Mir haben die Kolumnen von Bascha Mika in der Berliner Zeitung meist gut gefallen und als sie ihr jüngstes Buch veröffentlichte mit einem recht reißerischen Titel wollte ich erst einmal schauen, wie sie so schreibt (bevor ich mich in Ausgaben stürze).
Die (mittlerweile günstig zu erwerbende) Schwarzer Biografie bot sich da als Testfall an, weil ich aus meiner eher passiven Wahrnehmung heraus keine einheitliche Anmutung von Alice Schwarzer hatte, die ich konkretisieren wollte.
Ich muss gestehen, ich habe das Buch sehr interessiert innerhalb weniger Tage gelesen, und ich habe vor allen Dingen erstmalig erfahren, dass es noch eine Frauenbewegung neben Alice Schwarzer gab; über die Anfänge und Entwicklungen hat Bascha Mika sehr anschaulich und spannend berichtet.
Drei Dinge haben mir nicht gefallen. Zum einen ist es die Erörterung über das Bekenntnis oder Nicht-Bekenntnis zur sexuellen Orientierung von Alice Schwarzer. Es gibt Dinge, zu denen man eine Meinung haben kann, die aber niemanden zu interessieren hat. Es ist ausschließlich die Entscheidung eines Individuums, die von allen zu akzeptieren ist. Hieran eine Bewertung in größerem Zusammenhang festmachen zu wollen, ist eine Grenzverletzung.
Zum anderen fehlt ein Betrachtungszusammenhang in der Biographie ganz, und das ist die naive Gläubigkeit von Mitmenschen gegenüber Prominenten, als sei viel Licht ohne viel Schatten zu haben, als sei der Schatten bei diesen Menschen ein schlimmerer Fehler als bei uns übrigen, die wir uns in der Anonymität verstecken können.
Über weite Strecken war das Buch eine faire Faktenanalyse, aber gegen Ende hin wurde die Mühe, objektiv zu bleiben, immer "bemühter", die "psychologischen" Erklärungsversuche immer peinlicher und gegen Ende kippte es ganz in Richtung versuchter "Götterdämmerung". Aber eine solche macht doch nur Sinn, wenn es sich eben um Götter handeln könnte. Alice Schwarzer kann ganz schön schofel sein? Dafür brauchte ich keine Belege. Dieser (vulgär-) psychologische Ansatz kommt schon wohlmeinend nicht gut an, erst recht nicht, wenn die "Schatten" aufgezeigt werden sollen. Das respektlose Entlarven gehört zum Journalismus dazu, wenn es darum geht, dunkle Geschäfte aufzudecken, Betrug an der Allgemeinheit oder Schlimmeres. Das ist die genuine Funktion der "vierten Gewalt" und Basis der Pressefreiheit, die dort seine Berechtigung hat. Hier nicht. Es gibt gewisse Themen, die sollte eine Journalistin nicht angehen, weil ihr die Sachkenntnis dazu fehlt. Und teilweise anonymen Zeugen ein Forum zu bieten, alte Rechnungen zu begleichen, halte ich auch für eine unglückliche Entscheidung.
Frau Mika hat eine spannende und gut verdauliche Geschichte aus den Anfängen der Frauenbewegung der Nachkriegszeit geschrieben; Alice Schwarzer als Aufhänger hat diesen Früchten nur geschadet. Aber hätte ich das Buch mit dem Titel "Aus den Anfängen der Frauenbewegung der 70er Jahre" gekauft? Wohl nicht. Alice Schwarzer ist für mich die ambivalente Anmutung geblieben und das neue Buch von Bascha Mika werde ich mir nicht kaufen. Trotzdem: Das Lesen des Buches war keine verschenkte Zeit, sondern ein gerne genutzte Gelegenheit, mir eine Meinung zu bilden - und Neues zu erfahren.