Der Islam hat im Westen den untergegangenen Kommunismus als Feindbild abgelöst. Ist die Islamophobie eine Neuauflage des Antisemitismus unter anderen Vorzeichen?
Mekka war auch vorislamisch eine bedeutende Handelsstadt, in der zur Kaaba gepilgert wurde. Mohammed war Händler, der nach einem Berufungserlebnis in Mekka predigte und deshalb von der reichen Kaufmannsschicht 622 verjagt wurde. Acht Jahre lebte er in Medina und prägte dort islamisches Regieren, das unterschiedlich interpretiert wird. Radikale Islamisten stehen gegen islamische Modernisten (Trennung von Religion und weltlicher Macht) und islamischen Vordenkern, die Medina als gelungene Einheit von Staat und Religion verstehen.
Michael Lüders schildert historisch die Ausweitung des islamischen Imperiums. Nicht die Bekehrung der Ungläubigen, wohl aber die Herrschaft der Muslime über die Nichtmuslime galt den Moslems als gottgewollt. Weiter zeichnet Lüders knapp nach die Spaltung des Islam (vor allem zwischen den Sunniten und Schiiten) und die Teilung des Großreiches zwischen Arabern, Persern und Türken.
Fünf Grundpfeiler des Islam sind verpflichtend: das Glaubensbekenntnis, die täglichen Gebete, das Almosengeben, die Pilgerfahrt nach Mekka und das Ramadan-Fasten.
Die Scharia, die konsequent in Saudi-Arabien, im Iran, im Sudan, in Somalia und in Afghanistan angewandt wird, kennt noch Steinigen von Ehebrechern oder die Handamputation bei Diebstahl. Sie sollte nach Lüders systematisch entrümpelt werden.
Im wohl letzten kolonialistischen Krieg der Region, dem Suez-Krieg, wurde der arabische Nationalismus besiegt - an seine Stelle trat der Fundamentalismus. Ein moderner, aufgeklärter Islam hat zur Zeit keine gesellschaftliche Basis.
Osama bin Laden wollte ein Kalifat unter seiner Führung schaffen und gründete dafür 1988 das Netzwerk Al-Quaida. Von Peshawar (Pakistan) aus arbeitete er an der Befreiung Afghanistans von den Sowjets, unterstützt von Amerikanern mit modernsten Waffen, in Kooperation mit dem CIA. Später wollte er die prowestlichen islamischen Regierungen (Algerien, Ägypten, Saudi-Arabien, Jemen, Pakistan) stürzen.
Mit Ausnahme von Al Quaida gibt es keine islamistische Internationale. Eine algerische Gruppe hat eine algerische Agenda, eine ägyptische eine ägyptische, eine marrokanische eine marrokanische. Allein zwischen Hamas und Hisbollah ist seit dem Libanon-Krieg 2006 eine Zusammenarbeit unter syrischer und iranischer Beteiligung zu beobachten.
Der Sturz der Taliban in Afghanistan, dem Gastgeber von Osama bin Laden, war eine vom Völkerrecht sanktionierte Antwort auf 9/11 - ganz im Gegensatz zum Angriffskrieg 2003 gegen den Irak. Den Irakern geht es heute schlechter als unter der Terrorherrschaft Saddam Husseins. Nicht das Ziel der Demokratisierung wurde erreicht, sondern eine fortschreitende Radikalisierung im Namen des Islam.
Die gegenwärtige Lage im Nahen und Mittleren Osten gleicht einer Anhäufung von Pulverfässern mit mehreren glimmenden Zündschnüren. Syrien und der Iran werden dämonisiert, aber ohne sie ist eine Befriedung der Region nicht möglich. Weiter so ist der "Krieg gegen den Terror" nicht zu gewinnen. Wenn es uns nicht gelingt, Köpfe und Herzen der muslimischen Mehrheit zu gewinnen, wird weiterhin ein Konflikt aus dem nächsten geboren.
Detailliert schildert Lüders das an der Lage in Afghanistan und im Irak.
Eine Reformation und Aufklärung hat es auch im Buddhismus, im Hinduismus oder Taoismus nicht gegeben, ohne dass man China oder Indien, Thailand, Malaysia oder Vietnam deswegen Fanatismus oder Fortschrittsfeindlichkeit vorwirft.
Ein schlimmer Ausblick in die Zukunft: Israel könnte im Alleingang einen Angriff auf den Iran wagen und dann die Solidarität der westlichen Welt mit dem jüdischen Staat einfordern. Die Beteiligung der Hisbollah (Libanon) dürfte erfolgen, wenn die USA und/oder Israel den Iran angreifen.
Eine kleine Kritik zum Schluss: gleich zweimal wird von 15 Milliarden Moslems (wohl ein Kommafehler) geschrieben. Das dürfte eigentlich nicht passieren.