Es gibt viele Gründe keine Alexander-Biographie zu schreiben. Den wichtigsten nennt der letzte Biograph des Makedonenkönigs, der Berliner Historiker Alexander Demandt, selbst. "Die neueren Publikationen zu Alexander zeigen im Ganzen ein eklatantes Missverhältnis zwischen steigendem Aufwand an gelehrtem Scharfsinn und schrumpfendem Zuwachs an gesichertem Wissen. ... Der Erkenntnisfortschritt verlangsamt sich mit wachsender Literaturmenge ..." (S. X).
Warum dann dieses Buch? Weil es neben einer knappen und informativen Lebensbeschreibung zweierlei enthält, was andere Werke nur streifen.
Erstens eine umfassende Darstellung der politischen, religiösen, literarischen und künstlerischen Bezüge im Leben des Eroberers. "Ist nicht bei den Zuwendungen Alexanders für die Artemis von Ephesos ein Wort über den Apostel Paulus, bei Alexanders Besuch in Gordion eines über die Redensart vom Gordischen Knoten, bei Alexanders Baumaßnahmen in Babylon eines über den biblischen Turmbau am Platze? Streckenweise wird aus der Biographie ein kulturhistorischer Kommentar zu dieser" (S. XI).
Anhand der Ausführungen über das Erscheinungsbild des Königs lässt sich zeigen, wie kurzweilig dieser Kommentar gerät. Nach einer knappen Zusammenfassung der Quellenangaben (Alexander war blond, hellhäutig, mittelgroß, hatte eine tiefe Stimme und verschiedenfarbige Augen) geht Demandt zum kulturgeschichtlichen Teil über: "Bestimmend für die Männertracht wurde Alexanders Bartlosigkeit. Er wurde als Jüngling idealisiert und brachte das Rasieren in Mode. Peter der Große musste seinen Bojaren die Bärte höchstselbst abschneiden, einen Alexander kopierte man freiwillig. Dies bezeugt der stoische Philosoph Chrysipp (gestorben um 208 v. Chr.). Die älteren Männer, so schreibt er, behielten zunächst ihre Bärte bei, in Athen wurde der erste rasierte Mann verspottet. Der Dichter Alexis erklärt in einer seiner 245 verlorenen Komödien, wer sich schabe, ziehe in den Krieg oder biete sich einem reichen Alten als Buhlknabe an, Rasur galt als weibisch. In Rhodos und Byzanz war sie verboten, aber üblich, soweit Chrysipp. Alexander soll seinen Soldaten befohlen haben, sich den Bart zu stutzen, damit man sie im Nahkampf nicht daran packen könne. Gemäß Synesios mussten sie sich deshalb zudem das Haupthaar scheren, so wie das Darius zuvor seien Kriegern geboten habe, die sich bereits einmal darum den Makedonen überlegen erwiesen hätten. Was eine Glatze doch für Vorzüge bietet! ... Griechische Barbiere erschienen in Rom 300 v. Chr. aus Sizilien. Der Philhellene Scipio Africanus minor ließ sich als erster römischer Senator täglich rasieren. Er galt als einer der schönsten Männer der Antike neben Alkibiades, Demetrios Poliorketes und - Alexander" (S. 18).
Zweitens berücksichtigt Demandt auch die Alexander-Legende, jene Vielzahl von Erzählungen, die sich an das Leben des Königs knüpfte und im Denken der Nachwelt bald stärker präsent war als die historischen Fakten.
Da sowohl die kulturhistorischen als auch die legendarischen Informationen an der passenden Stelle in die Lebensbeschreibung einfließen, ist die Darstellung trotz ihres enzyklopädischen Charakters ebenso fesselnd wie übersichtlich. Jeder an Alexander Interessierte wird von diesem Buch fasziniert sein.