Der Schreibstil von José Saramago ist ohne Zweifel sehr eigenwillig und gewöhnungsbedürftig. Er erzählt in langen Sätzen mit vielen Aufzählungen ohne erkennbaren Einschnitt. Einzelne Absätze ziehen sich oft über fünf oder mehr Seiten. Dabei wirkt zudem noch störend, daß die erste Zeile eines Absatzes nicht wie üblich nach recht eingerückt, sondern nach links ausgerückt ist. Das ungewöhnlichste bei Saramagos Schreibstil ist jedoch, daß er gänzlich ohne direkte Rede auskommt. Einzelne Unterhaltungen werden im Erzählstil geschildert, mit vielen Kommas zwischen den einzelnen Dialogen, so daß man schon genau aufpassen muß, um zu erkennen, wer was gesagt hat. Doch mit seiner Wortwahl, seinen Metaphern, seinen Übertreibungen und seinen manchmal ins Groteske gehenden Beschreibungen gelingt es Saramago ganz hervorragend, die jeweilige Stimmung und den Zustand der Personen zu vermitteln.
Psychologisch meisterhaft beschreibt Saramago in "Alle Namen", wie ein ängstlicher Amtsschreiber zum ersten Mal in seinem Leben Sehnsucht und Leidenschaft kennenlernt, wenn auch nach einer Unbekannten. Wie er von seiner selbst auferlegten Mission besessen ist und seine Pflichten vernachlässigt und wie er seine Ängste und Schwächen überwindet.
Wie er erkennt, daß es nicht darauf ankommt, Berühmtheit zu erlangen, sondern daß jede Person den gleichen Wert hat.
Die Erzählung begleitet durchgehend den Protagonisten, den Amtsschreiber Sr. José, dabei mischt der Autor immer wieder Realität und Imagination. Sehr oft wird fließend vom Geschehen aus weitererzählt, was sich Sr. José in seinen Ängsten ausmalt, und man braucht immer einen Augenblick, um zu erkennen, daß wieder Realität in Fiktion übergegangen ist.
Die Geschichte beginnt mit sehr viel hintergründigem Humor. Sehr trocken, fast so verstaubt wie die Ablagen im Amt, aber nicht ohne Ironie beschreibt der Autor das tägliche Einerlei in der Amtsstube. Danach weicht der Humor ein wenig der Handlung, die der Erzählung nach der doch recht trockenen Einleitung sehr gut tut. Das Beeindruckendste an diesem Werk ist, daß es dem Autor gelingt, eine vollkommen unbedeutende Handlung dann ohne große Effekte doch recht spannend zu gestalten. Als so nach etwa zwei Dritteln des Buches der Verbleib der gesuchten Person geklärt ist, kommt zunächst ein recht langweiliger Teil, bevor die Begegnung von Sr. José mit dem Schäfer auf dem Friedhof dem Werk wieder etwas Farbe verleiht. Das Buch schließt mit einer Überraschung, aber dennoch in dem eher leisen Stil, der das gesamte Werk durchzieht.
Wenn es auch nicht der ganz große Knaller ist, so ist "Alle Namen" dennoch ein von einem großen Sprachkünstler geschriebenes Buch, das doch einigen Unterhaltungswert besitzt und auch leicht lesbar ist, sofern man erst mal den Einstieg geschafft hat und den Roman nicht nach 50 Seiten schon beiseite gelegt hat. Ein Buch, dessen tieferer Sinn zwar nicht unergründlich ist, über den es sich aber dennoch lohnt, einige Gedanken zu verschwenden.