So sehr man ihnen die Nische zugestehen muss, die sie sich in der jüngeren Musikgeschichte freigekratzt haben, man muss sich mit dem Gedanken abfinden, dass sich ein Bandkonzept wie Slipknot nicht ewig fortsetzen lässt. Ihr Verdienst lässt sich einfach zusammenfassen: Sie haben aus quasi übermenschlicher Aggressivität eine musikalische Kunstform entwickelt. In einer Zeit, als der einst so wegweisende Nu-Metal nur noch darin bestand, so zu spielen, zu singen und aufzutreten wie KoRn, schafften es neun wütende Männer aus dem finstersten amerikanischen Nirgendwo einen Sound zu kreieren, dem man tatsächlich nichts vergleichbares gegenüberstellen konnte. Image-Gehabe hin oder her, selbst ihre Gegner werden eingestehen müssen, dass die Musik von Slipknot einzigartig, ohne Vorreiter oder bekannten Einfluss bei uns ankam: Ein dominantes Schlagzeug, das sich zu jedem Tempo wie eine Dreschmaschine unter die Musik legt, krachende Gitarren (mal mehr mal weniger), Verzerrung und natürlich Corey Taylors ans Unmenschliche grenzende Gesangsleistungen, die einen Normalsterblichen bereits dreimal umgebracht hatte
Auf ihren ersten drei Alben haben sie dieses Konzept individuell verarbeitet: Das Debüt war noch etwas ungeordnet aber in seiner ungezügelten Wut bis dato ungehört, IOWA brachte (für mich zumindest) den Höhepunkt eines Gesamtkunstwerks menschlicher Extrememotionen, und in The Subliminal Verses schaffte es die Band ihr bahnbrechendes Wutpotential durch gedrosseltes Tempo und mehr Harmonien zu kleinen, nicht minder effektiven Giftgeschossen zu komprimieren. Was soll danach noch kommen?
All Hope is Gone ist ein charakteristisches Slipknot-Album, aber es zeigt drastische Ermüdungs- bzw. Verschleisserscheinungen: Der Lärm ist da, die Wut ist da, aber irgendwie zündet dieses Konzept diesmal nicht mehr. Die einzigartige Fähigkeit der Band, unmenschliche Gefühle in eine bis ins letzte Detail konzipierte Kunstform zu übertragen, ist diesmal kaum mehr zu erkennen: Die einzelnen Lieder wirken ungeschlacht, allein auf Lautstärke ausgelegt, und vor allem extrem abwechslungsarm: Tempowechsel, HipHop-Einlagen, die intensiven Hasspassagen eines "Liberate" oder der "Heretic-Anthem" fehlen komplett: Zwar kommt mit "Dead Memories" auch eine Ballade zum Zuge, sie wirkt mit starker Stone Sour-Schlagseite eher fehl am Platze - Stattdessen hat die Band mit "Psychosocial" zumindest für mich den ätzendsten Refrain ihrer Karriere erfunden
Auch die vielbeschworene Aggressivität ist hier in erster Linie nur noch Pflichtableistung: Alleine "Gematria" sowie der Titeltrack lassen vermuten, was möglich gewesen wäre - von der durchschlagenden Härte ihrer Meisterstücke sind jedoch auch diese beiden Songs weit entfernt. Zwischen diesen beiden Liedern liegt eine (im wahrsten Sinne des Wortes) eintönige, ungeordnete Krachlandschaft, bei der man niemals aufhorcht, sondern die man irgendwann nur noch hinnimmt, wie Baulärm vor dem Fenster.
Auch gesangstechnisch bewegt sich die Band weit unter ihren Möglichkeiten: Corey unterlegt die Lieder in erster Linie mit tiefer, schleimiger Bauchstimme, die weder Wut noch Angst, noch eine andere Emotion überzeugend wiedergibt: Der Gesang bleibt fast durchgehend auf Death-Metal-haftigem Gebrüll, wie man es am ehesten von Cannibal Corpse kennt: Für eine Band, die einen der stimmlich fähigsten Sänger in der Szene für sich beanspruchen kann, ist dies alles andere als rühmlich.
Damit wäre das Grundproblem dieses Albums weitgehend auf den Punkt gebracht: Es ist schlicht und ergreifend lasch. Wie eingangs erwähnt ist dies aber wohl eine natürliche Konsequenz: Man kann das Konzept, das Slipknot groß gemacht hat, nicht endlos fortführen: Irgendwann ist ein Album nicht mehr geordnet hasserfüllt, sondern nur noch Krach, irgendwann ist der Hörer vor lauter Aggressivität abgestumpft - dieser Punkt ist jetzt erreicht.
All Hope is Gone ist kein schlechtes Album, aber es ist ein überdeutlicher Warnschuss für Slipknot es nun gut sein zu lassen: Wenn die Band der Nachwelt auch weiterhin positiv im Gedächtnis bleiben will, dann kann eine weitere Neuerfindung nur schaden, und ein weiteres lasch-uninspiriertes Album wie dieses würde die Band in bedenklich in Richtung austauschbarer Krawallbrüder rücken, vor denen es in der Branche nur so wimmelt: Beides kann niemand wollen.