Mit der 6. Staffel zog die gesamte Produktion von "Akte X" vom kanadischen Vancouver nach Los Angeles um, was Look und Atmosphäre der Serie im Lauf der Zeit stark verändern sollte. Nach "Akte X – Der Film" schafften es Chris Carter und sein Team trotz allem weiterhin starke Geschichten und interessante Erzählformen zu erfinden, um die Serie weiterhin innovativ fortzuführen. Dabei gelang es sogar weitgehend, die typisch düstere Stimmung der ersten Staffeln zu erhalten; viele Episoden spielten nun zwar in sonnigen und heißen Gegenden Amerikas wie Arizona, Texas oder Kalifornien, der Charakter der Serie blieb jedoch gottlob erhalten. Der Autorenkern um Chris Carter und Frank Spotnitz, Vince Gilligan und John Shiban bekam im sechsten Jahr Unterstützung durch David Amann, Jeffrey Bell und Daniel Arkin; das Team schrieb einige der interessantesten Episoden der ganzen Serie.
Um zu signalisieren, daß man nun aber in L.A. angekommen war, entwickelte man nun aber einige interessante Episoden, die als Hommage oder Zitate von bekannten Hollywood-Filmen aufgefaßt werden konnten: "Die Fahrt" war die "Akte-X"-Variante von "Speed", eine buchstäblich rasante Folge, "Die Geister, die ich rief" präsentierte eine Horror-Weihnachtsgeschichte nach klassischen Vorbildern und mit zwei Hollywood-Urgesteinen als Gastdarstellern, Edward Asner und Lily Tomlin. "Montag" erwies sich mit seiner Zeitschleifenkonstruktion als Variation von "Und täglich grüßt das Murmeltier" und im satirischen Zweiteiler "Dreamland" fand sich gar eine Hommage an den Spiegeltanz aus "Die Marx Brothers im Krieg".
Ein Höhepunkt der 22 Folgen umfassenden Staffel ist die von Carter geschriebene und inszenierte Folge "Im Bermuda-Dreieck", die sowohl spannend wie komisch ist und zugleich fast ausschließlich aus Plansequenzen besteht. Zu beobachten, wie die Handlung ganze zehn Minuten ohne Schnitt inszeniert wurde (eine Technik, die der Alfred Hitchcocks in "Cocktail für eine Leiche" nachempfunden ist), tröstet über den eher flachen Plot hinweg. Die Folge macht zumindest viel Spaß und sollte unbedingt im Originalton angesehen werden; viele Schauspieler (Mitch Pileggi oder auch William B. Davis) sprechen hier in ihren Rollen als Nazi-Offiziere deutsch (oder versuchen es zumindest)!
Die "Monster-der-Woche"-Folgen erwiesen sich insgesamt als ungeheuer spannend und mitreißend: "Zeit der Zärtlichkeit" um den Kinderwunsch eines Dämonen, der unsterbliche Fotograf in "Tithonus", "Arkadien", in der Mulder und Scully als Ehepaar (!) verdeckt ermitteln müssen, "Trevor" um einen Häftling, der plötzlich durch Wände gehen kann, und der LSD-artige Trip in "Sporen" erweiterten das Spektrum der "Akte-X"-Geschichten bedeutend. Dazu kam eine komplexe Charakterstudie über Scully in "Milagro", einer Fiktion in der Fiktion über einen Schriftsteller, dessen Fantasie Wirklichkeit zu werden scheint.
Diese 6. Staffel ist in vielerlei Hinsicht die komischste der ganzen Serie: Neben der Doppelfolge "Dreamland" und "Die Geister, die ich rief" finden sich hier auch noch eine zweite "Einsame-Schützen"-Episode mit "Suzanne" und das Baseball-zentrierte Drehbuch- und Regiedebut von David Duchovny "Ex".
Was in der 6. Staffel indes weit hinter den Erwartungen zurückbleibt, sind die Mythologie-Episoden. Die interessanteste Wendung war die Idee, Mulder und Scully zu versetzen und die X-Akten den mit der Verschwörung zusammenarbeitenden Diana Fowley und Jeffrey Spender zu übertragen. Ist schon "Der Anfang" sehr unbefriedigend, so erweist sich auch der Versuch, die allgegenwärtige UFO-Verschwörung zu einem Abschluß zu bringen als Desaster: Die umstrittene Doppelfolge "Zwei Väter" / "Ein Sohn" bricht dem Rückgrat der Serie buchstäblich das Genick. Da hilft es dann auch nicht, daß mit dem obligatorischen Cliffhanger "Artefakte" ein neues, theologisch angehauchtes Kapitel aufgeschlagen wird: Alles Leben auf der Erde stammt aus dem All, inklusive der hier entstandenen Religionen. Das Unheimliche und Paranoide der ursprünglichen Mythologie ist hier nicht mehr vorhanden, was der ganzen Serie leider sehr schadet. Allein das düstere "S.R. 819" kommt an den Stil früherer Mythologie-Folgen heran.
Die DVD-Box bietet erneut eine Dokumentation über die Produktion der Staffel, Erläuterungen zu den Spezialeffekten, unveröffentlichte Szenen und Spots. Trotz einiger kleiner Schwächen (vor allem im "Abschluß" der UFO-Verschwörung) kann auch diese Kollektion vollauf überzeugen. Fans kommen um die 6. Staffel ohnehin nicht herum.