Spätestens seit dem 11.September 2001 muß das Thema dieses Romans als brisant anmuten. Schließlich ist die Festung „Alamut" der historische Keimpunkt für politisch motivierte Selbstmordattentate, die von fanatischen Glaubensanhängern ausgeübt werden.
Die Geschichte handelt im Persien um 1090, welches von den Türken (genauer: Seldschuken) beherrscht wird. Der persische Gelehrte und charismatische Glaubensführer, Hassan ibn Saba, einst einer der Mächtigen am Hofe des seldschukischen Schah von Persien, hat sich das nationalistische Ziel gesetzt, sein Land von den Seldschuken zu befreien. Nach 20 Jahren der Verbannung und der Flucht vor den Häschern des Schah, konnte er die strategisch nicht weiter bedeutsame, aber praktisch uneinnehmbare Festung Alamut im nordiranischen Elburs-Gebirge einnehmen. Dort sammelt er seine Anhänger und dort beginnt er auch junge, kräftige, intelligente, tapfere, glaubensfeste aber im Leben noch unerfahrene Männer zu „Feyadins", zu Selbstmordattentätern auszubilden, die ihm willenlos gehorchen .....
Der Roman beschreibt zunächst ausgedehnt diese Ausbildung, welche die jungen Männer in wenigen Monaten in ihrem Wesen verändert. Er beschreibt, welchen verblendenden Einfluß Ehrgefühl, Authoritätsdenken, Religion und Gruppendynamik ausüben können. Und er beschreibt, wie es dem charismatischen Hassan ibn Saba, den die fränkischen Kreuzritter später ehrfürchtig als den „Alten aus den Bergen" bezeichneten, durch sein psychologisches Einfühlungs- und Täuschungsvermögen gelungen ist, ein Versprechen des Koran so glaubwürdig zu vermitteln, daß seine Feyadins dafür gerne in den Tod gegangen sind: das Versprechen von den paradiesischen Jungfrauen. Der Roman schildert eindrucksvoll und spannend die ersten Attentate und deren politische und gesellschaftliche Wirkung. Aus dem blühenden Persien wird ein Sumpf der Bürger- und Erbfolgekriege, welche den gesamten arabischen Raum erfassen.
[Anm: Die Bezeichnung, welche später die Kreuzritter für diese Feyadins gewählt haben, nämlich „Assassinen" ist fest in den englischen Sprachgebrauch eingegangen. „To assassinate" bezeichnet die Ausübung eines politisch motivierten Mordes, bei welchem der Attentäter den eigenen Tod in Kauf nimmt. Die religiös den Schiiten nahestehenden Assassinen festigten über mehrere Generationen ihren Machtbereich und halfen somit, den Iran aus dem unmittelbaren Einflußbereich des (sunnitischen) Kalifates heraus zu lösen und in der Folge das Reich in einen Iran und einen Iraq zu teilen.]
Der slowenische Autor Wladimir Bartol hat den Roman 1938 fertiggestellt. Wenngleich er in seiner feinen und intelligenten Charakterzeichnung den Leser sogar dazu verleitet, Verständnis für Hassan ibn Saba, seine Motive und seine Methoden aufzubringen, muß der Roman doch als Warnung vor der Methodik der (religiös motivierten) politischen Verblendung aufgefaßt werden. Zahlreiche Dialoge widmet der Autor nämlich der Entlarvung den Fanatismus als Ergebnis einer kalt berechnenden und skrupellosen Methodik, die deren Urheber auch noch als Heilsbringer erscheinen läßt. Gedacht mag Wladimir Bartol dabei vielleicht an Hitler und dessen arisch-nationalsozialistischen Fanatiker haben, beschrieben hat er aber das Regime der afghanischen Taliban, welches sich erst Jahrzehnte nach dem Tod des Autos gebildet hat: Auf Alamut war alles verboten, was Freude am Leben aufkommen läßt: Das reicht vom Zusammensein mit Frauen und sogar dem Träumen von Frauen, den Genuß guten Essens, dem Trinken von Wein bis hin zur Zerstreuung durch Spiele und sogar zur Musik, auf deren Spielen die Todesstrafe stand. Je freudloser das wirkliche Leben erscheint, desto sehnsüchtiger erhofft man die zügellosen Freuden des Paradieses im Jenseits.
Ich gebe dem Roman vier Punkte. Den fünften mag ich nicht vergeben, weil die Ausbildungsphase meines Erachtens doch etwas zu ausgedehnt geschildert wurde. Auch fehlt es dem Roman ein wenig an Dichte, vielleicht empfinde ich dies aber nur deshalb so, weil mir die historischen Begebenheiten bereits bekannt waren und mir die dargelegten weltanschaulichen Gedankengänge längst vertraut sind. Wer an der Botschaft des Autors nicht interessiert ist, dem bietet sich immerhin ein phasenweise spannender exotisch-orientalischer Abenteuer-Roman. Aus meiner Sicht eignet dieses Buch, an welchem ich gerne bis spät in die Nacht gelesen habe, auch ideal als Jugendbuch für 13- bis 16-Jährige.
Eine ideale Ergänzung zu der in diesem Roman vorliegenden Perspektive der historischen Ereignisse bietet die atemberaubend dichte und fast märchenhafte Erzählung „Samarkand" von Amin Malouf, die das Leben des Omar Khajjam schildert. Omar Khajjam war seinerzeit ein Freund und Mentor des ehrgeizigen Ibn Saba, ja sogar ein Verbündeter ehe Ibn Saba die Flucht vor dem Schah ergreifen mußte. Aber anders als Ibn Saba war er den Freuden des Lebens sehr zugetan, die ihm mehr bedeuteten als die Macht, die ihm am Hofe mehrmals aufgedrängt wurde und die ihm als Berater des Großwesirs auch eine ständige Quelle von Bedrohung war. Wer hingegen mehr über die unmittelbaren politischen und gesellschaftlichen Auswirkungen der Assassinen in der arabischen Welt wissen möchte, dem kann ich das beinahe romanhaft zu lesende Sachbuch „Die Geschichte der arabischen Völker" von Albert Hourani empfehlen. Die Festung Alamut überstand unbehelligt die über ein Jahrhundert herrschenden Bürger- und Erbfolgekriege, den Mongolenstürmen aber konnte sie nicht mehr widerstehen. Den ersten mongolischen Einfall in den Iran beschreibt in selten erlebter Intensität Malcolm Bosse unter anderem in seinem eindrucksvollen Roman „Der Khan".