Die "Anwerbung" bringt das Prequel zum Pilotfilm der ersten Serie. Schriftstellerisch wird hier niemand einen Höhenflug erwarten, und so ist der Text auch, aber süffig geschrieben ist er trotzdem. Ich habe jedenfalls das Buch in einem Zug durchgelesen und gleich noch den zweiten Band ("Mörderischer Nebenjob") angefangen. Was ist gut? Man erfährt die (konstruierte) Vorgeschichte zu Sidneys Einstieg bei SD-6, stark geprägt von Selbstzweifeln, einem unverarbeiteten Verlust der Mutter im Kindesalter, der eisigkalten Beziehung zu Ihrem Vater, mangelnder Sicherheit im Umgang mit anderen Menschen trotz im Studium auffallender Hochbegabung. Als Folie zu Sidney fungiert Francie, ihre Budenkollegin, ein Faulpelz im Studium, aber mit Freund ausgestattet und auch sonst überlebenstüchtig. Wie SD-6 auf sie aufmerksam geworden ist, wird auch hier nicht wirklich überzeugend angedeutet, aber ihr Hineinwachsen in die Agentenperspektive ist psychologisch einigermassen nachvollziehbar dargestellt. Am Schluß folgt ihre erste (unerwartete) Mission.
Was ich sagen will, ist folgendes: Niemand, der von der Serie noch nichts gesehen hat, wird das Buch lesen wollen. Wer aber von der Serie begeistert ist, wird das Buch ganz nett finden, aber kein Ereignis.
Praktisch alle Qualitäten, welche die Serie auszeichnen, fehlen dem Buch, aber das liegt daran, daß die Serie filmspezifische Qualitäten hat, die in einem anderen Genre nicht realisierbar sind: Tempo, gute Schnittechnik, bestens getimte Wechsel zwischen rasanten Missionssequenzen und ruhigeren (am Anfang der Serie melancholischen) Abschnitten, rhythmisch und stimmungsmäßig unglaublich gut angepasste Musik, natürlich einen Schlaganfall von Hauptdarstellerin (Jennifer Garner), die zugleich intelligent, verträumt, ängstlich und knallhart sein kann. Diese hocherotische Mischung von linguistischem Genie (Mandarin, Latein, Hieroglyphenägyptisch, Hieratisch, Demotisch, Russisch, Arabisch usw.), Kickboxass, Schauspielgenie und blitzschneller Auffassungsgabe ist kombiniert mit den teils unglaublichen Outfits und Stylings, die mit jeder Mission wechseln und in aufregendem Kontrast zu ihrem downgetunten Campus- und Bankauftritten steht. Garners Gesicht ist eine Seelenlandschaft, ihre Leistung deutlich über dem Niveau einer Fernsehserie.
Kurzum: Das Buch ist für Fans, und die Serie sollte aus jedem einen Fan machen können. Wer die Serie noch nicht gesehen hat, sollte sich m.E. auf den idealen Mix aus dem, was der Tombraider-Film hätte sein sollen, und einem weiblichen James Bond einstellen.