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Die hilfreichsten Kundenrezensionen
39 von 39 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Warten auf Kim,
Von Roland Freisitzer "freisitzer" (Vienna, Austria) - Alle meine Rezensionen ansehen (TOP 500 REZENSENT) (REAL NAME)
Rezension bezieht sich auf: Alle, alle lieben dich (Gebundene Ausgabe)
Stewart O'Nan hat mit seinem neuesten Roman einen (auf den ersten Blick) literarischen Thriller (so ein Zitat am Rückcover) vorgelegt.Ist "Alle, alle lieben Dich" (Orig. "Songs for the Missing") aber wirklich ein Thriller? Meiner Meinung nach, eindeutig nein. "Alle, alle lieben Dich" ist ein subtiles, einfühlsames Portrait von Menschen in einer amerikanischen Kleinstadt (Kingsville), die ihre Tochter, die Schwester, den liebsten Menschen, die beste Freundin oder einfach eine Kameradin verloren haben. Ein hochliterarisches Psychogram von Menschen im Ausnahmezustand. Als die achtzehnjährige Kim an einem Sommerferientag; die Schule ist für immer vorbei, die Universität naht mit großen Schritten- spurlos auf dem Weg vom Schwimmen zur Arbeit verschwindet, bricht für ihre Eltern, Freunde und Schwester eine Welt zusammen. Hier beginnt der eigentliche Roman von Stewart O'Nan, der es auf beeindruckende Weise vermeidet, aus dieser Geschichte auch nur etwas annähernd Kriminalistisches zu machen. Genau da liegt auch die absolute Stärke dieses Romans. Durch wechselnde Erzählperspektiven wird man als Leser Zeuge der durch diesen tragischen Vorfall bedingten Veränderungen im Leben der Protagonisten. Man lebt mit, man staunt ob der präzisen Beobachtungen Stewart O'Nans. Man ist in diesem Netz von feiner, unprätentiöser Prosa gefangen und ist berauscht von Sätzen, die einem das Herz stocken lassen. Wunderbar einfühlsam beleuchtet Stewart O'Nan auch die sich verändernden Beziehungen zwischen den Protagonisten. Während sich Kims Vater (nach einer fast überdreht aktiven ersten Phase) fast apathisch in sich zurückzieht, reißt die Mutter das Zepter an sich und kümmert sich mit größter Hingabe um Spendenaufrufe, Radio- und Fernsehinterviews, sowie alle anderen organisatorischen Momente. Auch Lindsay, Kims Schwester muss einen langen und harten Weg gehen, um sich aus dem Schatten der älteren Schwester zu lösen. Ein Weg, der erst im auflösenden Schlussteil (und den genialen Schlusssätzen) sein Ziel findet. Wunderbar beleuchtet sind auch die Schicksale von J.P., Kims Freund und Nina, Kims Freundin, die als Teil der "Badeclique" zu den letzten gehören, die Kim gesehen haben. Viel passiert (abgesehen vom Verschwinden Kims) in diesem Roman nicht, Liebhaber von abwechslungsreicher, schneller und aufregender Handlung werden mit diesem Buch wahrscheinlich nicht glücklich werden. "Alle, alle lieben Dich" ist einerseits ein trauriges Buch; es ist aber gleichzeitig ein sehr starkes, stilles, aufbauendes und leuchtendes Buch. Es ist ein Roman, den gelesen zu haben aber sehr glücklich macht, weil er ein wunderbar überzeugendes Plädoyer für Liebe, Glaube und Hoffnung ist, auch wenn Stewart O'Nan dem Leser ein herkömmliches Happy End verwehrt. Grandios. Absolute Empfehlung. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
16 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Messerscharfe Bestandsaufnahme,
Von
Rezension bezieht sich auf: Alle, alle lieben dich (Gebundene Ausgabe)
Rowohlt wirbt für diesen Roman mit der Kategorisierung "hochliterarischer Thriller". Dieses Buch ist - auf seine Art - spannend, fraglos, aber es ist ganz sicher kein Thriller.Die achtzehnjährige Kim verschwindet nach einer Strandparty mit Freunden, und ihrer Familie wird bald klar, dass der Ausnahmefall eingetreten ist. Beinahe umgehend wird eine akribisch organisierte Suche nach dem hübschen, intelligenten Mädchen gestartet. Fran und Ed, die Eltern, entwickeln sich in kurzer Frist zu Experten. Die Organisation der Suche gerät zum emotionalen Ablenkungsmanöver, das Elternpaar und die jüngere Schwester verändern sich und ihr Leben, das fortan der Detektiv- und Öffentlichkeitsarbeit untergeordnet wird, wobei die Familie die gesamte Stadt einbezieht. Während Fran, die Mutter, die Zuständigkeit für Organisatorisches und Pressearbeit übernimmt, findet der Vater seine Aufgabe im generalstabsmäßig geplanten Durchforsten der Umgebung. Dann entdeckt die Polizei das Auto des vermissten Mädchens, weit vom Heimatort Kingsville entfernt. O'Nan erzählt aus wechselnden Perspektiven, distanziert-beobachtend, aber aus sehr geringer Entfernung, wobei mal ein Elternteil im Vordergrund steht, dann Lindsay, die kleine Schwester, die nach und nach aus dem Schatten der vermissten Kim hervortritt, aber auch J.P., Kims Freund, und Nina, die beste Freundin, übernehmen zuweilen die Führung. Der Autor verzichtet dabei auf Kommentare, er berichtet äußerst präzise, nachvollziehbar und schnörkellos. Gelegentlich hat das Buch die erzählerische Qualität eines Polizeiberichts, aber es wäre falsch, dies für die literarische Einordnung heranzuziehen. Die Detailgenauigkeit und hohe gefühlte Authentizität des Geschehens und seine Reflexion machen den großen Reiz dieses Romans aus. Dass es unausweichlich auf das wahrscheinlichste Ende hinausläuft, nimmt dem nur wenig. "Alle, alle lieben Dich" ist kein Schema-F-Roman mit Whodunnit-Showdown, und, wie erwähnt, ganz sicher kein Thriller. Es ist die messerscharfe Bestandsaufnahme einer Grenzsituation, in die niemand je kommen möchte, und eine genaue Skizze der beteiligten Figuren, ihrer Handlungsweisen und Motivationen. Effekthascherei findet nicht statt, ganz im Gegenteil. Die erzählerische Akribie treibt Steward O'Nan allerdings manchmal etwas zu weit; das Buch hätte verlustfrei auch hundert Seiten kürzer ausfallen können. Es ist ausgesprochen ergreifend und sehr interessant, die Veränderung dieser Familie mitzuerleben, letztlich über mehrere Jahre hinweg. Der Zurückhaltung des Autors zugunsten seiner Figuren ist es in erster Linie geschuldet, dass dabei ein enorm lesbarer und hochwertiger Roman entstanden ist. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
8 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Treffende, diffizile und beklemmende Kleinstadtstudie.,
Rezension bezieht sich auf: Alle, alle lieben dich (Gebundene Ausgabe)
Stewart O'Nan ist der Meister der feinen und subtilen Gesellschaftsbeobachtung.In Kingsville, Ohio scheint die Welt noch in Ordnung zu sein! Der Sommer ist heiß, die Freude der Jugend beim Baden und Feiern klingt unbeschwert, und die achtzehnjährige Kim ist voller erwartungsvoller Zukunftspläne. Sie freut sich darauf, schon bald von zu Hause auszuziehen und aufs College zu wechseln. Einen letzten schönen Sommer verbringt sie mit ihren Freundinnen und Freunden. Sie baden im Fluss, treffen Verabredungen und träumen von der Zukunft. Der Job ab der Tankstelle ist ja nur eine Geldquelle im Vorübergehen. Als sie sich mit ihrer Freundin Nina für den Nachmittag verabredet, deutet nichts darauf hin, dass das glückliche Leben zu Ende sein könnte. Aber Kim kommt nie bei ihrer Arbeitstelle an! Die Eltern und Kims Schwester Lindsay gehen zu Bett wie an jedem Abend. Gegen Morgen stellt Ed, Kims Vater, fest, dass ihr Zimmer unberührt ist. Aufgeschreckt von ihrem Verschwinden läuft sofort eine Aktion an, bei der nach und nach immer mehr Polizeiorgane und Mithelfer in eine unfangreiche Suche einbezogen werden. Der Plot ist schnell erzählt. Doch baut sich die Suche, die den Romaninhalt bestimmen wird, erst langsam auf. O'Nan beobachtet feinste Spuren und kleinste Regungen bei allen Beteiligten. Die heile Familie, in der das Leben nach eingefahrenen Ritualen abläuft, wird minutiös analysiert. Plötzlich ist alles anders als bisher. Ed ist der rastlose Vater und Fran zeigt sich als verzweifelte Mutter. Lindsay, die eifersüchtige Schwester, die mit ihren fünfzehn Jahren mitten in der Pubertät steckt, steht dem ganzen Aufruhr ratlos gegenüber. J. P., Kims Freund, war sich ihrer Zuneigung nicht so sicher, wie es den Anschein hatte, und Kims Freundinnen wissen mehr über ihr Leben, als sie preisgeben wollen. Zwischen allen Beteiligten spielen sich Ungereimtheiten ab: jeder bezeugt, dass Kim von allen geliebt wurde und keine Feinde hatte. Aber stimmt das so? Wie jede Kontaktperson das eigene Verhältnis zu Kim überdenkt, wie sich Routine bei der Suche entwickelt, und wie mit verstreichender Zeit sich die Haltungen ändern: das ist Stewart O'Nans Können und zeigt seine Meisterschaft als Beobachter. Er lässt einzelne Personen auftreten, erweitert die Suche, bemerkt, wie sich die Eltern dem Medienrummel gegenüber fremd und unbehaglich fühlen; und doch ist zuletzt jedes Mittel recht, um der vermissten Kim auf die Spur zu kommen. Einzelne Stränge der Erzählung werden lang und länger,--doch steigert O'Nan damit die Spannung. Unerträglich wird das Gefühl der Ohnmacht bei der erfolglosen Suche, die sich dem Leser mitteilt. Zuletzt ermattet die Aktivität und der Alltag stellt sich ein. Man muss mit dem Verlust leben lernen, denn das Leben geht weiter. Mit feinsten Verästelungen zeichnet O'Nan das Psychogramm einer Kleinstadt, in der die Menschen durch das Verschwinden von Kim aus der gewohnten Ruhe aufgeschreckt werden und den gewohnten Halt im gleichmäßigen Alltagsleben zu verlieren drohen. O'Nans Stil ist der Lage angepasst. Seine Prosa wechselt von der feinen Landschaftsbeschreibung zu den Lebensstimmungen, zur Verzweiflung, Resignation und Aufgabe. Stewart O'Nan gehört mit Steven King zu den amerikanischen Schriftstellern, die sich zu den geheimsten Abgünden im Seelenleben des Menschen vorwagen. Mit diesem Roman hat er seine Fertigkeit wieder einmal unter Beweis gestellt. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
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