Wer kennt nicht das Bild von dem gütig dreinblickenden älteren Herrn mit dominantem Schnauzbart und wallendem grauem Haar? Albert Schweitzer visualisiert das Gute im Menschen in unnachahmlicher , eindrucksvoller Weise und bringt uns ein Stück näher zu wahrhaft spirituellen Sphären.
Aber, wie war der Mensch wirklich? Dieser Frage geht Nils Oermann in seiner Biografie in exzellenter Weise nach. Er schildert kurz die Jugendzeit um dann Stück für Stück das Genie darzulegen, welches sich nicht nur als Musiker, praktisch an der Orgel und auch theoretisch über Musikwissenschaft, als Philosoph, Theologe und letztlich als Arzt weltweit einen Namen gemacht hat.
Früh hat er seine Vision ,zu dienen, und prägt den Begriff 'veneratio vitae' (Ehrfurcht vor dem Leben), fühlt sich zudem als promovierter Philosoph und habilitierter Theologe nicht allzu wohl in der akademischen Welt; zu sehr sind seine Thesen zu Anfang des 20. Jahrhunderts unkonform. Die Ehrung zum ordentlichen Professor wird ihm verweigert, stattdessen bietet man ihm den eher zweitklassigen Honorarprofessor an. Er wechselt in die Medizin, aber auch hier sind nach Erhalt der Approbation viele Wege als Missionar verschlossen; hier zeigt sich ebenfalls, dass ein unangepasster Mensch eben nicht gern genommen wird. Aus der Situation, dass kaum jemand anderer für Lambarene zu begeistern ist, ergibt sich für ihn eine Chance, seinen Traum vom Dienen zu verwirklichen und er geht dorthin. Was er vorfindet ist wenig ; mit äußerstem physischen als auch psychischen Einsatz, immer wieder von kleinkariertem Denken anderer paralysiert und von den Kriegswehen behindert, baut er eine vorbildliche Krankenstation auf. Geld ist immer Mangelware und erst als die internationale Presse, v.a. aus USA ,auf ihn aufmerksam wird, finden sich Mäzene zu Hauf und sein Projekt läuft ungefährdet. Es folgen viele Anerkennungen, inkl. des Friedensnobelpreises, und Schweitzer engagiert sich gegen den Atomkrieg. Sein Werk wird nie vollendet sein, aber er findet seine Ruhe in Lambarene. Albert Schweitzer wird 90 Jahre alt.
Aber neben dieser kurz gefassten Geschichte seines Lebens, die Oermann brillant erzählt, spiegelt er uns aber auch einen anderen Albert Schweitzer wider. Beispielsweise den, der nach vielen Jahren (endlich) seine Weggefährtin Helene Bresslau heiratet; beide sind den größten Teil ihrer Ehe getrennt. Zudem spricht er seine Frau als 'lieben Freund' an. Was mag das für eine Ehe gewesen sein? Haben beide sich dem 'Dienen' verschrieben und ihr persönliches Glück dem Aufbau von Lambarene geopfert? Oder, war es nur eine rein rationale Bindung?
Oermann stellt auch die Frage nach der Beziehung zu den Afrikanern. Schweitzer begegnete ihnen nicht auf Augenhöhe, sondern bezeichnete sie eher als kleine Brüder; er war offensichtlich der große, der überlegene. Für die damalige Zeit ein akzeptables Miteinander, für die heutige Sicht, eher ein stichweise rassistischer Ansatz. Auch berichtet Oermann von nahezu cholerischen Anfällen Schweitzers, wenn die Dinge einmal nicht so liefen, wie er sie sich vorstellte.
Bleibt auch die Frage, ob Albert Schweitzer tatsächlich immer so bescheiden war, wie er sich gab. Oder war das Teil einer klug angelegten PR Masche, die Schweitzer gekonnt eingesetzt hat?
Mit diesen Aspekten und Fragen regt Oermann an, über Albert Schweitzer nachzudenken und ihn als tatsächlichen Menschen zu erfahren. Es wird klar, dass Albert Schweitzer Größtes geleistet hat und die schlimmsten persönlichen Entbehrungen und Enttäuschungen auf sich genommen hat, um den Ärmsten zu dienen. Aber er war kein reiner Heiliger; auch er hatte seine Ecken und Kanten und gerade das macht ihn so vorbildlich. Wenn man ein Heiliger ist, ist es wohl einfach als Heiliger auch zu handeln; aber Schweitzer war ein normaler, wenngleich mit vielen Gaben gesegneter Mensch, der trotz seiner menschlichen Schwächen wie ein Heiliger gewirkt hat. Dies sollte uns allen Mut geben, nicht aufzustecken und unseren eigenen Idealen weiter nachzueifern.
Fazit : Lesen, reflektieren und verehren!