Pressestimmen
"Arturo Pérez-Reverte findet einen absolut stimmigen Ton für seine Erzählung, er würzt mit der nötigen Dosis Intrigen, die Sprache passt sich der Zeit, in der die historische Handlung spielt, so an, als seien wir Zeugen dieser Zeit." (La Verdad )
"Eine direkte, lebendige Sprache, voller umgangssprachlicher Redewendungen, Sprichwörter, Witze - eine Schreibweise, die uns die Lust am Lesen und am Abenteuerroman zurückbringt." (El Ideal )
Kurzbeschreibung
„Er war nicht der ehrlichste Mann, auch nicht der barmherzigste, aber er war ein mutiger Mann.“ Mit diesen Worten beginnt „Alatriste“, die Geschichte eines altgedienten flandrischen Soldaten, der als schlecht bezahlter Söldner im Madrid des 17. Jahrhunderts sein Leben fristet. Seine gefährlichen und leidenschaftlichen Abenteuer lassen uns atemlos eintauchen in die Welt des spanischen Hofes mit all seinen Intrigen, in finstere Gassen und in die Tavernen, in denen Francisco de Quevedo seine Sonette inmitten von Gelagen und Schlägereien dichtet.
Klappentext
Alerta
"Arturo Pérez-Reverte findet einen absolut stimmigen Ton für seine Erzählung, er würzt mit der nötigen Dosis Intrigen, die Sprache passt sich der Zeit, in der die historische Handlung spielt, so an, als seien wir Zeugen dieser Zeit."
La Verdad
"Eine direkte, lebendige Sprache, voller umgangssprachlicher Redewendungen, Sprichwörter, Witze - eine Schreibweise, die uns die Lust am Lesen und am Abenteuerroman zurückbringt."
El Ideal
Über den Autor
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Er war nicht der größte Ehrenmann und auch nicht der Frömmste, aber er war ein tapferer Mann. Er hieß Diego Alatriste y Tenorio, und er hatte als Soldat der alten spanischen Regimenter in den flandrischen Kriegen gekämpft. Als ich ihn kennen lernte, schlug er sich recht und schlecht in Madrid durch, nahm für eine Hand voll Münzen wenig ruhmvolle Aufträge an, stellte seinen Degen oft in den Dienst anderer, die nicht die nötige Gewandtheit und den Wagemut hatten, ihre eigenen Händel auszufechten. Sie wissen ja: hier ein gehörnter Ehemann, dort ein Rechtsstreit oder eine zweifelhafte Erbschaft, nur halb bezahlte Spielschulden und noch ein paar Undsoweiter. Jetzt lässt sich so etwas leicht bekritteln; damals aber war die Hauptstadt der spanischen Reiche ein Ort, wo man sein Leben mit allen möglichen Einfällen fristen musste, an einer Straßenecke, wenn sich zwei blinkende Klingen kreuzten. Alle derartigen Aufgaben erledigte Diego Alatriste ohne jede Mühe. Er bewies großes Geschick, wenn es darum ging, den Degen zu ziehen, und am besten konnte er, weil er sich unauffällig der Linken bediente, mit dem schmalen und langen Dolch umgehen, den manche Baskenklinge nennen und den Berufsfechter oft zu Hilfe nahmen. Ein Stoß mit der Rechten und ein anderer mit der Baskenklinge, sagte man gern. Der Gegner hatte damit zu tun, mit feinen Fechtkünsten Degenstöße zu versetzen und abzuwehren, und in die Gedärme traf ihn auf einmal von unten ein kurzer, blitzschneller Stich, der ihm nicht einmal Zeit ließ, nach der Beichte zu verlangen. Jawohl. Das waren harte Zeiten, wie ich Ihnen schon gesagt habe.
Hauptmann Alatriste lebte also von seinem Degen. Soweit ich es beurteilen kann, war das mit dem Hauptmann eher ein Spitzname als ein wirklicher Dienstgrad. Den Titel hatte er sich vor langer Zeit verdient: Als er in den Kriegen des Königs kämpfte und eines Nachts zusammen mit neunundzwanzig Waffengefährten und einem richtigen Hauptmann einen eisigen Fluss durchwaten musste - stellen Sie sich das vor, man ließ innerlich Spanien hochleben und all diese Geschichten, mit dem Degen zwischen den Zähnen und dem Hemd über der Rüstung, damit man im Schnee nicht auffiel und eine Abteilung der Holländer überrumpeln konnte. Denn die waren damals unsere Feinde, wollten sie sich doch einfach unabhängig machen: Undank ist der Welt Lohn. Jedenfalls kam es so, dass sie tatsächlich unabhängig wurden, aber bis dahin haben wir ihnen recht übel mitgespielt. Um auf den Hauptmann zurückzukommen: Der Plan war, dass sie sich dort am Flussufer - oder auf dem Deich oder was zum Teufel auch immer es war - halten sollten, bis die Truppen unseres Herrn, des Königs, im Morgengrauen angreifen würden, um sich mit ihnen zu vereinigen. Kurz und gut, die Ketzer wurden gründlich abgestochen, ohne dass man ihnen Zeit ließ, den Mund aufzureißen. Sie schliefen wie die Murmeltiere, da stiegen unsere Leute aus dem Wasser und hatten Lust, sich aufzuwärmen, und sie schüttelten die Kälte ab, indem sie die Ketzer zur Hölle - oder wo die verdammten Lutheraner sonst hinkommen - schickten. Das Schlimme war, dass dann der Tag anbrach und der Morgen verging, und der neue spanische Angriff blieb aus. Das lag, wie man später erzählte, an Eifersüchteleien zwischen Reiterobristen und Generalen. Immerhin steht fest, dass die einunddreißig dort ihrem Schicksal überlassen blieben, sosehr sie auch fluchten, den Himmel anriefen und Verwünschungen ausstießen. Die Holländer hatten sie umzingelt und wollten unbedingt ihre abgestochenen Kameraden rächen. Sie waren hoffnungsloser verloren als die Unbesiegbare Armada des guten Königs Philipp des Zweiten. Das war ein langer und ganz übler Tag. Damit Sie sich das vorstellen können: Nur zwei Spanier haben es geschafft, sich ans andere Ufer zurückzuretten, als es Nacht wurde. Diego Alatriste war einer der beiden. Und weil er die Truppe den ganzen Tag über befehligt hatte - den richtigen Hauptmann hatten sie beim ersten Scharmützel ins Jenseits befördert, dem schaute eine zwei Spannen lange Stahlklinge aus dem Rücken hervor -, blieb der Spitzname an ihm hängen, obwohl er nie zu diesem Rang aufstieg. Hauptmann für einen Tag, Befehlshaber einer zum Tode verurteilte Truppe, die ihre Haut teuer verkaufte und auf gut Spanisch fluchte, als einer nach dem anderen zum Teufel ging, den Fluss im Rücken. So geht es zu im Krieg, diesem Mahlstrom. So geht es zu in Spanien.
Nun ja. Mein Vater war der andere spanische Soldat, der in der Nacht damals zurückkehrte. Er hieß Lope de Balboa, war Baske und auch ein tapferer Mann. Diego Alatriste und er sollen sehr gute Freunde, beinahe wie Brüder gewesen sein; und das muss wohl stimmen, denn danach, als man meinen Vater in einer Bastion von Jülich mit einem Arkebusenschuss tötete - darum konnte ihn Diego Veläzquez später nicht auf dem Bild darstellen, das die Einnahme von Breda zeigt; anders erging es seinem Freund und Namensvetter Alatriste, der dort wirklich erscheint, er steht hinter dem Pferd -, schwor er, sich um mich zu kümmern, wenn ich heranwuchs. Kurz vor meinem dreizehnten Geburtstag schnürte darum meine Mutter ein Hemd, eine Hose, einen Rosenkranz und ein Stück Brot zu einem Bündel zusammen und schickte mich zum Hauptmann, wofür sie die Reise eines Vetters nutzte, der nach Madrid fuhr. So ging ich, halb als Diener und halb als Page, beim Freund meines Vaters in Stellung.
Unter uns gesagt: Wenn meine Mutter den Hauptmann genau gekannt hätte, bezweifle ich sehr, dass sie mich so unbekümmert in seinen Dienst gegeben hätte. Aber ich vermute, dass der Hauptmannsrang, auch wenn er unecht war, seiner Persönlichkeit einen ehrbaren Anstrich gab. Außerdem ging es meiner armen Mutter nicht gut, und sie musste noch zwei Töchter ernähren. Auf diese Weise befreite sie sich von einem Esser und bot mir die Möglichkeit, mein Glück in der Residenzstadt zu suchen. Deshalb schickte sie mich mit ihrem Vetter los, ohne sich nach weiteren Einzelheiten zu erkundigen. Sie gab mir einen ausführlichen Brief mit, den unser Dorfpfarrer geschrieben hatte. Darin erinnerte sie Diego Alatriste an sein Versprechen und seine Freundschaft mit dem Verstorbenen. Ich weiß noch, dass er, als ich in seinen Dienst trat, erst kurz zuvor aus Flandern zurückgekehrt war, weil eine hässliche Wunde an einer Körperseite, die man ihm in Fleurus beigebracht hatte, noch frisch war und ihm sehr weh tat; und ich, der Neuankömmling, ängstlich und schreckhaft wie eine Maus, lag nachts auf meinem Strohsack und hörte, wie er in seinem Zimmer auf und ab lief, weil er keinen Schlaf finden konnte. Manchmal merkte ich, dass er ein Liedchen leise vor sich hin summte, das von heftigen Schmerzen unterbrochen wurde. Dann kamen Verse Lope de Vegas, eine Verwünschung oder ein lauter Kommentar, den er halb schicksalsergeben und halb über die Lage belustigt zu sich selbst sagte. Das war sehr bezeichnend für den Hauptmann: dass er all seine Übel und Missgeschicke als so etwas wie einen unvermeidlichen Scherz ansah, den sich ein alter, pervers veranlagter Bekannter hin und wieder zu seinem Vergnügen mit ihm erlaubte. Vielleicht war dies der Grund für seinen ganz besonderen, mürrischen, unerschütterlichen und hoffnungslosen Humor.
Seitdem ist ungeheuer viel Zeit vergangen, und ich komme ein bisschen mit den Jahreszahlen durcheinander. Doch die Geschichte, die ich Ihnen erzählen will, muss etwas später als sechzehnhundertzwanzig passiert sein, so ungefähr. Es geht um das Abenteuer mit den Maskierten und den beiden Engländern, das in der Residenz für reichlich Gesprächsstoff sorgte. Dabei hätte der Hauptmann nicht nur beinahe seine zusammengeflickte Haut gelassen, die er in Flandern, vor dem Türken und den berberischen Korsaren retten konnte, sondern es brachte ihm auch zwei Feinde ein, die ihm dann in seinem restlichen Leben unbarmherzig nachstellten. Ich meine Luis de Alquézar, den Sekretär unseres Herrn, des Königs, und seinen finsteren italienischen...
Auszug aus Alatriste. von Arturo Perez-Reverte, Arturo Perez- Reverte, Ulrich Kunzmann. Copyright © 2006. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Er war nicht der größte Ehrenmann und auch nicht der Frömmste, aber er war ein tapferer Mann. Er hieß Diego Alatriste y Tenorio, und er hatte als Soldat der alten spanischen Regimenter in den flandrischen Kriegen gekämpft. Als ich ihn kennen lernte, schlug er sich recht und schlecht in Madrid durch, nahm für eine Hand voll Münzen wenig ruhmvolle Aufträge an, stellte seinen Degen oft in den Dienst anderer, die nicht die nötige Gewandtheit und den Wagemut hatten, ihre eigenen Händel auszufechten. Sie wissen ja: hier ein gehörnter Ehemann, dort ein Rechtsstreit oder eine zweifelhafte Erbschaft, nur halb bezahlte Spielschulden und noch ein paar Undsoweiter. Jetzt lässt sich so etwas leicht bekritteln; damals aber war die Hauptstadt der spanischen Reiche ein Ort, wo man sein Leben mit allen möglichen Einfällen fristen musste, an einer Straßenecke, wenn sich zwei blinkende Klingen kreuzten. Alle derartigen Aufgaben erledigte Diego Alatriste ohne jede Mühe. Er bewies großes Geschick, wenn es darum ging, den Degen zu ziehen, und am besten konnte er, weil er sich unauffällig der Linken bediente, mit dem schmalen und langen Dolch umgehen, den manche Baskenklinge nennen und den Berufsfechter oft zu Hilfe nahmen. Ein Stoß mit der Rechten und ein anderer mit der Baskenklinge, sagte man gern. Der Gegner hatte damit zu tun, mit feinen Fechtkünsten Degenstöße zu versetzen und abzuwehren, und in die Gedärme traf ihn auf einmal von unten ein kurzer, blitzschneller Stich, der ihm nicht einmal Zeit ließ, nach der Beichte zu verlangen. Jawohl. Das waren harte Zeiten, wie ich Ihnen schon gesagt habe.
Hauptmann Alatriste lebte also von seinem Degen. Soweit ich es beurteilen kann, war das mit dem Hauptmann eher ein Spitzname als ein wirklicher Dienstgrad. Den Titel hatte er sich vor langer Zeit verdient: Als er in den Kriegen des Königs kämpfte und eines Nachts zusammen mit neunundzwanzig Waffengefährten und einem richtigen Hauptmann einen eisigen Fluss durchwaten musste - stellen Sie sich das vor, man ließ innerlich Spanien hochleben und all diese Geschichten, mit dem Degen zwischen den Zähnen und dem Hemd über der Rüstung, damit man im Schnee nicht auffiel und eine Abteilung der Holländer überrumpeln konnte. Denn die waren damals unsere Feinde, wollten sie sich doch einfach unabhängig machen: Undank ist der Welt Lohn. Jedenfalls kam es so, dass sie tatsächlich unabhängig wurden, aber bis dahin haben wir ihnen recht übel mitgespielt. Um auf den Hauptmann zurückzukommen: Der Plan war, dass sie sich dort am Flussufer - oder auf dem Deich oder was zum Teufel auch immer es war - halten sollten, bis die Truppen unseres Herrn, des Königs, im Morgengrauen angreifen würden, um sich mit ihnen zu vereinigen. Kurz und gut, die Ketzer wurden gründlich abgestochen, ohne dass man ihnen Zeit ließ, den Mund aufzureißen. Sie schliefen wie die Murmeltiere, da stiegen unsere Leute aus dem Wasser und hatten Lust, sich aufzuwärmen, und sie schüttelten die Kälte ab, indem sie die Ketzer zur Hölle - oder wo die verdammten Lutheraner sonst hinkommen - schickten. Das Schlimme war, dass dann der Tag anbrach und der Morgen verging, und der neue spanische Angriff blieb aus. Das lag, wie man später erzählte, an Eifersüchteleien zwischen Reiterobristen und Generalen. Immerhin steht fest, dass die einunddreißig dort ihrem Schicksal überlassen blieben, sosehr sie auch fluchten, den Himmel anriefen und Verwünschungen ausstießen. Die Holländer hatten sie umzingelt und wollten unbedingt ihre abgestochenen Kameraden rächen. Sie waren hoffnungsloser verloren als die Unbesiegbare Armada des guten Königs Philipp des Zweiten. Das war ein langer und ganz übler Tag. Damit Sie sich das vorstellen können: Nur zwei Spanier haben es geschafft, sich ans andere Ufer zurückzuretten, als es Nacht wurde. Diego Alatriste war einer der beiden. Und weil er die Truppe den ganzen Tag über befehligt hatte - den richtigen Hauptmann hatten sie beim ersten Scharmützel ins Jenseits befördert, dem schaute eine zwei Spannen lange Stahlklinge aus dem Rücken hervor -, blieb der Spitzname an ihm hängen, obwohl er nie zu diesem Rang aufstieg. Hauptmann für einen Tag, Befehlshaber einer zum Tode verurteilte Truppe, die ihre Haut teuer verkaufte und auf gut Spanisch fluchte, als einer nach dem anderen zum Teufel ging, den Fluss im Rücken. So geht es zu im Krieg, diesem Mahlstrom. So geht es zu in Spanien.
Nun ja. Mein Vater war der andere spanische Soldat, der in der Nacht damals zurückkehrte. Er hieß Lope de Balboa, war Baske und auch ein tapferer Mann. Diego Alatriste und er sollen sehr gute Freunde, beinahe wie Brüder gewesen sein; und das muss wohl stimmen, denn danach, als man meinen Vater in einer Bastion von Jülich mit einem Arkebusenschuss tötete - darum konnte ihn Diego Veläzquez später nicht auf dem Bild darstellen, das die Einnahme von Breda zeigt; anders erging es seinem Freund und Namensvetter Alatriste, der dort wirklich erscheint, er steht hinter dem Pferd -, schwor er, sich um mich zu kümmern, wenn ich heranwuchs. Kurz vor meinem dreizehnten Geburtstag schnürte darum meine Mutter ein Hemd, eine Hose, einen Rosenkranz und ein Stück Brot zu einem Bündel zusammen und schickte mich zum Hauptmann, wofür sie die Reise eines Vetters nutzte, der nach Madrid fuhr. So ging ich, halb als Diener und halb als Page, beim Freund meines Vaters in Stellung.
Unter uns gesagt: Wenn meine Mutter den Hauptmann genau gekannt hätte, bezweifle ich sehr, dass sie mich so unbekümmert in seinen Dienst gegeben hätte. Aber ich vermute, dass der Hauptmannsrang, auch wenn er unecht war, seiner Persönlichkeit einen ehrbaren Anstrich gab. Außerdem ging es meiner armen Mutter nicht gut, und sie musste noch zwei Töchter ernähren. Auf diese Weise befreite sie sich von einem Esser und bot mir die Möglichkeit, mein Glück in der Residenzstadt zu suchen. Deshalb schickte sie mich mit ihrem Vetter los, ohne sich nach weiteren Einzelheiten zu erkundigen. Sie gab mir einen ausführlichen Brief mit, den unser Dorfpfarrer geschrieben hatte. Darin erinnerte sie Diego Alatriste an sein Versprechen und seine Freundschaft mit dem Verstorbenen. Ich weiß noch, dass er, als ich in seinen Dienst trat, erst kurz zuvor aus Flandern zurückgekehrt war, weil eine hässliche Wunde an einer Körperseite, die man ihm in Fleurus beigebracht hatte, noch frisch war und ihm sehr weh tat; und ich, der Neuankömmling, ängstlich und schreckhaft wie eine Maus, lag nachts auf meinem Strohsack und hörte, wie er in seinem Zimmer auf und ab lief, weil er keinen Schlaf finden konnte. Manchmal merkte ich, dass er ein Liedchen leise vor sich hin summte, das von heftigen Schmerzen unterbrochen wurde. Dann kamen Verse Lope de Vegas, eine Verwünschung oder ein lauter Kommentar, den er halb schicksalsergeben und halb über die Lage belustigt zu sich selbst sagte. Das war sehr bezeichnend für den Hauptmann: dass er all seine Übel und Missgeschicke als so etwas wie einen unvermeidlichen Scherz ansah, den sich ein alter, pervers veranlagter Bekannter hin und wieder zu seinem Vergnügen mit ihm erlaubte. Vielleicht war dies der Grund für seinen ganz besonderen, mürrischen, unerschütterlichen und hoffnungslosen Humor.
Seitdem ist ungeheuer viel Zeit vergangen, und ich komme ein bisschen mit den Jahreszahlen durcheinander. Doch die Geschichte, die ich Ihnen erzählen will, muss etwas später als sechzehnhundertzwanzig passiert sein, so ungefähr. Es geht um das Abenteuer mit den Maskierten und den beiden Engländern, das in der Residenz für reichlich Gesprächsstoff sorgte. Dabei hätte der Hauptmann nicht nur beinahe seine zusammengeflickte Haut gelassen, die er in Flandern, vor dem Türken und den berberischen Korsaren retten konnte, sondern es brachte ihm auch zwei Feinde ein, die ihm dann in seinem restlichen Leben unbarmherzig nachstellten. Ich meine Luis de Alquézar, den Sekretär unseres Herrn, des Königs, und seinen finsteren italienischen Mordgehilfen, einen schweigsamen und gefährlichen Schläger mit Namen Gualterio Malatesta, der so sehr daran gewöhnt war, die Leute hinterrücks umzubringen, dass er, wenn er jemanden zufällig von vorn erledigte, in tiefe Verzweiflung versank und sich einbildete, seine Fähigkeiten zu verlieren. Es war auch das Jahr, in dem ich mich bis über beide Ohren und für immer in Angélica de Alquézar verliebte, die so verdorben und niederträchtig war, wie es nur das Böse sein kann, wenn es die Gestalt eines blonden, elf- oder zwölfjährigen Mädchens annimmt. Aber erzählen wir alles der Reihe nach.
Ich heiße Íñigo. Und mein Name war das Erste, was Hauptmann Alatriste an dem Morgen sagte, an dem sie ihn aus dem alten Stadtgefängnis freiließen, wo er wegen unbezahlter Schulden drei Wochen auf Kosten des Königs zugebracht hatte. Das mit den Kosten ist eine Redensart, denn in diesem Gefängnis wie in den anderen der damaligen Zeit war der einzige Luxus - und zum Luxus gehörte das Essen - der, den ein jeder aus der eigenen Tasche bezahlen konnte. Obwohl sie den Hauptmann beinahe mittellos ins Loch gesperrt hatten, durfte er glücklicherweise mit dem Beistand nicht weniger Freunde rechnen. So halfen sie ihm denn abwechselnd während seiner Haft, die sich dank einiger gehaltvoller Suppen leichter ertragen ließ. Caridad la Lebrijana, die Besitzerin des Wirtshauses »Zum Türken«, beauftragte mich manchmal, sie ihm zu bringen, und dazu kamen ein paar Vierrealenstücke, die ihm seine Kumpane Don Francisco de Quevedo, Juan Vicuña und noch der eine oder andere zusteckten. Vor allem Übrigen, und damit meine ich die besonderen Widerwärtigkeiten eines Gefängnisses, konnte sich der Hauptmann wie kein anderer in Acht nehmen: Allgemein bekannt war in der damaligen Zeit der bei den Zuchthäuslern anzutreffende Hang, ihre Leidensgefährten um ihre Habe, Kleidung und sogar Schuhe zu erleichtern. Aber Diego Alatriste war in Madrid gut genug bekannt; und wer ihn nicht kannte, musste bald feststellen, dass es gesünder war, ihn mit großer Vorsicht zu behandeln. Wie ich später erfuhr, war das Erste, was er tat, als er in den Käfig eintrat, dass er geradewegs auf den gefährlichsten Raufbold unter den Sträflingen zuging, und nachdem er ihn mit ausgesuchter Höflichkeit begrüßt hatte, setzte er ihm ein kurzes Schlächtermesser an die Kehle, das man ihm nicht abgenommen hatte, weil er dem Wärter ein paar Kupfermünzen in die Hand drückte. Das wirkte Wunder. Nach dieser unmissverständlichen Grundsatzerklärung wagte es keiner, den Hauptmann zu belästigen. Fortan konnte er ruhig schlafen. Er wickelte sich in seinen Mantel und legte sich in einen mehr oder weniger sauberen Winkel der Anstalt. Ihn schützte sein Ruf eines beherzten Mannes. Danach verteilte er großzügig die Suppen der Lebrijana und die Weinflaschen, die er dem Kerkermeister mit den Hilfsgeldern seiner Kumpane abgekauft hatte. Das brachte ihm hinter Gittern zuverlässige und treue Freundschaften ein, selbst die des Eisenfressers vom ersten Tag, eines Corduaners, dessen Spitzname Bartolo Feuerkacker war und der zwar gern mit üblen Strolchen umging, regelmäßig Zuflucht in den Kirchen suchte und häufig ins Loch wanderte, jedoch überhaupt nicht nachtragend war. Das war einer der Vorzüge Diego Alatristes: Sogar in der Hölle konnte er Freunde gewinnen.
Es klingt unglaublich. Ich erinnere mich ja nicht genau an das Jahr - es war das zwei- oder dreiundzwanzigste des Jahrhunderts -, aber ich bin mir sicher, dass der Hauptmann an einem blauen und klaren Madrider Morgen, der so kalt war, dass einem der Atem stockte, aus dem Gefängnis trat. Seit jenem Tag, der unser Leben so gründlich verändern sollte - davon ahnten wir beide noch nichts -, ist viel Zeit vergangen und viel Wasser unter den Brücken des Manzanares hindurchgeflossen; aber es kommt mir immer noch so vor, als sähe ich den dürren und unrasierten Diego Alatriste vor mir, wie er an der Schwelle steht, während sich das schwarze, mit Nägeln verzierte Holztor hinter ihm schließt. Ich erinnere mich deutlich, wie er blinzelte, weil ihn das helle Straßenlicht blendete. Er hatte einen dicken Knebelbart, der seine Oberlippe verbarg. Seine schmale Gestalt war in eine Capa gehüllt, und im Schatten des breitkrempigen Hutes hielt er die glänzenden, geblendeten Augen halb geschlossen. Nachdem sie mich auf einer kleinen Bank des Platzes entdeckt hatten, schien es, als lächelten sie. Der Blick des Hauptmanns hatte etwas Einzigartiges: Oft war er sehr klar und sehr kalt, blaugrün wie Pfützenwasser an einem Wintermorgen. Dann wieder konnte er plötzlich in einem herzlichen und liebenswürdigen Lächeln aufleuchten, wie ein warmer Lichtstrahl, der eine Eisscholle zum Schmelzen bringt. Dabei blieb sein Gesichtsausdruck ernst, ausdruckslos und gravitätisch. Außer diesem Lächeln zeigte er noch ein anderes, das unheimlicher aussah und das er den Augenblicken der Gefahr oder Traurigkeit vorbehielt: eine Grimasse unter dem Knebelbart, die diesen leicht zum linken Mundwinkel hinunterbog und immer bedrohlich wie ein Degenstoß - der gewöhnlich auf der Stelle folgte - oder aber unheilvoll wie ein schlimmes Vorzeichen wirkte, wenn es sich nach mehreren Flaschen Wein zeigte, die der Hauptmann an seinen schweigsamen Tagen gewöhnlich allein leerte. Anderthalb Maß, ohne Atem zu holen, und dann diese Geste, sich mit dem Handrücken den Bart trockenzustreichen, während er mit abwesendem Blick auf die Wand gegenüber starrte. Flaschenweise Wein, »um die Gespenster zu erledigen«, pflegte er zu sagen, obwohl er sie nie vollständig erledigen konnte.
Das Lächeln, das er mir an dem Morgen damals widmete, als er entdeckte, dass ich auf ihn wartete, gehörte zur ersten Art: Es ließ seine Augen aufleuchten, widerlegte den unerschütterlichen Ernst des Gesichtsausdrucks und den abweisenden Klang, den er seinen Worten oft geben wollte, auch wenn ihn eigentlich ganz andere Gefühle beseelten. Er sah nach rechts und nach links die Straße hinunter, schien zufrieden, als er entdeckte, dass kein neuer Gläubiger auf ihn lauerte, und ging auf mich zu, zog sich trotz der Kälte den Mantel aus, knüllte ihn zusammen und warf ihn mir zu.
»Inigo«, sagte er, »den musst du abkochen. Der ist völlig verwanzt.«
Der Mantel stank wie die Pest, genau wie er selbst. Auch in seiner Wäsche wimmelte es so von Ungeziefer, dass diese Biester ein ganzes Stierohr auf einmal hätten verspeisen können. Aber das Problem war kaum eine Stunde später vollständig erledigt: im Badehaus Mendos des Toskaners, eines Baders, der in seiner Jugend als Soldat in Neapel gedient hatte, eine hohe Meinung von Diego Alatriste besaß und ihm Kredit gab. Als ich mit frischer Wäsche und dem einzigen Ersatzanzug eintraf - der Hauptmann verwahrte ihn in dem wurmstichigen Schrank, den wir als Kleiderkasten benutzten -, entdeckte ich ihn, wie er in einer Holzwanne voll schmutzigen Wassers stand und sich abtrocknete. Der Toskaner hatte ihm den Bart sorgfältig barbiert, und das braune, kurze, feuchte und nach hinten gekämmte Haar, das von einem Mittelscheitel in zwei Hälften geteilt war, ließ eine breite, von der Sonne im Gefängnishof braun gebrannte Stirn mit einer kleinen Narbe frei, die sich zur linken Augenbraue hinabzog. Während er sich fertig abtrocknete und Hemd und Unterhose anzog, betrachtete ich die anderen Narben, die ich schon kannte. Eine halbmondförmige befand sich zwischen Bauchnabel und rechter Brustwarze. Noch eine lange lief im Zickzack an einem Oberschenkel entlang. Beide stammten von einer blanken Waffe, einem Degen oder Dolch, anders als eine vierte an der Schulter, sie hatte die unverwechselbare Form eines Sterns, wie sie eine Schusswunde hinterlässt. Die fünfte war die neueste und noch nicht vollständig ausgeheilt, eben-jene, die ihn nachts daran hinderte, richtig zu schlafen: eine violette, beinahe spannengroße, mehr als ein Jahr alte Schmarre an der linken Seite, eine Erinnerung an die Schlacht von Fleurus. Manchmal öffnete sie sich und eiterte; allerdings sah sie an dem Tag damals, als ihr Träger aus der Wanne stieg, gar nicht so schlimm aus.
Ich half ihm, während er sich langsam und achtlos das dunkelgraue Wams und die Beinkleider von derselben Farbe anzog. Diese waren so genannte wallonische Pluderhosen, die an den Knien abschlossen, über Halbstiefeln, die die Flickstellen der Strümpfe verdeckten. Dann legte er den Ledergürtel an, den ich während seiner Abwesenheit sorgfältig eingefettet hatte. Er steckte den Degen mit den großen Bügeln hinein, dessen Klinge und Korb die Spuren, Scharten und Schrammen anderer Tage und anderer Waffen trugen. Es war ein guter, langer, in Toledo hergestellter, gefährlicher Degen, der mit einem so endlosen metallischen Zischen, dass man eine Gänsehaut bekam, in der Scheide verschwand oder aus ihr hervorschnellte. Hierauf studierte er einen Augenblick sein Aussehen in einem ramponierten Halbspiegel, der im Zimmer stand, und er deutete ein erschöpftes Lächeln an.
»Gott ist mein Zeuge«, stieß er zwischen den Zähnen hervor, »dass ich Durst habe.«
Ohne weitere Erklärungen stieg er vor mir die Treppe hinunter, und dann lief er durch die Calle de Toledo bis zum Wirtshaus »Zum Türken«. Da er keinen Mantel anhatte, bewegte er sich auf der Sonnenseite, mit hoch erhobenem Kopf und der zerzausten roten Feder am Hutband. Er berührte leicht die breite Hutkrempe, wenn er einen Bekannten begrüßte, oder er zog den Hut, wenn er einigermaßen distinguierten Damen begegnete. Geistesabwesend lief ich ihm nach und beobachtete die auf der Straße spielenden Gassenjungen, die Gemüsehändlerinnen unter den Arkaden und die Müßiggänger, die sich an der Jesuitenkirche sonnten, in Gruppen zusammenstanden und plauderten. Obwohl ich nie übermäßig unschuldig gewesen bin und die Monate, die ich schon in diesem Viertel lebte, mir die Augen geöffnet hatten, war ich immer noch ein junger und neugieriger Bursche, der mit höchst erstaunten Blicken die Welt entdeckte und sich bemühte, nicht das Geringste zu verpassen. Da tauchte ein Wagen auf. Ich hörte nur die Hufe der zwei Mauleselinnen, die als Zugtiere dienten, und die Räder, die hinter uns heranrollten. Zunächst kümmerte ich mich kaum darum. Es war etwas Gewöhnliches, dass Kutschen und Karossen vorüberfuhren, denn die Straße war ein üblicher Verbindungsweg, wenn man zur Plaza Mayor und zum Königsschloss gelangen wollte. Doch als uns das Gefährt erreicht hatte, sah ich kurz auf und erblickte eine Wagentür, die kein Wappenschild trug, und am Fenster das Gesicht eines Mädchens mit blondem Lockenhaar. Sie hatte die blauesten, klarsten und aufregendsten Augen, die ich in meinem ganzen Leben betrachtet habe. Einen Moment begegneten diese Augen den meinen, und danach entfernten sie sich auf der Straße, von der weiterfahrenden Kutsche davongetragen. Ich erschauerte, ohne dass ich ganz genau begriff, warum. Doch ich wäre noch viel mehr erschauert, wenn ich gewusst hätte, dass mich soeben der Teufel angeblickt hatte.