Müssen Schüler einen Vortrag über eine berühmte Persönlichkeit halten, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass Albert Schweitzer unter den Favoriten ist. Und ist den Entscheid dann gefallen, wer über den faszinierenden Urwalddoktor berichten darf, genügt das rororo-Bändchen "Albert Schweitzer: Mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten" zur Vorbereitung. Auch wenn diese Monografie eine Auffrischung verdiente.
Die von Nils Ole Oermann verfasste Biographie verfolgt andere Ziele als frühere Publikationen über Albert Schweitzer. Der Autor will einem Menschen auf die Spur kommen, der nicht nur beim Orgelspiel alle Register zog. Doch damit eine solche Annäherung gelingt, muss ein Biograph von Albert Schweitzer auch fundierte theologische Kenntnisse mitbringen. Denn Albert Schweitzer war auch ein bedeutender Theologe, dessen publizistisches Werk ebenso für Begeisterung und Ablehnung sorgte wie die Arbeit in Gabun. Und da Nils Ole Oermann nicht nur Historiker und habilitierter Theologe ist, sondern auch viel von klassischer Musik versteht, kann er Fäden zu einem Gesamtbild knüpfen, wie es ohne diesen Hintergrund nicht möglich wäre. Der Klappentexter übertreibt daher nicht, wenn er von der ersten großen Schweitzer-Biographie spricht, die einen frischen Blick auf eine der großen Ikonen des 20. Jahrhunderts erlaubt. Und er hätte auch mit gutem Gewissen hinzufügen können, dass der Autor zu den Historikern gehört, die Fakten und Daten in eine Sprache verpacken können, die alles andere als trocken ist.
An Heldenmythen zu rütteln ist natürlich erlaubt und immer wieder notwendig. Und an diesem Buch kann man sich ein Beispiel nehmen, wie Entmystifizierung möglich ist, ohne dem Helden und seinen Anhängern gegenüber den Respekt zu verlieren. Dazu bedarf es einer inneren Haltung, die zeitliche Gegebenheiten würdigt und sich nicht anmaßt, im Rückblick alles besser zu wissen. Selbstverständlich wirken aus heutiger Sicht viele Aussagen und Handlungen von Albert Schweitzer überholt und kolonialistisch. Und wie der Friedensnobelpreisträger sein Eheleben mit Helena Bresslau gestaltete, die Schwerpunkte seiner Tätigkeit setzte oder Werke großer Philosophen beurteilte, mag manchen Vertreter der politischen Korrektheit stören. Aber Faktum ist, dass der Mann mit dem Nietzsche-Schnauz zu den wenigen Menschen gehört, die zwar den Worten großes Gewicht geben, aber die Welt vor allem durch konkretes Handeln verbessern wollen. Daran zweifelt bei Albert Schweitzer wohl niemand. Aber so klar und anschaulich wurde diese besondere Eigenschaft bisher noch nie dargestellt.
Wenn Nils Ole Oermann auf Widersprüche, Ungenauigkeiten oder Fehler in Albert Schweitzers Autobiographie aufmerksam macht, dann geht es ihm nicht um Rechthaberei oder Bloßstellung. Vielmehr will er damit auch zeigen, wie sich letztlich jeder Mensch eine Geschichte zusammenbastelt, mit der er leben kann und die ihm beim Finden des psychischen Gleichgewichts hilft. Zudem deuten Auslassungen und Übertreibungen darauf hin, wie jemand seine persönlichen Schwerpunkte setzen will und welches Selbstbild er anstrebt. Kommt hinzu, dass wir durch solche Hinweise auch erfahren, dass Albert Schweitzer nicht der naive Urwalddoktor war, der ohne eigenes Zutun zum medialen Helden wurde. Der gebürtige Elsässer wusste sehr wohl, welche Inszenierungen auf fruchtbaren Boden stoßen und wie unabdingbar ein gutes Beziehungsnetz ist, um das Spendenkonto zu füllen.
Formal wählte Nils Ole Oermann eine Mischung aus chronologischem Vorgehen und der Herausarbeitung thematischer Schwerpunkte. Das erste Kapitel widmet sich daher den Kindheitsjahren im elsässischen Pfarrhaus, der Schul- und Jugendzeit sowie den Jahren, in denen Albert Schweitzer Theologie, Philosophie und Musik studierte. Wie es dann zur Entscheidung kam, nochmals die Schulbank zu drücken und Medizin zu studieren, steht im zweiten Kapitel. Worum es danach geht, signalisiert die Überschrift "Von Strassburg in den Urwald und zurück". Als Leser, der von den beiden Weltkriegen verschont wurde, konnte ich die Schwierigkeiten jener Zeit einigermaßen nachempfinden, weil der Autor sie weder ausblendet, noch glätten will. Und es wurde mir einmal mehr bewusst, wie sehr das zeitliche Umfeld das Denken beeinflusst. Im Kapitel über die Zwischenkriegsjahre erfahren wie viel über das Verhältnis von Albert Schweitzer zu den Eingeborenen, was auch deshalb von Bedeutung ist, da heutige Kritiker vor allem Schweitzers Umgang mit den Schwarzen ins Visier nehmen und dabei weit über das Ziel hinausschießen. Da der zweite Weltkrieg auch nach Lambarene hineingetragen wurde und das Ehepaar Schweitzer seine Arbeit nicht mehr fortführen konnte, hing es an einem seidenen Faden, ob ihr Lebenswerk damals beendet würde. Im siebten Kapitel gibt uns Nils Ole Oermann erneut differenzierte Sichtweisen, wenn er vom Kalten Krieg und den politischen Vereinnahmungen des Friedensnobelpreisträgers spricht. Die letzten Jahre von 1957 bis 1965 schließen den Textteil dann ab. Ihm folgt noch, wie es sich für eine historische Biographie gebührt, ein umfangreicher Anhang mit Zeittafel, Anmerkungen, Literatur, Bildnachweis und Personenregister.
Mein Fazit: Der Klappentexter verspricht nicht zu viel, wenn er dieses Buch als erste große Schweitzer-Biographie beschreibt, die einen frischen Blick auf eine der großen Ikonen des 20. Jahrhunderts erlaubt. Mit beeindruckender Sachkenntnis nähert sich der Autor einem Mythos, einem Helden und einer außergewöhnlichen Persönlichkeit. Und er schreibt ganz nebenbei auch eine Hommage an die Frau an Schweitzers Seite, an Helena Bresslau.