Unabhängig davon, was hier in den Produktinformationen steht: Das mir vorliegende Büchlein stammt aus dem Jahr 2001, erschienen bei Artemis & Winkler. Auch hat es eine andere ISBN-Nummer als die hier angegebene. Und als Umschlagmotiv muss "Marc Aurel als Triumphator" herhalten (und nicht irgendein verfremdetes römisches Mosaik). Ansonsten handelt es sich exakt um das gleiche Buch: "Alle Wege führen nach Rom", mit dem Untertitel "Deutsche Redewendungen aus dem Lateinischen" - inzwischen zu Redensarten verkommen -, von Annette und Reinhard Pohlke zusammengetragen.
Das Ding nennt sich Lexikon. Die Einträge sind alphabetisch geordnet. Sie sind - durchgängig eingehalten - in jeweils vier Teile gegliedert. In großem Arial und Kapitälchen steht die betreffende Redewendung über allem. Zum Beispiel "Auch du, mein Sohn (Brutus)!" [Also ich habe das noch nie zu jemandem gesagt, oder es von jemandem anderen zu hören bekommen.] In kleinerer Fettschrift [Schriftartenwechsel: Times New Roman (neuzeitlich römisch, klingt für dieses Lexikon nicht unpassend)] wird die Redewendung bzw. ihre Bedeutung heutzutage mit wenigen Worten erklärt. Zu "Auch du mein Sohn (Brutus)" lesen wir: "(Ausruf des Entsetzens, oft scherzhaft.) Auch du hast dich gegen mich verschworen! Auch du lässt mich im Stich! Auch: Auch du, (mein [Sohn]) Brutus!" Der Rezensent meint: Bisschen viel "auch".
Der dritte Teil der Einträge ist der jeweils umfangreichste. In dünner neuzeitlich römischer Schrift wird die Herkunft der Redewendung, gegebenenfalls das lateinische Originalzitat, die Übersetzung und allerlei sonstiges Drumherum zum Besten gegeben. Im vorgewählten Beispiel erfahren wir, dass Caesar es bei seiner Ermordung angeblich seinem Schützling Brutus in griechischer Sprache zugerufen habe. In griechischer Sprache? Warum hat es dann überhaupt Eingang gefunden in die Pohlke'sche Sammlung? Die Antwort folgt etwas später. Zu verdanken haben wir das William Shakespeare. Er "lässt in seinem 'Julius Caesar' (1599) diesen lateinisch 'Et tu, Brute' sagen und wechselt damit ebenso vom Englischen ins Lateinische wie Caesar bei Plutarch vom Lateinischen ins Griechische."
Zum vierten, direkt den jeweiligen Einträgen angehängt, sind Literaturhinweise und Fußnoten.
"Als gesprochene Sprache" - gesprochene Sprache, na ja - "mag Latein für uns 'tot' sein", lässt uns das Autorenpärchen wissen, "als Bestandteil unserer Sprache ist es ein höchst lebendiger Teil unserer Alltagskultur." Damit nur niemand auf die Idee kommt zu fragen, wozu wir ein Buch wie das hier vorliegende überhaupt brauchen. Denn Lehn- und Fremdwörter lateinischer Herkunft sind in unserer Sprache, dem Deutschen, fest verankert und nicht mehr wegzudenken. In der Umgangssprache mehr noch als in der Gelehrtensprache. "Ein Großteil lateinischer Wendungen hat bereits im Mittelalter (seit der Christianisierung auf dem Weg der lateinischen Amts- und Kirchensprache) oder im Humanismus, dem Zeitalter der Wiederentdeckung der Antike um 1500, auf das Deutsche eingewirkt. Wegen der vielen damals modischen lateinischen 'Stilblüten' ('flores Latini') sprach der Humanist Jakob Wimpfeling (1450-1528) von einem 'verbliemten Deutsch' (verblümten Deutsch)."
Damit keine Missverständnisse aufkommen. In aller Regel handelt es sich bei den Redewendungen um Sätze in deutscher Sprache. "Neue Besen kehren gut", oder "Die Daumen drücken". Seltener, dass der lateinsprachige Ursprung mit einfließt. Beispielsweise: Etwas "intus haben", oder "ad acta legen", oder 'Tabula rasa machen".
"Aus den Augen, aus dem Sinn!" / "Blut, Schweiß und Tränen vergießen" / "Dichterische Freiheit" / "Eile mit Weile!" / "Einem geschenkten Gaul, sieht man nicht ins Maul" / "Sich mit Händen und Füßen wehren" / "Jedem das Seine!" / "Kleider machen Leute" / "Müßiggang ist aller Laster Anfang" / "Aus der Not eine Tugend machen" / "Öl ins Feuer gießen" / "Papier ist geduldig" / "Die Ratten verlassen das sinkende Schiff" / "Ohne Saft und Kraft" / "Ein Unglück kommt selten allein" / "Sein Veto einlegen" / "Stille Wasser sind tief" / "Zustände wie im alten Rom!" - Das sind nur einige wenige der vielen Beispiele, die Annette und Reinhard Pohlke zusammengetragen haben.
Mit Latein ist das so eine Sache. Wer es lernte, lernen musste, hat so sein besonderes Verhältnis zu dieser sogenannten toten Sprache. "Guter Wein lehrt gut Latein", ein sinniger Spruch aus den Tafelliedern ("Tafellieder für Liedertafeln") des Dessauer Dichters Wilhelm Müller (1794-1827). Doch wenn man hier dem Weingenuss nicht das Wort reden möchte, dann bleibt für die Lateinphobiker vielleicht denn doch nur das Buch von Pohlke und Pohlke. Man kann zwar nach dessen Lektüre nicht besser Latein sprechen oder verstehen. Jedoch findet vielleicht der oder die eine oder andere durch den Zugang aus der eher unterhaltsamen Ecke den Spaß an der Freude zum kleinen Latinum.
P.S.: Dem Rezensenten ist natürlich bekannt, dass es sich bei Times New Roman - und auch warum man sie so nennt - um die alte Standartschrift der London Times handelt, und nicht um irgendeine neurömische Schriftart.