Es ist eigentlich kaum nachzuvollziehen, warum dieses Oratorium, meinem Dafürhalten eines der großartigsten von Händel, nahezu völlig unbekannt ist. Wie in vielen seiner späten Oratorien bewegt sich die Dramaturgie weg von einer stringent erzählten dramatischen Handlung (wie vielleicht noch etwa in Saul oder Hercules) hin zu einer inneren, psychologisierten Dramaturgie, der die Handlung mehr als Skelett dient.
In den ersten beiden Akten, der gleichwohl einige der schwungvollsten Chöre und die wunderschöne Harfenarie "Hark, hark..." enthält, passiert handlungsmäßig nicht sehr viel. Der Sieg Alexanders und seine Vermählung mit Cleopatra werden gefeiert. Erst im dritten Akt spitzen sich die Ereignisse zu, die mit dem Tod Alexanders und Cleopatras Vater Ptolemäus enden. Bevor die verhängnisvollen Ereignisse hereinbrechen, singt Jonathan, ein Freund Alexanders, die ruhig pulsierende F-Dur Arie "To God who made the radiant sun". Ein genialer Einschub, der nicht nur als retardierender Moment dient, sondern mehr ist: ein Blick über das aktuellen Geschehens hinaus auf einen größeren Zusammenhang. In seiner ruhigen Schicksalsergebenheit, in der gleichzeitig tiefer Weltschmerz steckt, offenbart sich vielleicht exemplarisch das fatalistische Zeitgefühl des Spätbarocks, dem der Optimismus der Aufklärung noch fern ist.
Als Cleopatra danach vom Tod ihres Gatten Alexander erfährt, singt sie mit "O take me from this hateful light" eines der erschütternsten Lamentos in Händels an Lamentos ohnehin reichen Werks. Der Gesang beginnt nackt unbegleitet, bevor das Orchester wie sinkende Schatten den Gesang in immer neuen Wellen der Dunkelheit hüllt. Als dann ein zweiter Bote auch noch den Tod des Vaters berichtet, fragt man sich, was danach noch an Klage kommen soll. Was kommt, ist so verblüffend wie genial. In "Convey me to some peaceful shore", minimalistisch nur mit leisen kurzen Akkorden begleitet, haucht Cleopatra mit der tauben aber tröstlichen Erschöpftheit eines Kindes, das sich ausgeweint hat, Worte von "vergessen und selbst vergessen werden".
Man muss Robert King überaus dankbar sein, dass er dieses Oratorium überhaupt (soweit ich weiß bisher auch als einziger) eingespielt hat. Wie immer bei ihm ist alles vorzüglich und ohne Tadel eingespielt, doch kann ich nicht verschweigen, dass das entscheidende dramatische und psychologische Element einfach nicht seine Sache sind.
Lynne Dawson als Cleopatra ist großartig und der Glanzpunkt der Aufnahme, die genannten Arien werden mit ihr wirklich erfahrbar. Die eigentliche Hauptrolle Alexander, die Händel für eine seiner Lieblingssängerinnen Caterina Galli geschrieben hat, ist leider der größte Schwachpunkt dieser Aufnahme, weswegen auch die beiden ersten Akte, die mehr um Alexander kreisen, so blass bleiben.