Ich habe das Buch zunächst nur in die Hand genommen, weil mich das (leider aktuelle) Thema interessiert: Wie Titel und Untertitel schon deutlich machen, geht es um die Geschichte eines Amoklaufs (also nicht um den Amoklauf selbst) und die Frage danach, ob dieser hätte verhindert werden können.
Ich konnte das Buch nicht mehr aus Hand legen, weil mich die Geschichte so in ihren Bann gezogen hat: Dieser Jugendroman liest sich, obwohl man um die Thematik und das schreckliche Ende weiß, überaus spannend und er ist auch nicht durchweg düster und beklemmend: Über weite Strecken hinweg geht es einfach um die Geschichte von Alessa, einer ganz normalen 15-Jährigen, die nach einem Umzug eine neue Freundin, die schicke Vicky, findet und anfängt, sich für Philipp, diesen Typ aus ihrer Klasse zu interessieren ... Nur, da ist eben immer auch dieser seltsame Junge Ulf, ein eher nerviger Einzelgänger, der sich aber irgendwie unbedingt mit Alessa anfreunden will. Und man weiß die ganze Zeit: Es handelt sich um einen Rückblick: Alessa musste mit ansehen, wie Ulf zum Amokläufer wurde, ihre Freundin Vicky schwer und ihren Freund Philipp tödlich verletzte und den Revolver schließlich auf sich selbst richtete.
In den Bann gezogen hat mich der Roman vor allem durch die überaus lebendige Figurenschilderung und die Wahl der Perspektive(n): Alessa, aus deren Sichtweise meist erzählt wird, war selbst in die Geschichte dieses Amoklaufs verstrickt und muss sich rückblickend mit der Frage nach einer möglichen Schuld auseinandersetzen; und es ist unter anderem die Wahl eben dieser Sichtweise, die verhindert, dass einfach nur Wahrheiten verkündet und Lösungen gegeben werden: Denn sich selbst in so einer furchtbaren Sache eine Mitschuld eingestehen zu müssen, wäre schrecklich. Aber in den normalen erzählenden Text werden Tagebuchnotizen, E-Mails, Interviews, Zeitungsberichte und Polizeiprotokolle eingestreut und beim Lesen beginnt man allmählich zu ahnen, dass Alessa möglicherweise einiges verschweigt ... Gleichzeitig durchläuft Alessas eigene Beurteilung der Ereignisse einen Wandel, es findet eine Entwicklung statt. Auch Ulf, der Amokläufer, wird nicht einfach nur als gut oder böse, Opfer oder Täter beschrieben: Er ist in seiner Einsamkeit bemitleidenswert, aber er ist auch eine Nervensäge; vor allem ist er Alessa ein Rätsel: Sie versteht ihn nicht und sie versteht ihn immer weniger ...
Ich glaube, es ist diese Vielschichtigkeit der Charaktere, und die Tatsache, dass die Figuren sich verändern, eine Entwicklung durchlaufen, die einen zum Weiterlesen zwingen. Man will wissen, was denn nun eigentlich wirklich passiert ist. Aber man schlüpft auch unwillkürlich in Alessas Rolle: Wäre ich selbst in der Lage von Alessa, hätte ich anders gehandelt? Hätte ich einem Jungen wie Ulf mehr Beachtung geschenkt?