Angeblich ereignet sich in der Weltgeschichte alles zweimal: beim ersten Mal als Tragödie und dann noch einmal als Farce. Nicht nur in diesem Sinne ist Douglas Coupland mit seinem jüngsten Roman eine brilliante Farce gelungen. Aber eine, unter deren bizarrer Handlungsoberfläche noch das Tragische lauert. "Alle Familien sind verkorkst" lautet der in der deutschen Übersetzung ein wenig zu flapsige Titel für eine verästelte Story. Die erzählt abgedreht, effektvoll und komisch von einem Gebilde, das bei Shakespeare den Stoff für große Tragödien lieferte, mittlerweile über ein eigenes Ministerium verfügt und in letzter Zeit strengen Artenschutz genießt: die Familie. Doch Coupland setzt seine verkorkste Romanfamilie namens Drummond nicht nur genüßlich dem Spott aus, sondern zeigt am Ende, dass alles andere noch viel schlimmer ist.
Aber der Reihe nach: Anfang der 90er Jahre wurde Douglas Coupland weltweit als der literarische Vater der ‚Generation X' bekannt. Dabei handelt es sich um jene zwischen 1960 und 1970 Geborenen, die für das Hippietum zu wissend und für das Yuppietum zu ungläubig waren. Stattdessen schlugen sie sich mit "McJobs" durch, erzählten sich krude Geschichten und erhoben den Verfall zum Lebensstil. Seitdem hat man den Autor in die Ecke desjenigen gestellt, der witzig und genau das Milieu der Jugendkulturen und Computerfreaks beschreiben kann. Spätestens mit seinem letzten Roman, ‚Miss Wyoming', versuchte Coupland, spürbar aus dieser Ecke auszubrechen, indem er sich der schillernd desillusionierenden Welt Hollywoods zuwandte. Dieser Ausbruchsversuch missglückte weitgehend, weil sich seine Stars und Sternchen doch wieder als Berufsjugendliche entpuppten und sein Erzählstil allzu unbedarft den Umgang mit Klischees pflegte.
Mit seinem neuesten Roman kehrt er zum Generationenthema zurück, aber nunmehr zu eben jenem Gebilde, was bis dato Generationen gemeinhin generierte: Zum ersten Mal seit Jahren steht den Drummonds, die dem Bankrott näher sind als einem harmonischen Familienleben, wieder eine Vollversammlung bevor. Anlass ist der Weltraumflug von Sarah, des jüngsten und trotz ihrer Contergan-Schädigung einzig erfolgreichen Sprösslings dieser Familie. Da wollen Mutter Janet, ihr Ex-Mann Ted mit seiner Geliebten Nickie und ihre beiden großen Söhne Wade und Bryan samt Freundinnen auf der Zuschauertribüne stehen und winken. Doch vor dem Winken steht das Abenteuerliche, und davon gibt's in diesem Roman reichlich. Zuerst werden Janet und Nickie in den Überfall auf ein Restaurant verwickelt. Dann muss Bryans Freundin mit dem selbst ausgedachten Namen shw gerettet werden - und zwar vor einem überaus freundlichen Paar, das allerdings über einen Keller voller Foltergeräte verfügt. In eben den wollten sie shw einsperren, ihr erwartetes Baby verkaufen und sie selbst umbringen. Und schließlich ist da noch der reiche Abkömmling eines deutschen Pharma-Konzerns, der hinter einem Brief aus der englischen Königsfamilie her ist, um aus den Speichelresten des Umschlags irgendwann einmal ganz viele Prinzen zu klonen.
So verzwickt und grotesk sich das auch ausnehmen mag, Couplands Erzähler gibt bis zum Schluss keinen Handlungsstrang verloren. Dabei zieht er sämtliche Register dessen, was man sich seit der Etablierung des Films vor allem in der amerikanischen Literatur angewöhnt hat, "realistisch" zu nennen: Rückblenden, Parallelmontagen, pointierte Dialoge etc. Und genau da liegt der Clou von Couplands Roman. Der ist nicht zuletzt auch eine Farce auf das realistische Erzählen, das hier täuschend echt, also äußerst gekonnt nachgeahmt - und am Ende ad absurdum geführt wird. Allein schon das Florida dieses Romans: ein versumpftes, fieberndes und durchgeknalltes Irrenhaus ohne Dach und Wände. Oder die HIV-Infizierung von Mutter Janet, dieser anrührenden Trash Queen, der alles passiert, was Frauen im richtigen Leben eher selten passiert: Ohne sein Wissen schläft ihr ältester Sohn - seines Zeichens HIV-positiv - mit der Geliebten ihres Ex-Mannes, seines Vaters. Letzterer jagt ihm daraufhin eine Kugel in den Bauch. Die tritt aus Wades Rücken wieder aus und bohrt sich in das Brustbein der hinter ihm stehenden Mutter - ein aberwitziger Genre-Mix aus Mythos und Western, Comic und Soap, aber stilistisch derart selbstverständlich dargeboten, als würde man von jemand erzählen, der gerade in aller Ruhe sein Frühstücksei pellt.
Die heimlichen Helden von Couplands Romans sind indes nicht zu sehen, jedenfalls nicht mit bloßem Auge. Es handelt sich um Parasiten in ihrer kleinsten Form, um uralte Mikroorganismen wie Bakterien oder außer Kontrolle geratenes genetisches Material wie Viren. Sie sind - zusammen mit all den Pillen und Medikamenten der modernen Medizin, von denen fast die ganze Familie Drummond lebt - das, was diese Romanwelt im Innersten zusammenhält. Wir, oder zumindest Couplands menschliche Figuren, sind aus dieser Perspektive vor allem eines, nämlich Wirtstiere. Abgesehen von jener wunderbaren Cissy Ntombe, die fast 20 Jahre als Prostituierte in Uganda gearbeitet und mindestens 35.000-mal ungeschützten Verkehr hatte. In ihrem Blut zeigt sich trotzdem weder eine Spur vom Virus noch von seinen Antikörpern. Sie ist die personifizierte Immunität, bleibt aber als solche Ausnahme und Randfigur in diesem Roman. Der hauptsächliche Rest, also die Drummonds, gibt dagegen ein regelrechtes Biotop für Parasiten ab.
Deren Spektrum wiederum ist so breit wie bildhaft gefasst. Es reicht von den Tod bringenden und Metaphern spendenden Viren über schicksalhafte Begebenheiten bis zur religiösen Infizierung. Sie alle sind Gift und Heilmittel zugleich. Denn jeder Parasit gibt bekanntlich seinem Wirt auch die Mittel an die Hand, mit denen dieser seine Widerstandskraft stärken und seine Anpassungsfähigkeit steigern kann. Er bringt ihn aus dem Gleichgewicht - und der Wirt findet es gefestigt wieder. Oder eben nicht. Das zumindest verbindet diese seltsame Familie mit der zeitgenössischen Familie an und für sich. Die Drummonds jedenfalls dürfen am Ende zusammen auf der Zuschauertribüne stehen und winken, wenn ihre Jüngste von Cape Canaveral in die große weite Welt hinaus katapultiert wird: "Groß ist nur, was man nicht erkennen kann", sang kürzlich die deutsche Popband ‚Element of Crime'. Bei Coupland sind die Kleinsten, die Unsichtbaren die Größten. Erkennen kann man sie kaum. Und doch sorgen sie für das Tragische in dieser Farce: für die Frage nach Anpassung oder Verschwinden.