Zu den vielen Auszeichnungen, die Alain de Botton für seine bisherigen Bücher erhielt, kam im Sommer 2009 eine weitere Ehrung hinzu. Der in London lebende Schweizer ist der erste "Writer-in-Residence". Diesen Titel verlieh ihm der Chef eines Unternehmens, das Mehrheitsaktionärs der Flughafengesellschaft BAA und Eigner von Heathrow ist. Dafür musste oder durfte Alain de Botton eine Woche lang auf diesem turbulenten Flughafen verbringen und seine Eindrücke in Worte fassen. Warum der Autor die Annahme dieses Auftrages so ausführlich rechtfertigt, verstehe ich nicht. Aber das liegt wohl auch daran, dass ich einen großen Teil meiner Kindheit auf dem Flughafen verbrachte und mir eine solche Anfrage natürlich wünschen würde. Ich hätte dann allerdings auch über die seltsamen Menschen geschrieben, die Kennzeichen von Flugzeugen sammeln und sich als Spotter bezeichnen.
Seltsame Dinge und Menschen gibt es auf so riesigen Flugplätzen wie Heathrow oder Frankfurt genug, um locker ein mehrbändiges Werk verfassen zu können. Alain de Botton beschränkt sich auf eine Textmenge, die sich innerhalb der heutigen Wartezeiten auf einem Flughafen gleich vor Ort bewältigen lässt. Zumal die tollen Fotografien von Richard Becker viel Raum einnehmen dürfen und den Text hervorragend ergänzen.
Wenn sich ein Historiker, Philosoph und Bestseller-Autor eine Woche lang auf einem Flughafen aufhalten darf und überall Zugang erhält, sind meine Erwartungen an die festgehaltene Beobachtungen hoch. Und Alain de Botton gelingt es denn auch, Szenen einzufangen, die den meisten Fluggästen und Besuchern dieser Welt im Kleinen entgehen. Zudem verbindet er die festgehaltenen Alltagsgeschichten oft mit Gedankengängen, die ihren Reiz durch deren Gewöhnlichkeit erhalten. Er ist also nicht der Versuchung erlegen, einen Flughafen als Metapher für alles Mögliche und Unmögliche einzusetzen. Er hält sich bei der Deutung des Gesehenen meist vornehm zurück und lässt dem Leser genügend Raum für eigene Assoziationen.
Statt sich in akademisch-philosophischen Luftsprüngen zu üben, was beim ungewöhnlichen Arbeitsplatz verständlich wäre, bleibt Alain de Botton auf dem Boden und überlässt das Phantasieren seinem Publikum. Aber, und das ist die Qualität des Buches, die Texte und Bilder regen zu eigenen Beobachtungen an, wecken Erinnerungen und werfen Fragen auf. Eigentlich erstaunlich, dass sein Auftraggeber die Gelegenheit nicht nutzte, mit einem großzügigen Druckbeitrag die Verbreitung dieser Hommage an Heathrow und ähnliche Welten zu fördern. Zumal Alain de Botton keine grundsätzliche Kritik an der Massenfliegerei und den dazu notwendigen Infrastrukturen äußert.
Mein Fazit: Feine, genaue und manchmal überraschende Beobachtungen vom menschlichen Tun und Lassen. Eingefangen an einem Ort, der zwar einiges seiner früheren Faszination und Anziehungskraft verloren hat, aber noch immer Sinnbild für menschliche Urthemen ist. Schön, dass den Schreiber ein Fotograf begleitete, der poetische Zwischentöne ebenso gut beherrscht wie Alain de Botton.