Womit soll man bei diesem Album anfangen? Beim Line-Up-Wechsel? Nein, ich denke nicht, denn der gehört zu Annihilator wie Wasser zum Meer.
Und dennoch: Die Qualität eines Annihilator-Albums hängt meines Erachtens ganz entscheidend von der Qualität des aktuellen Shouters ab. Deshalb bin ich wohl auch einer der weingen Annihilator-Fans, die "Alice in Hell" nicht so begeistert, weil mir die quäkige Stimme von Randy Rampage nicht behagt.
Da macht Dave Padden auf "All for you" schon eine bessere Figur, auch wenn er Aaron Randall (auf "Set the world on fire"), Jeff Waters selbst (auf "King of the kill" und anderen) und vor allem dem vielseitigen Joe Comeau (auf "Carnival Diablos") nicht das Wasser reichen kann.
Sicherlich, auch Padden hat eine abwechslungsreiche Stimme, die von sanft über theatralisch zu rau reicht. Aber gerade seine harten Passagen sind mir etwas zu viel geschrien und zu wenig gesungen.
Auch das Songwriting und Riffing des Annihilator-Masterminds Jeff Waters ist nicht gar so eingängig wie auf früheren Alben. Während man von anfangs hektisch anmutenden Songs wie "Demon dance" fast nieder geknüppelt wird, schläfern einen anfangs dümpelige Songs wie "Holding on" ziemlich schnell ein.
Und so verdient dieses Album bestenfalls zwei Sterne.
Tja, und warum leuchten dann über dieser Rezension fette vier Sterne auf? Weil das oben Geschriebene eine Bewertung aufgrund der ersten zwei Hördurchläufe ist. Dieses Album hat aber etwas, das andere Annihilator-Alben nicht haben: den Charakter eines Spätentwicklers. Denn wer dem Album die Chance gibt, auch in die hinterste Gehirnwindung vorzukriechen und es nicht gleich nach dem zweiten Durchgang aus dem Player verbannt, wird reich dafür belohnt. Dave Paddens ungewohnte Stimme verliert die Nervigkeit und wird zunehmend interessant, man ertappt sich dabei, wie man auch zu "Demon dance" mit dem Fuß wippt (sehr schnell zwar, aber doch!) und wie sich Songs wie "Holding on" von schnarchig zu einschmeichelnd entwickeln.
Plötzlich weiß man auch vertrackte Stücke wie "The both of me" viel besser zu würdigen. Das Instrumental "Sound of horror" wechselt seinen Status von "überflüssig" zu "eingängig".
Sicherlich also nicht das beste oder zweitbeste Annihilator-Album, aber nach einer ausreichend langen Erforschungsphase doch sehr solide (wenn auch schwierige) Kost, die mir vier Sterne wert ist.
So bleibt nur abzuwarten, wer uns denn auf dem nächsten Album mit seinen Vocals erfreuen wird - und wie sich das auf die Qualität auswirken wird.