mit feinem Gespür für die abgründigen Schattierungen des Alltäglichen zeichnet Stewart O’Nan das Psychogramm einer Kleinstadt im Ausnahmezustand. Ein hochliterarischer Thriller - unaufdringlich anrührend und von nachgerade beklemmender Präzision.
Über den Autor
wurde 1961 in Pittsburgh geboren und wuchs in Boston auf. Er arbeitete als Flugzeugingenieur und studierte in Cornell Literaturwissenschaft. Heute lebt er mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Avon, Connecticut. Für seinen Erstlingsroman «Engel im Schnee» erhielt er den 1993 William-Faulkner-Preis.