Dieses Buch ist eine wahre Fundgrube, die so viele kleine Schätze enthält, dass es am besten ist, sich viel Zeit mit dem Lesen zu lassen. Ich empfehle ein Kapitel am Tag, maximal zwei. Die Themenvielfalt des Buches macht es schwer, mehr auf einmal zu behalten. Zumindest mir ging es beim ersten Lesen so.
Das Buch bietet in der Tat eine qualitativ und quantitativ hervorragende Hinführung zum Thema Agnostizismus. Herrmann zeigt auf, warum sich viele Menschen gegen Fakten und Vernunft (Empirie und Logik) und für irrationale Autoritätengläubigkeit entscheiden. Ob eine Autorität dabei ein "heiliges" Buch, besondere "Glaubenswahrheiten" oder ein religiöser/politischer Führer ist, kommt im Endeffekt aufs selbe raus.
Herrmann ist ein Insider und Kenner der verlogenen und menschenfeindlichen Haltung der Kirche zu diversen Themen unserer Gesellschaft. Schließlich war er der jüngste Theologieprofessor aller Zeiten, bevor er aufgrund von Zweifeln an der Legitimität des Katechismus seitens der Kirche seines Amtes enthoben wurde. Herrmann weiß, wovon er spricht, wenn er Amtskirche, Dogmen und den Klerus kritisiert und er findet immer ein passendes Zitat großer Denker und Denkerinnen zur Illustration. Insbesondere die Unterdrückung von Frauen und Kindern durch das kirchlich verordnete Patriarchat ist für den Autor ein Kernpunkt seiner Kritik.
Herrmann gelingt es wie keinem Zweiten, die ethischen Unzulänglichkeiten in den "heiligen" Schriften der drei Monotheismen aufzuzeigen. Er vergisst nicht zu erwähnen, dass vor 2000 Jahren andere sozioökonomische Bedingungen geherrscht haben - weißt aber darauf hin, dass wir uns gerade deswegen von den Normen und Werten dieser Bronzezeit-Menschen verabschieden sollten.
Natürlich gibt es auch viele positive Aspekte in den Weltreligionen, aber ihr Mangel an kritischer Reflexion und wissenschaftlicher Redlichkeit gehören gewiss nicht dazu. Dies ist es, was Herrmann stört und weswegen er zu einer agnostischen (=unwissenden) Haltung rät. Wie Sokrates schon sagte: "Ich weiß, dass ich nichts weiß!". Wann hat man diese Formulierung zuletzt von einem Papst gehört?