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5.0 von 5 Sternen
Ein Schicksal zum Nachdenken, 11. November 1999
Von Ein Kunde
Dieses Buch hat mir sehr gut gefallen und mich berührt wie kein anderes, weil es u. a. die Blockade in meinem Kopf bezüglich des Nationalsozialismus zum Einsturz gebracht hat und mir so mit meinen 18 Jahren endlich einen Impuls gegeben hat, mich mit diesem Thema ernsthaft auseinanderzusetzen. Bisher konnte ich weder ein Gefühl der Mitschuld noch der Verantwortung für die Taten meines Volkes entwickeln - denn dies kann nicht erzwungen werden, es muß aus einem selber kommen. Und genau das hat "Aimee und Jaguar" bei mir bewirkt.
Ich habe sehr großen Respekt vor Lilly Wust, die mit 85 Jahren trotz vieler schlimmer Erlebnisse nicht grämig und verbittert ist, sondern ihre Erlebnisse und Erfahrungen nun nach außen trägt und weitergibt und sich dem Andenken einer Frau widmet, die seit über 50 Jahren tot ist. Ich finde es großartig und gleichzeitig erschreckend, daß ihre Liebe für Felice auch nach einem halben Jahrhundert noch immer so lebendig und intensiv besteht und nicht erloschen oder verblaßt ist. 55 Jahre - ein Zeitraum, den ich mir gar nicht vorstellen kann!
Und Felice bringt schon als Kind eine gewaltige Courage auf, von der sich jeder ein Stück abschneiden sollte. Trotz vieler Schicksalsschläge behält sie doch ihren Optimismus, schreibt wunderbare Gedichte (wobei hier eine zweifellos kolossale Begabung zum Ausdruck kommt!) und denkt über die Liebe nach. In ständiger Lebensgefahr kann sie sich vielleicht nicht mal in Ruhe mit dem Erwachsenwerden beschäftigen. Auch daß sie aus ihrer Homosexualität keinen Hehl macht, ist zu bewundern, war doch diese Art von Liebe im Dritten Reich bei Strafe verboten! Es kann kein Zufall sein, daß ausgerechnet Felice und Lilly aufeinandertreffen und sich unsterblich ineinander verlieben.
Ich finde es so wichtig, die Welt wissen zu lassen, daß es auch Deutsche wie Lilly Wust gab, die jedes Risiko für ihre Liebe auf sich nahm und diese Liebe sogar dem Nationalsozialismus eine Zeitlang trotzte.
Erica Fischer hat dieses Buch sehr gut und verständlich geschrieben, hat sich aber leider im Nachwort tatsächlich etwas vergalloppiert. Die Äußerung, daß Jaguar wohl nicht bei Aimee geblieben wäre, mag für Lilly wie ein Schlag ins Gesicht gewesen sein, gibt es doch für sie nichts auf dieser Welt, wovon sie mehr überzeugt ist als von der Liebe Felices! Auch kann sich Erica Fischer als Jüdin und Nicht-Deutsche von jeglichem Verantwortungsbewußtsein freisprechen. Dies berechtigt sie meiner Meinung nach aber nicht dazu, Lilly im Nachwort ihrer Geschichte mit zahlreichen subjekiven Äußerungen ("Ihr zuzuhören war ermüdend" - was soll das??) in den Rücken zu fallen. Vielleicht war es von der Autorin gar nicht so gemeint, wohl wird aber dieser Eindruck vermittelt. Es ist ein enormer Vertrauensbeweis von Lillys Seite, vor einer eigentlich fremden Person (der Autorin) ihre Geschichte einer Liebe, die ihr ganzes Leben prägt, auszubreiten. Dafür kann Lilly doch auch ein wenig Respekt und Einfühlungsvermögen bezüglich ihrer Erzählweise erwarten? - Zumal das Buch wohl für Lilly Wust eine ganz an-dere Bedeutung hat als für Erica Fischer, die ja "bloß" ihren Beruf ausübt.
Die Autorin erlaubt Lilly nicht, "den Opferstatus für sich zu beanspruchen". Genausowenig ist aber Erica Fischer selbst ein Opfer gewesen. Trotzdem trägt sie ihre jüdische Identität wie ein Schild vor sich her und ist scheinbar besorgt, diese zu verlieren, wenn sich Lilly eben auch dazugehörig fühlt ("sich hineindrängelt") - wenn Lilly sich jedoch dann "schuldig fühlt", gefällt der Autorin das, und natürlich vergleicht sie sich selbst gerne mit Felice. Einige Passagen im Nachwort erscheinen mir daher überheblich, und das ist sehr schade. Was die Schuldigkeit betrifft: Lilly Wust ist mit Sicherheit keine "schuldige" Deutsche. Nachdem sie den Fehler in ihrem Denken eingesehen hat, tat sie alles, um Felice zu beschützen. Wirklich "schuldig" sind diejenigen, die Spaß hatten an der Macht, die sie über unschuldige Menschen ausüben durften. Z. B. Polizisten, die es genossen, in der Überzahl zu sein, ihre Macht ausgiebig zu demonstrieren. Das erfüllt mich mit einer unglaublichen Wut und mit Abscheu, und das sind die Deutschen, für die ich mich in Grund und Boden schämen könnte! (Es bleibt da nur zu hoffen, daß einige von diesen lang genug gelebt haben, daß sie von dem Buch noch etwas mit-kriegen durften.) Lilly hat ihre Fehler, die sie gemacht hat, zur Genüge eingesehen, und es ist an der Zeit, ihr endlich zu vergeben und sie das auch spüren zu lassen. Wo es so viel Schuldgefühl und jahrelanges schlechtes Gewissen und Haß auf das eigene Volk gibt, da ist meiner Meinung nach auch Platz für viel Respekt und Anerkennung Lilly Wust gegenüber. Alles in allem ist "Aimee und Jaguar" trotz dem suspekten Nachwort ein großartiges Zeitzeugnis und für mich ein sehr wichtiges Buch.
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11 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Bewegend, 20. Februar 2003
Von Ein Kunde
„Aimeé und Jaguar" ist eines der wenigen Bücher, die ich mehrmals gelesen habe. Die Geschichte ist, wohl deshalb, weil man weiß, dass sie wirklich passiert ist, also keine fiktive Erzählung ist, unheimlich bewegend.
Man kann sich sehr gut in die Denkweise und Situation der einzelnen Figuren, nicht nur der Hauptpersonen, hineinversetzen und so ihre Handlungsmotive und Haltungen verstehen.
Vor allem die Fotos und erhaltenen Dokumente, die im Anhang des Buches abgedruckt sind, lassen den Leser völlig in die Geschichte der beiden Frauen eintauchen. Man sieht sie förmlich vor sich, während sie eine Radtour zur Havel machen oder sich gegenseitig auf dem Balkon von Lillys Berliner Wohnung fotografieren. Man leidet mit ihnen mit, wünscht sich ein gutes Ende, malt sich, so wie Lilly, die Zukunft der beiden nach dem Krieg aus und weiß oder ahnt doch, dass es nicht gut ausgehen wird.
Ein weiterer Pluspunkt ist die Tatsache, dass die Geschichte nicht nur aus der Sicht einer einzigen Person geschrieben wurde, sondern dass verschiedene Situationen aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden. Somit kommt nicht nur Lilly zu Wort, sondern beispielsweise auch Felice (durch ihre erhaltenen Briefe) oder noch lebende ehemalige Freundinnen der beiden.
Was mich allerdings verwirrt und gestört hat, waren die zahreichen und riesigen Zeitsprünge, die im Buch vorkommen. Beispielsweise beschreibt die Autorin einmal die aktuelle Lage an der Ostfront im Jahre 1943 um dann mit der Einschätzung von Bernd Wust, Lillys Sohn, über deren Beziehung fortzufahren.
Zurückzuführen ist dies vermutlich auf die Verarbeitung von unheimlich vielen Informationen, wie geschichtliche Daten, die Veränderungen von Deutschlands außenpolitischer Lage oder die zu dieser Zeit immer zahlreicher werdenden Verbote für Juden, die vordergründig wenig mit der eigentlichen Handlung zu tun haben, jedoch wichtig für deren Verständnis sind.
Oftmals sind die Zeitangaben auch ungenau („Am 2. Mai erreicht die Rote Armee Berlin", S.275). Da auch der Kontext keine genaueren Angaben enthält, weiß man gar nicht in welchem Jahr man sich gerade befindet.
Trotz allem aber ist „Aimeé & Jaguar" für mich eines der bewegendsten und zugleich traurigsten Bücher, die ich gelesen habe.
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