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Während in den vergangenen Jahrzehnten eine Unzahl von Studien das Leben und das Denken Alfred Hitlers bis in die verborgensten Winkel ausgeleuchtet haben, hatte man dessen "Chefideologen" Rosenberg erstaunlicherweise sträflich vernachlässigt. Dabei ist die Bedeutung Rosenbergs für das Denken und Handeln "des Führers" kaum zu überschätzten. Zeitgenössische Beobachter, wie etwa die Autoren einer von Piper zitierten Exilschrift aus dem Jahre 1934, gingen in ihrem Urteil sogar so weit, zu behaupten, dass "Hitler befiehlt, was Rosenberg will". Dass man von Rosenberg gemessen an seiner Bedeutung gleichwohl kaum Notiz nahm, hat vielerlei Gründe. Der wichtigste liegt in Rosenbergs Persönlichkeit selbst. Er drängte sich nie in den Vordergrund. Im Gegenteil, den scheute er. "Er ging am 9. November 1923 nur einen Meter hinter Hitler, doch niemand nahm es zur Kenntnis; er gehörte auch nicht zu den Angeklagten im folgenden Prozess. Zu beschreiben, wie die deutsche Gesellschaft auf sein Auftreten reagierte, wäre nicht möglich, denn Rosenberg trat nicht auf." Außer hier und da auf einem Parteitag wurde er nie als Redner eingesetzt. Auch verkehrte er, anders als Hitler, auch nicht in den Münchner Salons. "Seine Bühne war der Schreibtisch." Alle anderen Naziführer haben zusammen nicht annähernd soviel nazistisches Schrifttum produziert, wie Rosenberg, der mit seinen Kommentaren zum Parteiprogramm sowie der Herausgabe und Redaktion beinahe aller nationalsozialistischen Periodika das ideologische Fundament der Partei immer wieder erneuerte.
Kurzum: Eine längst überfällige Studie, zu der wir dem Autor (und verdienten Verleger), der damit seine Habilitationsschrift vorlegt, von Herzen gratulieren! -- Andreas Vierecke -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
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Es gibt m. E. nur ein kleines Manko: Die wohl zurzeit spannendste Frage, die nach der politischen Religion des Nationalsozialismus, wird von Piper nur gestreift. Da wo er konkreter wird, wird er widersprüchlich. So schreibt er zwar: "Rosenbergs Mythos war ein zutiefst gnostischer Mythos." (206) und: "Die Judenvernichtung war gewissermaßen Arbeit am Mythos, am Mythos des Blutes", aber andererseits zieht er die Conclusio: "Festzuhalten bleibt, dass der Nationalsozialismus, wenn nicht Ersatzreligion, doch mindestens Religionsersatz sein wollte. Lassen wir das letzte Wort einem Zeitgenossen. Konrad Algermissen schrieb 1934: 'Religionspsychologisch bedeutet diese von Rosenberg verkündete Zukunftsreligion die Relativierung des Absoluten und die Entwertung alles Religiösen.'" (231) Zudem bezeichnet er das NS-Feierjahr als "pseudoreligiöse Selbstinszenierung des totalitären Staates". (226) Wenn aber die Judenvernichtung das herausragende Merkmal dieses Staates war, und diese durch den gnostischen Mythos, die Religionsphilosophie der Gnosis, befeuert wurde, dann kann dieser Staat nicht als "pseudoreligiös" bezeichnet werden. Piper hätte hier durchaus in Sachen Gnosis und Nationalsozialismus deutlicher werden können und müssen.
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