Als Simon Borowiak noch als »Simone Borowiak« firmierte, erschien in der TITANIC, 1/1992, das folgende Gedicht, das durchaus geeignet ist, der Autorin/dem Autor einen ewigen Platz auf dem Dichter-Olymp zu sichern:
Hessen nimmt Abschied von Freddie Mercury
Mit fünfundverzisch war schon Schluß.
Des kam vom vielen Koitus.
Der Fred war schwul als wie die Nacht,
Drum hat er's auch net lang gemacht.
Dabei konnt' der doch so schön singe!
Was muß er da noch Kerls bespringe!
Wär er net rein in jedes Bett,
könnt' er noch leben, unsän Fred.
Am Samstag fragt man: Fred, wie geht's?
Am Sonntag sagt er: Isch hab Ehds.
Am Montag kommt er aus dem Haus:
Im Eischensarg. Die Füß' voraus.
Am End' hätt' er noch gern gesunge.
Hätt' er halt net die Jungs besprunge!
Leut'! Sagt Ihr: »Ehds, des krieg isch nie«,
dann denkt an Freddie Mercury.
Borowiaks Buch über den Ethanol-, C2H5OH- oder - ganz kurz - C2-Abusus (vulgo: »Trunksucht«, »Alkoholsucht« oder »Alkoholismus«) ist der Versuch, aufzuklären und dabei qua Schreiben auch mit der eigenen, früheren Alk-Abhängigkeit fertig zu werden.
Borowiak gelingt das erhebliche Kunststück, sowohl handfeste Informationen über die Folgen langjährigen harten Trinkens (Wernicke-Korsakow-Syndrom, Leberzirrhose, Pankreatitis, Ösophagusvarizen, etc.) als auch humoristische Portraits Alk-Abhängiger zwischen zwei Buchdeckeln abzulegen.
Marita, eine 40-jährige Hausfrau und Mutter aus dem Hessischen, wird wegen ihrer bedenklichen Leberwerte von ihrem Arzt nach ihrem Alk-Konsum gefragt. Sie ist um eine Antwort nicht verlegen:
»Isch? Isch doch net! Die Werte müsse von was annerem komme. Vielleischt hab isch was Falsches gegesse? [...] Alkohol trink isch so gut wie gar net. Mal 'n Piccolösche, für 'n Blutdruck. Ja, wann isch morgens ma 'n Piccolösche trinke. [...] Isch bin doch kaan Alkoholikä! Sie könne sisch ja mal mei Wohnung ansehe: Alles tipptopp! Mei Haushalt is im 1-a-Zustand! Bei mir könnte Se vom Boden esse! Un nur, weil isch mal morgens odä mittags 'n Piccolösche trink! [...] Mei Haushalt is in Schuss! Bei mir könnte Se vom Boden trinke!« (S. 155 f.)
Was könnte, was sollte ein C2-Abhängiger sagen, wenn er von der Ehefrau gefragt wird: »Hast du getrunken? Wie viel? Wer ist die Blondine im Bad?« Borowiak empfiehlt: »Natürlich habe ich getrunken, Schatz. Und zwar drei Gallonen Wodka. Und was die Blondine im Bad betrifft: Ich erinnere mich nicht mehr an ihren Namen, aber es kam eventuell zu einer Kohabitation.«
Wie dissimulieren C2-Abhängige ihre Sucht oder wie präsentieren sie ihren C2-Kauf?
»XY kaufte zu jeder Sektflasche eine Glückwunschkarte. Und versteckte zu Hause beides. Weil ihr Mann beim Anblick von Glückwunschkarten inzwischen sofort Bescheid wusste. YZ rechtfertigte den späten Flaschenkauf beim Griechen oder Dönermann grundsätzlich mit einer verlorenen Wette oder überraschendem Besuch. Während der bürgerlichen Einkaufszeiten im Supermarkt hingegen dominieren bei den Frauen der stille Alibi-Zukauf von a) einem Strauß Blumen (Einladung?) oder b) einem Beutel Zwiebeln (Kochen? Besuch?).« (S. 163)
»Ridendo dicere severum« - »Im Lachen Ernstes sagen«, diese hohe Kunst wird hier praktiziert.
Wer therapeutische Hilfe braucht und wissen möchte, wie Entgiftung und Therapie in der Praxis aussehen, erfährt in den Kapiteln 4 (»show me the way to the next entgiftung«) und 8 (»Behandlungsformen«) viel Wissenswertes, aber auch Ernüchterndes.
Man kann dieses Buch allen Leuten empfehlen, die einfach gerne lesen. Lesen s o l l t e n es alle, die selbst unter einem C2-Problem leiden oder gelitten haben oder gefährdete oder unmittelbar betroffene Freunde oder Angehörige haben.