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Zu Tisch in der Institutio Tayloriana
Javier Marías' früher Roman «Alle Seelen»
Javier Marías ist ein Romancier der dezenten Töne: er schreibt über unheimliche, beunruhigende Ereignisse der erotischen und blutigen Art mit grosser Gediegenheit und begleitet von feinformulierten Hintergedanken. Diese Mischung gelang ihm in «Mein Herz so weiss» derart reizvoll, dass der Roman bei seinem Erscheinen in Deutschland im vorigen Jahr das Prädikat «genial» verliehen bekam. Von einer mächtigen und launischen Instanz, die sogar totgeborene Bücher zum Leben erwecken kann. Zwei frühere der insgesamt acht Romane von Javier Marías, die beide mit noch weniger Lautstärke und noch viel weniger Trivialität auskommen als dieser spätere Bestseller, erschienen bereits vor Jahren beim Münchner Piper-Verlag. Die Kritiken waren spärlich und verhalten. Kaum einer erinnert sich noch daran. Jetzt aber angesichts des grossen Erfolgs vom Vorjahr darf einer der beiden die Wiederauferstehung auf dem Buchmarkt feiern, als wär's eine ganz neue Entdeckung. Oder ist es doch eher die Wiederkehr eines Untoten unter dem Fluch des Erfolges?
Ein Lektor in Oxford
In «Alle Seelen» verarbeitete Marías seinen zweijährigen Aufenthalt als Lektor in Oxford. Ausführlich schildert der Ich-Erzähler, ein leicht verstörter Spanier, Eigenheiten von Stadt und Leuten samt den traditionellen oxfordischen Umgangsformen und Gepflogenheiten. Das ist als Ausgangspunkt nicht gerade spektakulär. Aber die Stadt, «wie konserviert in Sirup», als Ort geschäftiger Langeweile, schludriger Heimlichkeiten und offiziöser und absurder Rituale empfiehlt sich rasch als durchaus geeigneter Schauplatz für irgendeine Art von Drama, zumindest für eine interessante Entgleisung.
Da gibt es zum Beispiel eine Veranstaltung, die sich high table nennt und eine Art festliches Diner vorstellen soll. Vorgeschrieben ist Dienstkleidung und wer sich mit wem wie lange zu unterhalten hat. Eine derartig anschauliche Darstellung von der Qual gesellschaftlicher Rituale hat man selten und noch seltener mit so viel Vergnügen gelesen. Die um den erhabenen Tisch versammelten Figuren sind dabei nicht besonders ungewöhnlich, vielleicht ein wenig einseitig, vielleicht ein wenig schrullig. Aber welches Lehrer- oder Professorenkollegium wäre das nicht? Dass man unter dieser Versammlung schwarzer Talare doch eine gewisse Erregung, eine Art Geheimnis vermutet, liegt vor allem an der Gründlichkeit, mit der davon erzählt wird.
Der Augenblick von grosser Feierlichkeit und (bildnerischer) Schönheit ereignet sich beim Verlassen des Refektoriums, denn dabei müssen die Tischgäste die bislang benutzte Serviette behalten und in der Hand tragen, so fleckig und zerknittert sie auch sein mag; und das Auf und Ab des kleinen weissen Tuchs (leicht soldatisch, wie immer, wenn man in einer Reihe geht) bildet einen sublimen Gegensatz zum langsamen, weiten Flug der endlosen schwarzen Talare.
Diese Bedingung des Erzählens, nämlich das Sensorium für die Teufel und Dämonen im Detail, ist etwas, das Marías in reichem Mass erfüllt. Er ist ein talentierter Beobachter; und ein witziger und genauer Beschreiber ausserdem. Aber das allein trägt noch keinen Roman.
Wir lesen eine Liebesgeschichte und eine Todesgeschichte. Auch in Oxford lieben sich Menschen hin und wieder oder für längere Zeit und sterben irgendwann. Wir lesen von zufälligen Begegnungen, darunter auch einigen recht merkwürdigen. Wir lesen andeutungsweise von dem bewegten Vorleben eines emeritierten Professors; von einem rätselhaften Schriftsteller, der vor langer Zeit als Alkoholiker in der Gosse versackte; und von einer obskuren Literaturgesellschaft, die sich mit der Beschaffung vergriffener Bücher eines längst vergessenen Autors befasst und die von dem Besitzer eines dreibeinigen Hundes repräsentiert wird. Aber nur über die Figur des Erzählers treffen die vielen kleinen Begebenheiten aus Literatur und Leben, die scheinbar parallel und ohne Bezug zueinander stattfinden oder stattgefunden haben, zusammen. Es ist also kein fertiges Konstrukt, keine dramaturgisch gerundete Erzählung, die Marías hier vorlegt. Die Dramatik liegt, wenn überhaupt im verborgenen, in der Vergangenheit, schon fast Vergessenheit. Und nur die Neugier des Erzählers selbst fördert sie zutage, in Fragmenten und Bruchstücken, als archäologisches Puzzlespiel ein Spiel der Möglichkeiten.
Ewige Gier
Diese Neugier, die eher eine Gier nach Erzählbarem ist, führt die parallelen Handlungsfäden weiter ins Unendliche wo sie sich, Wunder der Parallelität, dann treffen: im Terrain der Phantasie. So gerät die Vergangenheit der Geliebten in Zusammenhang mit dem Scheitern des Schriftstellers; oder mit dem Spleen des alten Professors. Aber vielleicht treffen sie sich auch nie, weder damals noch künftig. Marías erzählt so diskret, dass er die Rückschlüsse aus seinen Beobachtungen den Lesern überlässt. Nach der Lektüre bleibt der Eindruck, man habe sich einen interessanten Abend lang in etwas schrulliger, aber gebildeter und wohlerzogener Gesellschaft aufgehalten; bei teilweise brillanter, teilweise schleppender Konversation, wie es an solchen Abenden sein kann; inmitten geschmackvollen und gediegenen Mobiliars und bei gedämpfter Beleuchtung. Wenn es ein Geheimnis gab, so lag es ausserhalb des Lichtkreises, in den unbeleuchteten Ecken. Wenn es ein Drama gab, dann ein stilles, von dem nur die Eingeweihten wussten. Wenn das Beisammensein beendet ist, geht ein jeder seiner Wege. Einsichtig trennt sich das Liebespaar. Der Spanier erholt sich von seiner leichten Verstörung und gründet eine Familie. Zwei Männer sterben eines natürlichen und erwarteten Todes. War da noch etwas? Ach ja: jemand hat ein Buch darüber geschrieben.
Katharina Döbler
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.