Wenn Kinder töten lernen
Ahmadou Kouroumas Roman «Allah muss nicht gerecht sein»
Von Heinz Hug In den bisherigen Romanen des 1927 in Togobala einem Dorf im von Malinké bewohnten Grenzgebiet zwischen Elfenbeinküste und Guinea geborenen Ahmadou Kourouma spielt die Sprache eine aussergewöhnliche Rolle. Das ist in «Allah muss nicht gerecht sein», Kouroumas neuestem Roman, nicht anders. Dies scheint die deutsche Übersetzerin Sabine Herting und den Verlag indes nicht sonderlich zu kümmern. Zwar gelingt Herting ein ungestörter Sprachfluss, doch mit dem Material des Originals geht sie recht eigenwillig um. Die Tatsache, dass afrikanische Staatschefs «den Lügner, Dieb und Strassenräuber Taylor» gemeint ist Charles Taylor, der Hauptverantwortliche für den Bürgerkrieg in Liberia unterstützen, kommentiert Kourouma etwa mit einem nachdrücklichen, doppelten «Pourquoi?»; die Übersetzung dagegen begnügt sich mit einem einmaligen «Warum?». Ein Detail andere Weglassungen haben stärkeres Gewicht. Etwa wenn Herting von Kouroumas Umschreibung «l'Afrique des dictatures barbares et liberatricides des pères des nations» die «Väter der Nationen» einfach weglässt.
Damit unterschlägt sie Kouroumas Interpretation der schwierigen Lage im heutigen Afrika: Die Gründerväter, etwa Houphouët-Boigny, Touré, Nkrumah oder Senghor, haben wesentlichen Anteil daran. Vermindern solche Mängel der Übersetzung die Kraft und die Anklage in Kouroumas Sprache, so verfälscht ein anderer zumindest tendenziell den Roman als Ganzes. Dies zu erläutern, bedarf der Kenntnis des Romans oder wie der Erzähler manchmal sagt: «Aber fangen wir mit dem Anfang an.» Mörderische Marionetten Dieser Erzähler heisst Birahima, stammt aus Togobala und ist zehn oder zwölf Jahre alt. Da seine Mutter früh stirbt, soll ihn es ist das Jahr 1993 der Fetischpriester Yacouba zu seiner Tante nach Liberia bringen. Der Bürgerkrieg lässt das Vorhaben scheitern: Die beiden fallen einer kämpfenden Truppe in die Hände, Yacouba wird weil er auch die muslimische Magie beherrscht deren Grisgrismann, der mit Amuletten die Soldaten vor den feindlichen Kugeln schützen soll. Birahima wird Kindersoldat, und weil er als solcher geachtet und manchmal gefürchtet wird und zudem anständig zu essen bekommt, hat er nichts dagegen. Der Verlauf des Krieges sowie die Suche nach der Tante lassen Birahima und seinen Begleiter krumme Wege gehen: Sie nehmen im Dienste fast aller Fraktionen am Krieg teil, und weil die Tante nach Sierra Leone geflohen ist, geraten sie auch in den dortigen Bürgerkrieg. Bei seinem Kriegsdienst auch einmal die Front zu wechseln, stört Birahima keineswegs. Ebenso wenig hat er Hemmungen, seine Kalaschnikow zu gebrauchen, sei es bei Angriffen auf feindliche Truppen, auf Plünderer in einer amerikanischen Kautschukplantage oder auf ein Mädchenpensionat inmitten Monrovias.
Auch das Abhacken von Händen gehört zu seinem Job, es soll die Leute am Abgeben ihrer Stimmzettel hindern. Als Birahima und Yacouba mit der Truppe eines wieder anderen Warlords in die Grenzregion zwischen Liberia und der Elfenbeinküste kommen, erfahren sie, dass die Tante gestorben ist. Mit der Rückkehr in ihr Heimatdorf lässt Kourouma den Roman ausklingen. Kouroumas erstes «Pourquoi?» gilt den zeitgeschichtlichen Hintergründen und den Verwicklungen dieser schrecklichen westafrikanischen Kriege am Ende des 20. Jahrhunderts. Diese legt er in weitgehender Übereinstimmung mit den tatsächlichen Begebenheiten so ausführlich und ohne Verdichtung dar, dass der Roman zuweilen zu einer blossen Geschichtslektion wird. Das andere «Warum?» gilt Birahima und seiner Motivation, als Kindersoldat zu dienen. Die traurige Jugend, die eine normale Entwicklung verhindernden Zeitumstände und Lebenssituationen sind dabei nur äusserliche Ursachen; Kourouma zeigt sie auch in den Lebensgeschichten anderer Kindersoldaten, indem er Birahima bei ihrem Tod Trauerreden halten lässt. Kampf um Worte Kindersoldat zu werden und sich als solcher derart grausam und gleichgültig zu verhalten, setzt jedoch eine tief gründende existenzielle Krise voraus. Kourouma findet sie in einem Identitätsverlust, den er an Birahima und dessen obsessivem Verhältnis zur Sprache sichtbar werden lässt. Seine Geschichte erzählt Birahima die Erzählsituation wird erst am Schluss deutlich mit Hilfe von vier Wörterbüchern: dem «Larousse» und dem «Petit Robert», dem «Verzeichnis der lexikalischen Besonderheiten des Französischen in Schwarzafrika» sowie dem «Harrap's», einem Dictionnaire für das Pidgin-Englisch, das in den ehemals englischen Kolonien Westafrikas gesprochen wird. Birahima hat die Schule bereits nach zwei Jahren verlassen. Er verfügt also nur über eine minimale Sprachkompetenz, die überdies von der komplexen linguistischen Situation in dieser nachkolonialen Region erschüttert wird.
Um seine Unsicherheit zu kompensieren, fügt Birahima immer wieder Erklärungen aus den Wörterbüchern in die Erzählung ein. Das ist sein Spracherwerb, und mit ihm erwirbt er sich eine grössere Welt, als ihm bisher zur Verfügung stand. Die Worterklärungen folgen seiner privaten Logik: Er erklärt, wo gar kein Erklärungsbedarf zu bestehen scheint, schwerer Verständliches dagegen lässt er stehen, etwa «die Manen» oder die Abkürzungen HCR und ONG. Diese unaufhörliche sprachliche Selbstvergewisserung macht die Lektüre von «Allah muss nicht gerecht sein» nicht gerade flüssig, doch sie gehört elementar zum Roman. Ausgerechnet diese Worterklärungen aber lässt die Übersetzerin häufig weg hauptsächlich wenn sie für uns Selbstverständliches erklären. Zuweilen fügt sie auch Worterklärungen ein, die im Original fehlen, etwa für Manen, HCR und ONG. Offenbar sieht sie in Kouroumas literarischer Technik eine blosse Verständigungshilfe für das Lesepublikum, und da so möchte man schlussfolgern die deutschsprachigen Leser über mehr Bildung verfügen, sind eben weniger Erklärungen nötig. Wie auch immer Kouroumas mit dem Prix Renaudot ausgezeichneter Roman ist auch in dieser reduzierten Form lesenswert. Birahimas Initiationsreise, die manchmal an «Mutter Courage» erinnert vor allem Yacouba versucht überall seinen Schnitt zu machen , zeichnet ein ungeschöntes Bild Westafrikas, das auch die Einflüsse von aussen nicht unterschlägt. In einer Sprache, die durch ihren Witz und ihre Anleihen beim komplexen Gemenge gesprochener Lokalsprachen äusserst lebendig und farbig wirkt.
Als er etwa zwölf Jahre ist, verliert Birahima, eine Halbwaise von der Elfenbeinküste, seine Mutter, die das Opfer eines bösen Fluches geworden zu sein scheint. Die Angehörigen beschließen, den Jungen in die Obhut seiner Tante nach Liberia zu schicken. Yacouba, ein erfahrener Magier, soll ihn unterwegs beschützen. Doch bevor sie die Grenze erreichen, werden die beiden von Rebellenführern aufgegriffen und in ein Lager verschleppt. Dort steckt man Birahima in die viel zu große Uniform eines Fallschirmspringers und drückt ihm eine Kalaschnikow in die Hand. Yacouba hingegen wird zum Fetischpriester ernannt, dessen Talismane die Feinde verhexen sollen. Und an Feinden herrscht kein Mangel. Die Stammeskriege haben Westafrika in den neunziger Jahren ins Chaos gestürzt, ständig wechseln die Fronten, und die mit Drogen manipulierten Kindersoldaten müssen nicht nur Dörfer und Plantagen angreifen, sondern sogar Missionen und Mädchenheime. So hart sein Los auch ist, Birahima gibt nie auf. Er verbirgt seine Wut und seine Verzweiflung hinter Formelhaftigkeit und erzählt seine ungeheuerlichen Abenteuer in einer Mischung aus Naivität und Sarkasmus, die uns zwingt, der erschütternden Realität ins Auge zu sehen.