In vielen ihrer Bücher hat die Literaturnobelpreisträgerin Doris Lessing Erfahrungen ihrer Familie verarbeitet. Oft spielen sie an den Orten, an denen Doris Lessing als Kind oder junge Frau gelebt hat. Wie sie im zweiten Teil des hier vorliegenden Buches berichtet hat sie in "Martha Quest", dem ersten Band eines großen, fünfteiligen, heute leider fast vergessenen Zyklus ("Kinder der Gewalt"), fast eins zu eins ihre eigene Geschichte erzählt.
Das vorliegende Spätwerk, das sie im Alter von fast 90 Jahren im vergangenen Jahr geschrieben hat und das zum einen eine Annäherung an und Auseinandersetzung mit ihren Eltern und zum anderen eine rudimentäre Form der Autobiographie darstellt, hat sie wohl schon lange so oder ähnlich mit sich herum getragen. Schon in ganz jungen Jahren, zunächst in Persien und dann ab 1924 in Süd-Rhodesien, hatten die furchtbaren Berichte ihres Vaters über seine Erlebnisse im Ersten Weltkrieg, wo er ein Bein verloren hatte und Zeuge schrecklichen Leides geworden war, ihre prägenden Wirkungen bei der jungen Doris hinterlassen. Im Grunde genommen war es dieser Krieg, der das noch junge und vorher noch so zukunftsoffene Leben ihrer Eltern ruiniert hat.
Deshalb versucht Doris Lessing mit der erzählenden und imaginierenden Kraft, die sie immer noch besitzt, ihre Eltern mit einer alternativen Biographie auszustatten. In ihrer erfundenen Geschichte hat der Vater die Möglichkeit, seinen Lebenstraum zu leben und eine Farm in England zu bewirtschaften, während sie ihre Mutter mit vielen wichtigen gesellschaftlichen und karitativen Aufgaben betraut. Sie geht fiktiv davon aus, dass es in Europa friedlich geblieben ist, nur auf dem Balkan und im fernen Lateinamerika und in Asien lässt sie kriegerische Auseinandersetzungen ausbrechen. Das ist alles nicht begründet, sondern die reine Erzählung, die auf jeder Seite die Trauer darüber ausstrahlt, dass ihren Eltern ein solches Leben nicht beschieden war.
In einem zweiten Teil des Buches, ebenso umfangreich wie der erste, erzählt Doris Lessing dann von der traurigen Lebenswirklichkeit der Eltern zunächst in Persien und dann in Süd-Rhodesien. Von der Hoffnung dieser Menschen, dort neu anfangen zu können, ihr Glück endlich zu machen. Doch es ist eine lange Geschichte des Scheiterns, des Mangels an Geld und Perspektive und der Krankheiten.
Eigentlich ist es ein Wunder, dass Doris Lessing inmitten dieses Lebens mit Hilfe von Hunderten von Büchern, die sie prägten und ihr Kraft und Orientierung gaben, und von denen sie auch einige Dutzend aufzählt , zu jener Lebenslust und Kraft findet, die ihr späteres Werk und ihr Leben so prägen sollten. Doch auch dieses Leben war von Schatten umwölkt. Die unglückliche Ehe mit dem Deutschen Lessing und die permanente Auseinandersetzung mit ihrer Mutter haben ihre ersten Werke geprägt.
"Über Mütter und Töchter ist viel geschrieben worden, und ich habe meinen Anteil daran. Man sieht, dass sich nicht viel verändert hat, denn immer noch heißt es: 'Sie hat geheiratet, um ihrer Mutter zu entkommen.'"
Besonders der zweite Teil des Buches gibt allen Freunden der Bücher von Doris Lessing eine gute Gelegenheit etwas direkt aus ihren Leben zu erfahren und wird sicher noch oft zur Interpretation einzelner Werke hinzugezogen werden.