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Vom Ungenügen der Geographie
Für Albaniens Ort in der europäischen Kultur gilt immer noch die grandseigneurhaft-ignorante Formel von Otto Bismarck: «Albanien ist nur ein geographischer Begriff.» Erst durch die politischen Ereignisse des letzten Jahrzehnts ist die albanische Problematik wieder ins Bewusstsein Europas zurückgekehrt. Gerade weil Albanien immer wieder als Manövriermasse der Grossmächte missbraucht wurde, verfügt es aber über eine überaus reiche Kulturgeschichte: Die Albaner sind illyrischen Ursprungs, wurden früh christianisiert und später unter osmanischem Einfluss islamisiert. Aus allen Epochen besitzt Albanien bedeutende Kulturdenkmäler, die allerdings im 20. Jahrhundert zum Teil einer rigorosen Kulturrevolution zum Opfer gefallen sind.
Einen eigenen Staat erhielten die Albaner erst 1912, allerdings führte der kommunistische Diktator Enver Hoxha sein Volk nach dem Zweiten Weltkrieg in eine zunehmende Isolation: Es war streng verboten, mit Ausländern auch nur zu sprechen. Die Ablehnung fremder Kulturen beschränkte sich zunächst auf den Westen, dehnte sich aber später auch auf die poststalinistische Sowjetunion und das sich öffnende China aus. Ein prominentes Opfer dieser dekretierten Abschottung ist der Schriftsteller Ismail Kadare, der 1960 sein Studium am Moskauer Literaturinstitut abbrechen musste. Die albanische Kultur konnte im 20. Jahrhundert vor allem in Nischen überleben; so etwa in den albanischen Gemeinden in Süditalien oder in der starken Emigration im Westen.
Mittlerweile liegt von Martin Camaj (1925 bis 1992), einem der wichtigsten Vertreter der albanischen Emigrationsliteratur, ein zweisprachiger Gedichtband vor, der auf eindrückliche Weise die Möglichkeiten einer impressionistischen Lyrik in freien Versen dokumentiert. Im Albanien von Hoxha selbst gab es ausserhalb des staatlich verordneten sozialistischen Realismus nur wenig Spielraum für eine freie Kunstentwicklung. Erst seit 1990, als die staatliche Isolationspolitik auf Druck von der Strasse hin beendet werden musste, befindet sich das Land auf dem
schwierigen und langen Weg zu einer kulturellen Öffnung.
Ulrich M. Schmid -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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