Aristoteles liegt in seinen letzten Zügen und Alexander ist tot. Da Alexander keine Bestimmung über seine Nachfolge hinterlassen hat, reist der junge Peukestas zu Aristoteles und hofft, dass in einem handschriftlichen Brief von Alexander an Aristoteles ein Hinweis ist, wen Alexander sich als Nachfolger gewünscht hätte. Aristoteles gibt dem jungen Mann auch durchaus zu verstehen, dass er so einen Brief besitzt, doch will er ihn nicht aushändigen, bevor er Peukestas nicht mehr über Alexander erzählt hat, damit dieser ihn besser versteht und dann selbst entscheiden kann, was er mit dem Brief anfangen will. So beginnt also Aristoteles seine Erzählung, bei der er darauf bedacht ist, Peukestas zu vermitteln, dass auch er nicht die ganze Wahrheit kennt, sie aber vielleicht doch zwischen dem was er erzählt und dem was Peukestas weiss liegen kann.
Das ist schon ein geschickter Schachzug des Autors, da man sich selbst in der Position des Peukestas findet, mit Herrn Haefs als Aristoteles, der keinen Anspruch darauf erhebt, oder erheben kann, die Geschichte so zu schildern, wie sie wirklich war, aber aus seiner Sicht das Beste tut - und sein Bestes tut Herr Haefs, daran kann man nicht zweifeln. Sprachlich und stilistisch ist das Buch hervorragend, dabei verknüpft er unzählige Personen und Erzählstränge zu einer anspruchsvollen Geschichte, die das Chaos in Hellas sehr gut wiederspiegelt.
Ich muss zugeben, das Buch nahm ich erst zur Hand, nachdem ich durch den Film "Alexander" von Oliver Stone neugierig wurde und mehr über Alexander den Grossen wissen wollte. Für mich war es sehr hilfreich zunächst den Film gesehen zu haben, dadurch kam mir Einiges bekannt vor und darüber war ich sehr dankbar, denn in Hellas zu dieser Zeit ist es wirklich recht chaotisch gewesen und ganz ohne eine Vorahnung, was mich da erwartete, wäre ich mit Herrn Haefs Büchern heillos überfordert gewesen. Zig verschiedene Kleinstaaten besiedeln die Gegend um Athen und natürlich war das kein friedliches Nebeneinander, sondern ein brodelnder Hexenkessel aus Kleinkriegen und Bündnissen die nur so lange eingehalten wurden, wie sie nützlich waren, politischen Intrigen und den übermächtigen Persern, die im Hintergrund lieber Gold ausgaben, damit sich die Hellenen selbst zerfleischen, als selbst einzugreifen. Dazu kommt, dass Herr Haefs nicht nur die Geschichte direkt um Alexander beleuchtet, sondern hier schon bei Philipp anfängt, der die Vorarbeit geleistet hat und auch auf das Umfeld, Land und Leute, Kunst und Kultur näher eingeht. Tatsächlich handelt dieses Buch höchstens im letzten Viertel von Alexander selbst. Dadurch wird es zu dem "Fundament", einem sehr langen Prolog, damit man Alexanders Wurzeln und damit vielleicht auch seine Persönlichkeit besser verstehen kann. Natürlich führt das aber auch dazu, dass der Leser, der direkt etwas von Alexander hören möchte, vollständig ausgebremst wird und sich in manchmal fast zu genauen Einzelheiten und sehr vielen Erzählsträngen verheddern kann.
Weiterhin begegnen einem nicht selten Personen gleichen Namens, da es nicht üblich war Nachnamen zu benutzen, wird das doch manchmal verwirrend. Hier hilft einem nur das Personenverzeichnis am Ende des Buches, welches die Personen unterscheidet und einem auch gleich verrät, welche davon authentisch sind und welche nicht. Ebenso verhält es sich mit der Chronologie am Ende des Buches, in der man alle historisch belegten "Anhaltspunkte" nachlesen kann, ohne zur Fachliteratur greifen zu müssen.
Herr Haefs hat sich sehr liebevoll und ausführlich an Alexander herangewagt, man liest die Begeisterung mit der er Satz für Satz tiefer in die Geschichte eintaucht und bedacht darauf ist, dem Leser nichts zu verschweigen, mit Humor und derben Sprüchen, nicht zu ernst und doch wohl überlegt beleuchtet er die Hintergründe von allen Seiten, warum Alexander so eine fragile Persönlichkeit und doch eine so unglaubliche Anführerfigur war. Da macht das Lesen tatsächlich so viel Spass, dass man die Abwesenheit Alexanders in den ersten drei Vierteln des Buches fast ganz vergessen kann.