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41 von 50 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen
Heiliger Protagonist und durchgedrehtes Romanpersonal, 4. April 2005
Theresa Mora erzählt in ihrem Erstling die Geschichte von Abel Nema, dem jungen Mann, der spielend leicht zehn Sprachen lernt, sich nicht betrinken kann, nicht träumt, und keine Geschmacksempfindung besitzt. Er ist hochgewachsen, dürr, aber zugleich auch von der Art, dass jeder, der ihn kennerlernt, den Wunsch verspürt, sich näher mit ihm zu befassen. Seine Schulzeit verbringt Abel ohne Vater an der Seite seines Jugendfreundes Ilia, dem einzigen Menschen, zu dem er sich jemals hingezogen gefühlt hat, der ihn aber, als er ihm seine Liebe kurz nach dem Abitur gesteht, zurückstößt. Danach verlässt Abel seine Heimatstadt und wird zum großen Schweiger, der eine Sprache nach der anderen lernt, aber selber immer weniger spricht. Er ist wie eine Teflonpfanne, an dem nichts haften bleibt, weder Liebe noch Güte, weder Gemeinheit noch Niedertracht. Aber er ist auch ein Katalysator, dessen Sosein alle Gestalten des Buches dazu veranlasst, ihr Innerstes nach Außen zu kehren, eine literarische Fokussierung, mit der es der Autorin immerhin gelingt, eine ganze Reihe bizarrer Figuren auf eine äußerst originelle Weise vorzustellen. Und an durchgedrehtem Romanpersonal herrscht keinerlei Mangel - möglicherweise besteht in der fabulatorischen Kraft, mit der die Autorin diese Figuren beschreibt, sogar die größte Stärke des Buches. Erst nach der Mitte des Buches lernt Abel Mercedes (die natürlich auch schon vorher ihre Auftritte hatte ) kennen, mit der er eine Scheinehe eingeht und von der er sich gleich am Anfang des Werkes scheiden lässt, eine Frau, die Abel unglücklich liebt, weil dieser zeitlebens dem Jugendfreund Ilja nachhängt. Als Abel von Iljas schrecklichem Ende erfährt, dreht er durch und kommt in eine Nervenheilanstalt, wo ihm im Zustand des Delirierens alle Gestalten seiner Kindheit und Jugend aufs Neue begegnen. Aus dem Delirium aufgewacht und aus der Klinik entlassen, fällt Abel einer Zigeunerbande in die Hände, die ihn halbtot schlägt und mit dem Kopf nach unten an einer Stange aufhängt, ein Zustand, mit dem der Roman beginnt und endet Diese Misshandlungen, die er nur mit Glück überlebt, scheinen ihn dann zu „heilen", er hat alle seine Sprachen vergessen, er träumt wieder, hat Geschmacksempfindungen und scheint sich nun auf der Ebene einer reduzierten aphatischen Zustandes mit seiner Umwelt auseinander setzen zu können. Was ist nun „die Moral von der Geschicht?" Ist es gleich unmöglich als Genie, als Autist, als Aphatiker oder als Normalo in der Welt zu existieren? Sind die schrillen Figuren nur Symbole für die Schrecken der balkanischen Wirren in den Neunziger Jahren? Möglich, aber nicht zwingend. Und wahr ist leider auch: Keine der poetischen Ideen zündet wirklich - die Idee mit der Vielsprachenkompetenz bei gleichzeitiger Sprachlosigkeit ist reizvoll, wird aber nicht wirklich ausgewertet, die Liebesgeschichte zwischen Mercedes und Abel bleibt ebenso wie Abels Homosexualität chimärenhaft - wer will kann das als Vorzug sehen. Aber für einen Roman von über 400 Seiten ist das ein wenig unbefriedigend.
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16 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Der Hauptdarsteller als Reflexionsfläche, 29. November 2006
Terézia Mora hat mit diesem Roman ein ganz erstaunliches Debüt hingelegt. Sie experimentiert auf eine höchst interessante Weise mit Sprache, verändert Wörter, baut Sätze auf ihre ganz eigene Art und Weise. Und sie lässt Gedankenströme fließen, wie man sie erstmalig bei Joyce, später bei Bernhard findet. Damit reiht sie sich ein unter andere Schriftstellerinnen, die diesen Erzählstil nach meinem Empfinden häufiger pflegen als ihre männlichen Kollegen. Exemplarisch seien genannt Susan Sonntag und vor allem die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek. Wie bei Jelinek muss man als Leser arbeiten, reiner Konsum ist unmöglich. Daneben verlangt Mora von ihren Lesern eine Menge, in dem sie alle paar Seiten einen linearen Ablauf konterkariert und frei in der Zeit herumspringt.
Der Protagonist Abel Nema verdeutlicht in seiner intensiven Leere die Tatsache, dass Kommunikation, ja sogar Persönlichkeit erst im Zusammenspiel mit anderen entsteht. Die Gedanken der Person Abel Nema spielen in diesem Roman keine Rolle. Abel Nema entsteht erst im Zusammenwirken mit anderen Personen. Und die anderen Personen definieren sich ausschließlich im Zusammentreffen mit dem Protagonisten.
Abel Nema muss als junger Mann aus den Kriegsgebieten Südosteuropas fliehen und kommt (ich nehme an) nach Deutschland. Ein wenig einseitig begabt bringt er sich zehn Fremdsprachen bei und versucht einerseits, diese Begabung wissenschaftlich zu nutzen, andererseits gibt er Kindern Nachhilfe. Er ist außerstande zu anderen Erwachsenen normal zu nennende Beziehungen aufzubauen, ist umgekehrt als Bezugsperson jedoch außergewöhnlich beliebt. Eine Vielzahl von Figuren definieren sich über diesen Menschen, dessen Schemenhaftigkeit unterstrichen wird durch die Tatsache, dass er weder über einen Geschmackssinn verfügt, noch durch den Genuss von Drogen oder Alkohol in einen Rausch verfallen kann, und auch keinen Orientierungssinn hat.
Sie lässt Abel sagen: Ich lebe wie eine Amöbe, eine widerstandsfähige, ökonomische Lebensform, der Platz, den ich auf der Erde einnehme, ist nicht größer als meine Fußsohlen, der Abdruck meines Körpers auf einer Matratze, liegend, sitzend, eine Hüftbreite Metallkäfig in fünf Etagen Höhe, und ich praktiziere alle Tage den Frieden. (An Stellen wie dieser fühle ich mich an die Romane Samuel Becketts erinnert. Andere Abschnitte machen einen kafkaesken Eindruck. Vielleicht heißt das letzte Kapitel aber auch nur zufällig im Untertitel Verwandlungen.)
In dem Moment, am Ende des Buches, in dem Abel Nema gewinnt, was andere Menschen ausmacht, verliert er sich selbst.
Leser, die leichte Unterhaltung mit einer spannenden oder amüsanten Geschichte suchen, seien vor diesem Buch gewarnt. Überzeugte vier Sterne mit einem fünften Stern für die Tatsache, dass es sich um das Erstlingswerk einer 33jährigen handelt.
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19 von 25 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
...sprachlich hervorragend, spannend, düster..., 12. Juni 2005
Vielleicht sollte man dies Buch nicht an einem dunklen Novembertag in die Hand nehmen, vielleicht wird man gerade sagen: Ach wie lächerlich sind doch meine eigenen kleinen Problemchen angesichts dieser Geschichte(n)...: Der Held des Buches, Flüchtling aus Ex-Jugoslawien, rechtzeitig desertiert um nicht eingezogen zu werden, aber eigentlich auch schon vor seiner Flucht: Vaterlos, wie vaterlandslos, entwurzelt, einsam - homosexuell, ohne dies wirklich ausleben zu können, ebenso genial wie unfähig aus dieser Genialität Kapital zu schlagen, stolpert durchs Leben, mehr von Zufällen und wenigen glücklichen Umständen bestimmt als vom eigenen Willen. Letztendlich scheitert das Genie, der zehn Sprachen perfekt kann, an der Unfähigkeit zur Kommunikation, zur Aufnahmen von wirklichen Beziehungen zu seiner Umwelt. Sprachlich ist das Buch eine Sensation, Sätze wie Seziermesser mit immer wieder überraschenden Bildern - aber gleichzeitig oder sagen wir 'und auch' ist das ein enorm spannendes - bis zur Auflösung am Schluß auch ein Krimi, eine atemlose Suche, mit rätselhaften Figuren, die abseits des bürgerlichen Normallebens stehen.
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