Ich sage es lieber gleich: ich bin absolut parteiisch! Ich bin bekennende Feministin, seit etwas mehr als zehn Jahren Leserin der EMMA und Bewunderin von Alice Schwarzer. Ich habe viele ihrer Bücher gelesen und obwohl ich nicht immer ihre Meinung teile, bin ich fest davon überzeugt, dass ihre Forderungen und Thesen keineswegs überholt oder "von gestern" sind, im Gegenteil.
Dennoch war ich zu Beginn der Lektüre dieses Buches enttäuscht, ja sogar wütend: Was? Fast lauter Texte aus der EMMA? Hat Alice (wieder mal) ihr Archiv recycelt? Ich atmete tief durch und versuchte nachsichtig zu sein mit meinem Idol: naja, sie sagt ja selbst, dass EMMA 90% ihrer Arbeitskraft schluckt. Also muss ein "neues" Buch wohl zu 90% aus "alten" Texten der EMMA bestehen. Wie gut, dass ich weitergelesen habe! Was habe ich gestaunt!
Zunächst einmal darüber, wie aktuell die Artikel aus der EMMA der 70er und 80er Jahre auch heute noch sind. War Alice Schwarzer ihrer Zeit weit voraus (sehr oft!), oder drehen wir uns permanent im Kreis (leider noch öfter!)?
Dann staunte ich über die Artikel, die ich bereits aus der EMMA zu kennen glaubte. So thematisch geordnet und in "historischen" Zusammenhang gebracht, erschienen sie mir in völlig neuem Licht und es wurde vieles klarer.
Und dann staunte ich, weil ich feststellte, dass die Gleichung EMMA = Alice Schwarzer nicht funktioniert. Sicher, es ist IHR Blatt, aber EMMA ist mehr als Alice und Alice ist mehr als EMMA.
Ich empfehle dieses Buch allen Menschen. Ich empfehle es aber besonders den Menschen, die ernsthaft wissen wollen, was Alice Schwarzer in den vergangenen 30 Jahren zu sagen und zu schreiben hatte - und immer noch hat. Und ich lege es ganz ausdrücklich jenen Menschen ans Herz, die bisher nur die Etiketten kannten, die man Alice Schwarzer verpasst hat, und die nun über diese Etiketten hinaus blicken wollen. Ich meine, dieser Blick lohnt sich.