Dieser Film hat es mit seinem Mut zu Drastik, Offenheit und historischer Genauigkeit nicht leicht gehabt; so ist es Oliver Stone - dem Meister der Kontroverse - gelungen ist, sein Publikum in kaum vorstellbarer Weise zu spalten. Der Film setzt von seinem Zuschauer die Fähigkeit voraus, alle Erwartungen fallen zu lassen und sich ganz auf diesen ästhetischen Bilderrausch einzulassen. In Europa ist der Film sehr erfolgreich gewesen und hat die Verluste in den USA wieder kompensiert; im us-amerikanischen Süden war der Film bereits aufgrund vorgeblicher homoerotischer Sexszenen im Vorfeld boykottiert worden und nur wenige Kritiker konnten dem Film Großes abgewinnen (aber immerhin z.B. das "Time"-Magazin). Auch in Griechenland sollte der Start verhindert werden, bis sich allerdings der erste Zuschauer den Film tatsächlich ansah und "grünes Licht" gegeben wurde. Das alles verwundert doch sehr, denn - der Realhistorie folgend - ist zwar Alexanders Beziehung zu seinem General Hephaistion deutlich dargestellt, doch in Sachen Homoerotik verhält sich der Film extrem zurückhaltend. Darüber hinaus sollte festgehalten werden, dass es damals absolut üblich war, bisexuell zu sein; also viel Lärm um fast nichts.
Und nun zum eigentlichen Geschehen. Anders als etwa "Troja" präsentiert uns "Alexander" gut ausgefeilte Charaktere, die in ein realhistorisch-präzises Szenario gebettet sind. Oliver Stone ("Platoon", "JFK") orientierte sich an der bis heute besten Biographie des Historikers Robin Lane Fox. Also ist dem Interessierten reichlich Inhalt geboten. Am eindrucksvollsten sind die gewaltigen Bilder des Epos', die höchsten ästhetischen Ansprüchen absolut gerecht werden, etwa die Darstellung Babylons oder andere Naturkulissen. Man kann sich kaum sattsehen an dieser immensen Bilderpracht, die man wohl kaum zuvor so opulent präsentiert bekam. Daneben gibt es zwei gigantische Schlachten, die eine gegen das Perserreich bei Gaugamela, die andere in Indien. Diese erleben wir nicht als durchgestylte Kampfszenen, sondern real und in brutalster Drastik.
Die Schauspieler liefern gute Leistungen; herausragend sind Val Kilmer als König Philip und Angelina Jolie als seine Frau, Königin Olympias. Der Newcomer Colin Farrell als Alexander hat gute Momente, in denen er mitreißend spielt, aber phasenweise hätte er noch aggressiver sein dürfen, um dem Publikum wirklich plausibel zu machen, wie dieser Mann 4/5 der damals bekannten Welt erobern konnte. Daneben ist der Film mit weiteren großen Namen gespickt: Anthony Hopkins (Ptolemaios), Christopher Plummer (Aristoteles).
Aber was macht Oliver Stones "Alexander" nun so 'besonders'? Der Film liefert uns keine Holzschnittcharaktere nach dem Schema "Gut gegen Böse" und ebenso ist die Handlung äußerst nahe an der realen Historie - was Pluspunkte sind, die "Braveheart" oder "Gladiator" nicht vorzuweisen hatten. Der Film ist außerdem in einzelne Episoden aufgespalten, die allesamt für reichlich Unterhaltung sorgen, aber eben nur in sich selbst Spannungsaufbau leisten, so dass es keine große, allumfassende Dramaturgie gibt, auf die der Zuschauer durch und durch konditioniert ist. Das muss aber auch nicht sein, denn will man der Historie gerecht werden, sollte man nicht künstlich etwas erzeugen, das den hohen inhaltlichen Anspruch - wie im Falle Trojas - dann ins Lächerliche zieht. Stones Schritt war mutig und man darf diesen Mut gerne anerkennen!
Abgerundet wird das Ganze durch den kongenialen Soundtrack von Vangelis. Wer sich auf dieses zu unrecht kritisierte Epos einlässt, wird bestimmt in großen Genuss kommen. Denn "Alexander" übertrifft in seinem historischen Gehalt, dem psychologischen Potenzial und auch in darstellerischen Leistungen andere Hollywood-Epen beim Weitem. Man sollte dem Film daher die Gelegenheit geben, seine Geschichte zu erzählen und dabei vielleicht auf hollywoodtypisches Entertainment etwas verzichten. Lässt man sich von den Bildern fesseln, lauscht man den intensiven Dialogen und folgt der Symbolik, merkt man schnell, dass dieser Streifen sehr viel zu sagen hat und einen Platz als großes Epos beanspruchen darf.