Kaum eine Gelegenheit lässt Wolfgang Niedecken aus, und das keineswegs unbegründet, sich für dieses Album zu entschuldigen. Wenn natürlich auch eher indirekt, in Form von Erklärungen und Gewähr von Einblicken in die Entstehungsgeschichte dieses komplett vermurksten sechsten BAP-Albums, bei dem man viel mehr hätte nicht mehr falsch machen können.
Ohne exakt zu wissen wie oft ich diese Platte nun schon gehört habe, um ihr doch noch eine Chance zu geben, und sicherlich war es seltener als alle anderen Alben von BAP, war es dennoch oft genug, als das mir irgendetwas gelungenes hätte entgehen können. Gelungenes gab es durchaus, nicht viel, aber es währe unfair dies nicht herauszuheben.
Zum einen das Cover, was bei der Vinyl-Ausgabe, nicht nur der Größe wegen, noch besser zur Geltung kommt. Auf der Foto-Konstruktion sieht man die Band so wie man sie anno 1986 kannte vor einem Spiegel in einem Friseur-Salon sitzen. Im Spiegel allerdings sitzen aalglatte Business-Yuppies. Das Klapp-Cover der LP ist ausgestanzt, klappt man es auf, sitzen die Geleckten auch vor dem Spiegel.
Ich mag solche Spielereien, die Optik und Haptik machen ein Album begreifbarer, weil bewusster erlebbar, auch wenn die (ausschließlich) mp3-Hörer das wohl nie kapieren, dass ein Album mehr ist, als Datenbrei der unsichtbar in der Virtualität umherdümpelt.
Gelungenen ist außerdem die Substanz der neun Lieder (ungeachtet der Bonus-CD) des Albums. Wenn man sich intensiv durch dieses talentlos anmutende, pseudo-modern klingende, teilweise disharmonische Geklapper und Gequieke hindurchhört und all die nervigen Missgeschicke und Unnötigkeiten versucht auszublenden und zu überhören, wird klar, in den Kompositionen und den Texten hat die Katastrophe dieses Albums nicht ihre Wurzeln. Die Substanz ist gut und hätte bei richtiger Umsetzung ein solides Album abgegeben. Auch da, wohl nicht das beste der BAP-Historie, aber ein Vier-Sterne-Album hätte es werden können.
Im Grunde kann man nur "Time is cash, time is money" als so gewollt stehen lassen. Vermutlich nicht zuletzt, weil der Song für BAP damals ohnehin völlig untypisch war und hier die Arrangement-Experimente tatsächlich passten. Eine Reggae-Satire auf Pauschal-Touristen, die die Trostlosigkeit ihres Alltags-Graus im Jahres-Urlaub auf brutalste Weise und zum Fremdschämen für Beobachter kurieren oder es zu mindest verzweifelt versuchen. Der Song geht in Ordnung.
Der komplette "Rest" des Albums ist absolut unerklärlich! Waren damals im Studio alle mit Taubheit geschlagen? Oder litten an Geschmacks-Lähmung? Oder wollten einfach mal ein potentiell gutes Album mit Volldampf vor die Wand fahren?
Der Produzent des Albums (und nur dieses einen BAP Albums!) war kein geringerer als The Mack, der für u.a. Queen Alben wie "A kind of magic" "The game" oder "Hot space" produzierte. Ein guter Produzent aber, zu denen scheint Reinhold Mack trotz der Welterfolge dennoch nicht zu gehören, hört die Stärken der Kapelle und richtet alles darauf aus, betont diese Stärken, läßt unpassendes weg.
BAP sind nicht Queen und Wolfgang Niedecken ist (den Göttern des Rock sei Dank) nicht Freddy Mercury!
Selbst wenn man, wie ich, mit dem Pop-Hardrock oder Synthie-Metall von Queen der Achtziger nichts anzufangen weiß, hört man doch, dass das perfekt durchdachte Musik ist - das passt alles. Die jaulenden Gitarren, das fröhlichen Synthie-Geplänkel, das druckvoll wummernde Plastik-Schlagzeug, all das passt zum Stil von Queen, den Hymnenhaften Liedern und der schneidend klaren Stimme Freddy Mercurys, aber nicht zu BAP und noch weniger zu Niedecken.
Weil die Stimme wohl auch Mack als störend empfand, hat er sie über weite Strecken soweit nach hinten gemixt, dass man Mühe hat zu erraten, was Niedecken da eigentlich singt - dabei sind die Texte so wichtig für BAP Songs und auch bei diesem Album richtig gut, bei Queen wäre es wohl oft besser gewesen, man hätte sie nicht verstanden! Auf die Idee, dass der Sound möglicherweise nicht zu Stil und Sänger passt, kam der Hit-Produzent anscheinend nicht. Und die zunehmenden Querelen innerhalb der Band führten dann wohl auch dazu, dass das Schlagzeug nur noch klappert und scheppert, weder einen satten Rock-Appeal vermittelt, noch den oben erwähnten Plastik-Wummer-Sound der so typisch war in diesem Jahrzehnt. Es klingt wie ein Schießbude im Hagel, einfach nur fürchterlich.
Die Background-Gesänge sind schlicht ein GAU, schlimmer geht es kaum. In den hilflos nach Klang suchend umherirrenden Arrangements wirken die Hintergrundstimmen oftmals sogar völlig disharmonisch und tonal falsch - grausam!
Kurz, die Lieder sind gänzlich ruiniert worden. Die Substanz war da und wurde von einem planlosen Produzenten (und einer Band die nicht einschritt) vollkommen ramponiert.
"Ahl Männer, aalglatt" ist der beste Beweis, dass Basis-Demokratie in künstlerischen Angelegenheiten nicht funktioniert. Es bedarf einer Person, die weiß was sie will und die ambitionierte Mitstreiter um sich haben muß, die diese Ideen mittragen. BAP (so einige biographische Quellen) diskutierten die Platte damals zu Tode und waren gespalten in den Vorstellungen der musikalischen Entwicklung. Das war ganz sicher der falsche Weg. Erstaunlich nur, dass das damals offenbar niemandem so recht auffiel, denn mit dem Ergebnis konnte wohl keiner zufrieden sein. Selbst die Plattenfirma hat es nicht kassiert und im Giftschrank versteckt.
Das Remaster von 2006 macht die Klang-Katastrophe von 1986 nur transparenter, nicht besser. Wie sollte es auch. Man hört jetzt etliche der unnötigen und meist billigen Effekte deutlicher, alles wirkt entstaubter. Aber ein gegen die Wand gefahrener Wagen, bleibt auch nach intensiver Reinigung eine Schrottkarre - wenn auch eine saubere.
Die einzige Möglichkeit das Album zu retten, wäre es noch einmal einzuspielen. So wie es sich für eine Rock-Combo gehört oder auch unplugged - beides würde funktionieren - aber das wird wohl nicht geschehen. Schade um die grundsätzlich guten Songs!
Drei Sterne auch nur, weil die Bonus-CD einige wirkliche Leckerein aufweist, auch wenn, wie ein anderer Rezensent schon erwähnte, unverständlich bleibt, dass die Maxi-Versionen, die es von den Singles des Albums gab, nicht integriert wurden. Ich kenne diese Versionen zwar nicht und vermutlich handelt es sich auch nur um verlängertes Elend, aber der Vollständigkeit halber hätten sie auf diese Bonus-Ausgabe mit drauf gehört.
Nun wurde aber bei dieser Platte bis hierher schon so viel vergeigt, dass es schon fast konsequent ist, auch bei diesem Re-release zu patzen.