Dieser Film ist nicht nur ein Film!
Es ist die visuelle Umsetzung dessen, was menschliches Leben in seiner Komplexität, in seiner Widersprüchlichkeit, in seiner Dramatik und in seiner Komik und Unschuld ausmacht.
Dass der Film in schwarz-weiß gedreht wurde, ist überhaupt kein Nachteil - im Gegenteil: Die Wirkung ist dadurch eindringlicher und die Dialoge sind wirkungsvoller.
Grundlage des Films ist der gleichnamige Roman von Nikos Kazantzakis, der in seinen Studienjahren auch in Deutschland Philosophie gehört hat. Die zentrale Frage des Films ist: Wie lebt man das Leben, wie ist das Leben zu verstehen, welches ist der richtige Weg durch das Leben zu gehen?
Natürlich enthält auch dieser Film nicht die eine und einzige Antwort, aber er stellt grundsätzliche Fragen, er spricht Wege an und stellt fest, dass das menschliche Leben nicht nach mechanistischen Prinzipien abläuft, sondern dass es das Wesentliche ist, es zu leben und der Einzelne dahingehend aufgefordert wird, in seinem eigenen Leben seine Authentizität zu erreichen.
Die Hauptpersonen sind in ihren Persönlichkeiten so verschieden, dass sie als Gegensätze beschrieben werden können. Der eine verkörpert Vorsicht, Distanz, Nachdenklichkeit, Theorie und Bildung; der andere Mut, Lebendigkeit, situatives Geschick, Mut zur Improvisation, Lebenserfahrung und aus der Lebenspraxis gewonnene Menschenkenntnis.
Anthony Quinn (Alexis Sorbas, der lebenserfahrene Praktiker) und Alan Bates (der nachdenkliche Schriftsteller) stellen ihre Rollen absolut überzeugend dar. Auch die so genannten Nebenrollen bereichern den Film durch ihre überzeugende Schauspielkunst.
Neben den gut ausgewählten Schauspielern wird der gesamte Film auch von der Kulisse - die Insel Kreta, das arme Dorf, das Meer - und die Musik von Mikis Theodorakis getragen.
Wie gesagt, inhaltlich geht es um das menschliche Leben, das Leben miteinander, das Leben gegeneinander - um Tradition und Moderne, um Religion und Rationalität. Aber es ist kein durchweg trauriger Film; bei diversen Szenen und Dialogen gerät man ins Schmunzeln und Lachen - wie eben im Leben.
Sollte es so etwas geben, wie die 10 besten Filme aller Zeiten - für mich gehört "Alexis Sorbas" ohne jeden Zweifel dazu!
Für diejenigen, die mit Filmen nicht nur ihre Zeit totschlagen wollen, sondern neben Unterhaltung gedankliche Anregung erwarten, ist "Alexis Sorbas" nicht nur das Richtige, sondern auch eine intelektuelle Bereicherung. Es ist ein Film jenseits von filmischen Modetrends. Wer ihn richtig sieht, wird entdecken, dass "Alexis Sorbas" so viel Substantielles enthält, dass er immer einen hohen Grad von Aktualität haben wird.
Empfehlung: Sehr, sehr sehenswert!