"Alle Herrlichkeit auf Erden" ist ein Melodram, und was für eines. Filmpublizist Norbert Grob hat einmal in dem Buch
William Wyler die Wurzeln des Genres bis hin zur griechischen Mythologie zurückverfolgt und dargelegt, dass es dabei um mehr geht als Liebe, Herz, Schmerz und Schmalz. Es geht um zwei Menschen, die völlig konzentriert aufeinander sind, um das schicksalhafte Zusammensein von zweien, die ohne einander nicht sein können und deren Liebe so sehr ins Zentrum rückt, dass sie alles andere plötzlich nichtig und klein werden lässt. Diesen Gleichklang von Konzentration auf die und Überhöhung der Liebe finden wir auch in "Alle Herrlichkeit auf Erden". In malerisch schönen und sehr sorgfältig komponierten und fotografierten CinemaScopebildern mit mannigfaltiger Symbolik zeigt der Film von Henry King, wie eine eurasische Ärztin und ein amerikanischer Korrespondent in Hongkong zusammentreffen und irgendwann schicksalhaft-liebend verbunden sind. Geschickt schafft es King, die Gesetze des Melodrams gleichzeitig zu nutzen und zu variieren. Die gnadenlose Wir-Bezogenheit unter Ausblendung der gesamten Umwelt, die manche "reinen" Melos extrem unerträglich macht - sie ist hier zwar auch, aber sie wird als Gegengewicht gezeigt zu einer in jeder Hinsicht zerrissenen Welt. Der Film nimmt diese Welt erfreulicherweise ernst genug, um nicht völlig im Schmalz zu ertrinken. Schon die erste Einstellung - eine vor CGI furiose Kamerafahrt von Luftpanoramen bis in die Straßen Hongkongs - zeigt, dass der Film nicht an der Oberfläche bleiben, sondern in die reale Welt eintauchen wird. Es geht um Parallelität von politischen und menschlichen Ungewissheiten bzw. Zerrissenheiten. Ärztin Han Suyin (Jennifer Jones) ist Eurasierin, die sich jedoch weitgehend als Chinesin fühlt, trotz langer Abwesenheit von China ihrem Ursprungsland und ihrer chinesischen Familie tief verbunden. Aber nicht hundertprozentig! Dies zeigt nicht nur die wechselnde Garderobe Suyins an, sondern auch ihre Haltung, mit der sie persönlich wie politisch "gegen den Strom schwimmt". Während die revolutionären Umwälzungen in China diesen Strom in Form von Flüchtlingen nach Hongkong treibt, zieht es Suyin in die entgegengesetzte Richtung, um ihren als Berufung empfundenen Beruf nun auch dem Volk zur Verfügung zu stellen, dem sie sich zugehörig fühlt. Gegen den Strom aus allen Richtungen schwimmt sie, wenn sie sich nach einigem Zögern entschließt, zu ihrer missgünstig beäugten Beziehung zu Mark Elliot (William Holden) zu stehen - hiermit ist sie weder bei der britischen Kolonialschicht noch bei ihrer chinesischen Familie wohlgelitten. Zumal Elliot noch verheiratet ist, und auch hier gibt es ein Hin und Her der Ungewissheiten und Gegensätze. Elliot reist als Korrespondent in der ganzen Welt herum und ist doch ein Gefangener, da seine Frau in die Scheidung erst einwilligt, um es sich dann wieder anders zu überlegen. In einem solchen Chaos, politisch wie menschlich, kann man gut verstehen, dass zweie eine feste Burg ihrer Liebe zu errichten versuchen. Geschickt überspielt der Film damit, dass er im verklärenden Idealisieren der Liebe im Grunde auch nicht besser ist als vielerlei Kitsch - man erfährt kaum, wie die beiden zusammen leben wollen, was der eine mag, was die andere, eben die nüchternen Fragen des Alltags, die das Leben von der Kunst unterscheiden. Doch angesichts der in jeder Hinsicht chaotischen Situation ist es schon stimmig, dass sich zwei zusammenschließen auf ewig gegen diese Welt - und sehr sehr schön ist es sowieso.
Die CinemaScope-Fotografie stammt noch aus den Kindertagen des Formats, und das Fehlen jeglicher Großaufnahmen (das Kamera-Equipment war sehr schwer, und man bevorzugte eher wenige Totalen und halbnahe Einstellungen) ist ein bißchen schade. Gerade die ersten Scope-Filme kann man nur auf der ganz großen Leinwand ungemindert genießen. Indes schafft King interessante Bildarrangements, anstatt die Leinwand rechts und links mit überflüssigem Nippes zu füllen. Das Himmelbett in der linken Hälfte, wenn Suyin ganz am Anfang mit Elliot telefoniert (und sich auf keinen Fall verlieben will), spricht Bände. Oftmals gibt es eine sinnfällige Unterscheidung zwischen linkem und rechtem Bild im Bild. Zu Beginn werden Suyin und ein chinesischer Arzt durch ein Gitterfenster optisch getrennt, obwohl sie einander direkt gegenüber stehen - dies wird sich am Ende "bewahrheiten", wenn es diesen Arzt entgegen Suyin zu den neuen chinesischen Machthabern zieht. Auch zeigt King in der Anfangsphase, dass unsere Liebenden nicht wie von selbst zueinander finden. Bei ihrem ersten gemeinsamen Restaurantbesuch sitzt er im Freien, sie im Innenbereich, sein Hintergrund ist von kälterem Blau, ihrer von wärmerem Rot, und sie muss ihn erst einmal von seinem Rationalismus (bzgl. eines chinesischen Aberglaubens) herunterholen. Vielleicht ist das eine Metapher für den Zauber der Liebe, den dieser Film so wirkmächtig heraufbeschwört: "If we didn't believe the unbelievalbe, what would happen to faith?" Ja, und was wäre dann mit der einen, großen, alles um- und wegschließenden Liebe? Dabei gibt es sogar hier Paradoxien. Der rationalistische Elliot glaubt, dass das Schicksal mit Suyin und ihm etwas vorhabe, Suyin glaubt dies zunächst nicht. Doch nach reichhaltiger Symbolik inclusive des Entflammens ihrer Zigarette an seiner ist es längst klar, dass sich hier zwei für die Ewigkeit gefunden haben.
Neben dem Metaphernreichtum zielt King auch mit den Montagen immer auf pure Emotion voller Wucht. Sie meint, er rufe sowieso nicht an? Schnitt, und das Telefon klingelt (mit Himmelbett neben der Frau, die den Hörer abnimmt, wie gesagt). Sie sagt, in Peking sei der Mond größer, und er glaubt es nicht? Schnitt auf den Mond, doch von diesem müssen noch die Wolken (mittels eines Aberglaubens) vertrieben werden. Sie zögert noch, ob sie mit ihm schwimmen gehen soll? Schnitt, und da fahren sie schon zum Strand. Die irrste Montage, die Douglas Sirk mutmaßlich gefallen hat, ist die Parallele einer fallenden Bombe mit einer hinfallenden Eß-Schüssel inclusive des dadurch verursachten sehr roten Flecks, an das Blut und den Tod erinnernd, den Bomben mit sich bringen. Auch dies zeigt, dass hier alles mit allem zusammenhängt, die große Politik und das kleine Glück/Leid. Doch die Liebe ist größer als alles, und das Schlimmste wäre, wenn man am Ende eines Weges sagen müsste, niemals wahrhaft geliebt zu haben. Ein bißchen sehr dick trägt King in der Schlussphase auf, allzu oft wiederholt er das wort- und bildreiche Beschwören der alles überstrahlenden Liebe, allzu oft wiederholt er auch das Bild vom Treffpunkt am Baum auf einem Hügel (der Baum könnte Symbol des Lebens sein, aus gewissen Kamerapositionen heraus fand ich ihn offen gestanden recht vaginal, was bei gewissen Wülsten an Baumstämmen ja keine Seltenheit ist und auch schon in einer deftigeren Szene aus Goethes Faust I vorkommt). Nein, fünf Sterne sind das bei aller Kunstfertigkeit und zwei guten Hauptdarstellern nicht ganz, man hätte die zweite Hälfte schon um einiges entschlacken und kürzen können. Aber wenn man in der richtigen Stimmung ist, ein ganz und gar zauberhafter Film.
Norbert Grob hat in dem sehr empfehlenswerten Buch
Filmgenres: Melodram und Liebeskomödie den Film mit einem wunderbar geschriebenen Artikel gewürdigt.