Ellen ist kalt, egoistisch, unsensibel, eingebildet und hetero. Claude ist warmherzig, mitfühlend,unsicher und lesbisch. Heteros haben Raucherhusten und kippen klebriges Zeug auf den Boden (Claudes Mutter), sind widerliche Machos und handeln mit Drogen (Ellens Freund Mark), sind gehemmt, lächerlich, verlogen und bestenfalls langweilig. Lesben und Schwule nehmen keine Drogen, trinken nur Cola und Milch, rauchen nicht (der einzige schwule Raucher wird erstochen), wischen allerlei unappetitliche Flüssigkeiten auf, sind um Aufrichtigkeit bemüht, nehmen andere ernst, sind selbstkritisch - und wenn sie gehemmt und linkisch sind, wie z. B. Claude, dann nicht etwa, weil sie sich starren Rollenmustern unterzuordnen versuchen (der Junge, der in Claude verliebt ist), sondern weil sie die Suche nach ihrem wahren, authentischen Ich sehr ernstnehmen.
Claudes Coming Out vollzieht sich in kleinen Schritten. Hoffnungslos verknallt in ihre hochmütige, abweisende Heterofreundin Ellen ist sie, und so hat die hübsche, sensible, warmherzige und offene Guitarristin einer Girlie - Band keine Chance. Erst als der nette Schwule aus dem ersten Stock erstochen wird, entscheidet sich Claude für die richtige Seite.
Sie hat ihre Lektion gelernt: Nur wenn man konsequent zu sich selbst steht und unbeirrt seinen Weg geht, hat man eine Chance auf Glück und Liebe. Vorausgesetzt natürlich, man ist nicht hetero.
Ein langweiliger, plakativer Tendenzfilm, bieder, vorhersehbar und plump? Weit gefehlt! Trotz seiner nicht zu übersehenden Schwächen ist All Over Me einer der schönsten, anrührendsten Liebesfilme aller Zeiten - einfach zum Heulen schön, und dabei völlig unsentimental. Diese zartbittere, süß - melancholische
Teenieromanze sei allen empfohlen, die jung oder es geblieben sind - und allen anderen erst recht!