Jorge Semprun legt uns hier eine gelungene Utopie vor: Mit Unterstützung der neu formierten Kolonne Durutti (hochaktuell anlässlich des 70. Jahrestags der Spanischen Revolution, während ich diese Rezension schreibe!) haben die StudentInnen im Mai 1968 Paris wieder zur Kommune gemacht. Am 31. Oktober 1975 ist diese jedoch durch Eingreifen des französischen Nationalstaats, ein Eingreifen der UNO und Differnzen zwischen Maoisten, Trotzkisten, Anarchosyndikalisten und Zuhältern und marodierenden Banden auf ein Minimum geschrumpft - soweit das attraktive Ambiente, in dem der Episodenroman spielt.
Auf diesem Hintergrund treffen wir sowohl bekannte Personen des Zeitgeschehens - Lukacs, Foucault, Marcuse, Habermas - wie auch fiktive Intelektuelle und Revolutionäre. Im Mittelpunkt steht der Schriftsteller Artigas, der, wie Semprun selber, aus Spanien stammt, mit seiner Familie bei Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs nach Den Haag floh und in einem deutschen Konzentrationslager inhaftiert war. Wie in allen Romanen Sempruns, so spielen auch hier autobiographische Elemente eine wesentliche Rolle.
Die - immer wieder durch Abschweifungen unterbrochene - Handlung wird so zum Rahmen zu etlichen philosophischen und politischen Diskussionen, von Marx' "Grundrissen der Politischen Ökonomie" über Adornos Gedanken zu Auschwitz bis zur Kritik des Marxismus-Leninismus, Maoismus und kubanischem Castrismus.
Wer sich nun anhand all dieser politisch- und sozialtheoretischen Exkurse eher abgeschrocken fühlt, dem sei gesagt, daß der Roman auch alles andere als Frigide ist. Dabei beruft sich der schelmisch-anonyme "ERZÄHLER" gemeinsam mit seinen Figuren an lateinischen Klassikern wie Petronius und Ovid.
Ein Stilmittel dieses Erzählers ist im Übrigen eine nahezu unverschämte intellektuelle Arroganz: Die vielen theoretischen und literarischen Verweise setzt er ebenso als bekannt voraus wie die Kenntnis zumindest des Lateinischen - nicht ohne anschließend, seufzend oder aus angeblich stilistischen Gründen doch noch Erklärungen oder Übersetzungen zuliefern.
Geradezu genial ist die Form und der Stil des Romans. In Anlehnung an Eugene Sues "Die Geheimnisse von Paris" fließen in lockerer Form Berichte aus der Vergangenheit der diversen Protagonisten, theoretische Reflexionen, erotische Episoden, die literaturwissenschaftliche Reflexion des eigenen Erzählens und die historische Entwicklung der Zweiten Commune de Paris zusammen.
Fazit: Alles, was ein Roman braucht: Einen durchaus ideologischen, aber diesen Ideologien kritisch gegenüberstehenden (und dennoch engagierten) Hintergrund, eine Fiktion mit spannender Story, viel Erotik (der "Erzähler" benennt sich als Meister des Trivialen) und faszinierenden Figuren und eine gehörige Portion Witz. Kurzweile auf hohem Niveau, die nebenbei das Interesse weckt, sich mit der realen Pariser Commune (1871) sowie dem Pariser Mai 1968 näher auseinanderzusetzen.