Ist es vorstellbar, als Stätte der Heimat einen Wald zu beschreiben, dort, wo in einem Bau, halb unter der Erde, übernachtet wird, der Schlafplatz aus Fellen, die Kopfbedeckung aus Hirschleder besteht und der Speiseplan Hase, Waschbär, Eicheln, Disteln und Rohrkolben bereithält? Moon, der etwa 10-jährige Junge kennt keine andere Heimat, weiß, jedem Tier seine Stimme, jedem Tier seine tödliche Falle zu stellen und jedem Wind, den Wetterbericht für morgen abzulesen. Moon, so möchte man meinen, ist ein Naturkind und doch ist er nur gefesselt an seinen geliebten Vater und muß mit ihm den "Hass auf die Regierung", die Ablehnung jeder modernen Daseinsform teilen. Und schließlich, als Moon seinen Vater in der Schubkarre zu dessen letzten Ruhestätte bringt, wird es tief einsam in und um ihm herum. Selbst die zahlreich geschriebenen Briefe an seinen toten Vater, im Feuer verbrannt, damit dieser sie im aufsteigenden Rauch lesen möge, führen nicht mehr weiter.
Ein Jugendheim für Moon, für jemanden, wo nur die Sonne den Tagesablauf bestimmt, die Kraft zum Überleben die tiefen Wälder Alabamas lehrten? Ein "Alabama Moon", aus den Wäldern heraus katapultiert in die Moderne des 20. Jahrhunderts, Pick-Ups, Sandwiches, TV und eine warme Dusche inklusive - funktioniert das? Es geht! Denn Alabama Moon weiß sehr wohl, sich zu behaupten und kraft seiner Ursprünglichkeit, den Unterschied zwischen Gut und Böse, zwischen Wahrheit und Lüge zu erkennen.
Etwas, und das macht Alabama Moon wirklich liebenswert, lernt dieser auch: Freundschaft. Wenngleich Freundschaft auch nicht eine Erungenschaft der Moderne darstellt, vielmehr immer wieder neu erarbeitet, erfahren sein will, wird sie zum Herzstück von Moon auf dem Weg in eine ihm noch unbekannte, neue Welt. Dafür werden selbst die vom Vater vorgegebenen Wege, etwa sich nach Alaska durchzuschlagen, aufgegeben...
Ein spannendes, Streichhölzer unter die Augen forderndes Buch! Obwohl dieses Buch heute nicht in der Kategorie "Kinder-/Jugendliteratur" eingeordnet wird , eignet es sich hervorragend zum Vorlesen (oder Selberlesen) - für Kids ab etwa acht Jahre. Watt Key, dem jungen Autor dieser aufregenden Erzählung, ist es gelungen - pathetisch formuliert - ewige Wahrheiten auf den Punkt zu bringen: Selbstfindung aus den Kinderschuhen heraus, Wahrheit und Freundschaft. Kurzum: Empfehlenswert für junge und alte Leser!